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Scheibes Kolumne: Alternativsport für PC-Junkies

Am Computer zu arbeiten, verbrennt nicht gerade viele Kalorien. stern.de-Mitarbeiter Scheibe hat deswegen seine eingerosteten Knochen aus dem Bürostuhl gezwungen und nach einem passenden Sport für Bürohengste gesucht. Jetzt tut ihm alles weh.

Zehn Stunden täglich am Computer, das ist für uns Workaholics ja fast schon der Normalzustand. Während dieser Zeit bewegen sich die Augen höchstens millimeterweise nach rechts und links und vielleicht auch ein klein wenig nach oben und nach unten. Der Zeigefinger zuckt auf der Maus herum. Alle anderen Muskeln befinden sich regelrecht im Koma. Ausgenommen vielleicht die internen Muskeln, die dabei helfen, frisch aufgenommene Cola-Liter und Paprika-Chips durch den Verdauungstrakt zu schleusen.

Schluss damit. Ich beschließe, dass ich viel zu viel Zeit vor der PC-Glotze verbringe und zwinge mich dazu, die Welt da draußen neu kennen zu lernen. Sicherlich gibt es hier die eine oder andere Sportart, die nur darauf wartet, von mir entdeckt zu werden.

Hochseilklettergarten: Nackte Angst vor dem Tod

Mit den Kumpeln geht es zunächst in einen Hochseilklettergarten. Der liegt in Treptow vor den Toren Berlins. Mehrere zehn Meter hohe Holzmasten wurden hier in die Erde gerammt. In luftiger Höhe sind viel zu enge Plattformen errichtet worden, von denen aus es dann in die einzelnen "Felder" geht. Das sind sadistische Kletterelemente, die zwei Holzstämme auf möglichst fiese Weise miteinander verbinden.

Ich habe niemandem gesagt, dass ich echte Höhenangst habe. Das ist dummerweise auch nichts, was sich willentlich steuern ließe. Bereits beim Hochklettern an einem der Masten gräbt ein unsichtbares Tier in meinem Magen seine scharfe Krallen in meine Innereien. Oben angekommen, schwanke ich wie ein Seemann bei Windstärke 10, dabei sind nur meine Knie wackelig. Natürlich bin ich gesichert und hänge notfalls an einem Seil, wenn ich den Halt verliere. Aber hält das Seil auch mein Gewicht? Und war der Typ auch nüchtern, der die Rettungsseile gespannt hat?

Ich stehe am Ende auf einer Plattform und soll über einen schmalen Abgrund hinweg auf eine zweite Plattform springen. Im Grunde genommen ist das nur ein kleiner Schritt, wie über eine Pfütze, bei dem man etwas hüpft, um keine nassen Füße zu bekommen. Aber bei einer Pfütze besteht ja auch nicht die Gefahr, nach einem kurzen Fall mit zersplitterten Knochen aus der dampfenden Erde hinauszuragen, nur weil man doch nicht beherzt genug gesprungen ist. Ich brauche zehn Minuten, um mich zu überwinden - und schaffe es. Trotz allem kostet es mich meinen ganzen Mut, auch noch die anderen Felder auszuprobieren. Über einen Balken muss ich balancieren (sind die irre?), an einem Netz muss ich mich entlang hangeln und über ein paar hängende Reifen muss ich auch noch klettern.

Zum Schluss muss ich mich von einer Plattform fallen lassen. Kurz bin ich im freien Fall, bis die Sicherungsleine greift und ich an einer Seilrutsche die zehn Meter Höhenunterschied bis zum Boden wettmache. Als ich festen Boden unter den Füßen habe, beschließe ich, so etwas Dummes nie wieder zu tun. Für die Höhe bin ich einfach nicht geschaffen. Am Ende tauschen wir Adressen mit den anderen Besuchern des Hochseilklettergartens, um uns in luftiger Höhe geschossene Fotos zuzumailen. Ein junger Kerl aus Westdeutschland ist auch mit dabei. Er schaut auf meinen Namen und meint freudig, dass er mich vonstern.de her kennt - er liest immer meine Kolumnen. Was für ein Zufall - ein Fan. Und vor dem habe ich mich jetzt so blamiert.

Golfen: Die Freude daran, sich selbst zu demütigen

Golfen ist doch ein Sport mit Bodenhaftung. Also probiere ich das auch einmal aus. Zu Beginn darf kein Neuling auf den großen Platz mit den 18 Löchern. Er muss erst auf der Driving Range Abschläge üben. Und das tue ich mit Begeisterung. Ich versuche tagelang, den Golfball mit einem Siebener-Eisen auf über 200 Meter Weite zu dreschen - dabei soll dieser spezielle Schläger nur dabei helfen, 100 Meter zu überbrücken. Beim Schlagen spanne ich alle Muskeln auf einmal an und grunze beim Treffen des Balls wie ein Boxer, der alles Gewicht in einen Uppercut hineinlegt. Entsprechend schlimm fühle ich mich zwei Tage später: Muskelkater überall. Meine Freunde lachen - doch nicht vom Golfen, oder?

Ich lerne schnell, dass ich 255 zuvor angespannte Muskeln besser locker hängen lasse, wenn ich den Ball abschlage. Dann wird's vom Schwung her eleganter und der Ball fliegt eher noch weiter als vorher. Muskelkater gibt's danach zum Glück auch keinen mehr. Dafür lerne ich Demütigungen ganz anderer Art kennen. Nichts ist schlimmer, als 18 lange Loch mit erfahrenen Golfern zu spielen. Die schlagen ihren Ball mit dem Driver schnurgerade über 200 Meter weit, während ich meinen Ball viel zu oft toppe, sodass er müde und eher widerwillig gerade einmal bis zum Damenabschlag kullert. Noch schlimmer sind die Wasserhindernisse. Was ist schön daran, einen Ball immer wieder über einen See zu prügeln, wenn er immer wieder genau 10 Zentimeter vor dem Ende die Flugkraft verliert und einfach ins Wasser fällt?

Beim Golfen prusten die Mitspieler bei solch einem Missgeschick merkwürdigerweise nie laut los. Aber ich kann es förmlich spüren, wie sie in sich hineinkichern.

Voll auf die Stirn: Krieg spielen beim Paintball

Die Jungs beschließen, Paintball auszuprobieren, was manchmal auch Gotcha heißt. Ein paar von uns seilen sich ab, weil sie Pazifisten sind. Wir übrigen fragen, ob wir sie dann nicht wenigstens als Ziele verwenden können. Aber nein, das wollen sie auch nicht. So fahren wir an einem sonnigen Samstag ohne sie in den Nachbarort, um Paintball zu spielen.

Etwas mulmig wird mir da schon. Ich hab meine alten Malersachen an, eine Jeans und ein altes Sweatshirt. Ein Halstuch habe ich auch noch um, das wurde mir im Vorfeld geraten, weil es wohl unangenehm ist, eine Kugel an den Hals zu bekommen. Vor Ort sieht es aber aus wie im Krieg. Etwa 100 Spätjugendliche rennen auf dem Areal herum. Sie haben Militärhosen an, dicke Schutzwesten, Armprotektoren und was weiß ich noch alles. Einer zeigt auf mich und ruft seinen Freunden zu: "Guck mal, der hat bestimmt auch keinen Sackschutz dabei!" Sackschutz? Wofür brauche ich den denn?

In einer kleinen Butze zahlen wir 50 Mücken für eine Tageskarte, eine Gesichtsmaske und einen Markierer. Der Markierer ist nix anderes als eine Art Pistole mit langem Lauf, die per Druckluft mit Farbe gefüllte Plastikkugeln verschießt. Die Dinger haben ordentlich Power und schießen gut und gerne 100 Meter weit schnurgerade: Mit einem laut FOPP kommen die Kugeln rausgeschossen.

Zum Glück müssen wir nicht gegen die Profis antreten, sondern schnappen uns ein Areal nur für uns. Das ist so groß wie ein Fußballfeld und bietet mit vielen Bäumen, Schützengräben und einem alten verfallenen Haus viele Versteckmöglichkeiten. Ich merke, das ist mein Spiel. Ich vergrabe mich hinter mehreren Birken und schaffe es, drei Gegner abzuballern, die ahnungslos an mir vorbeilaufen. Bestens.

Leider dreht sich der Spieß irgendwann um. Ich werde getroffen. Dreimal auf dem Hintern, zwei Mal am Bauch, einmal auf dem Ohr und diverse Male auf den Oberarmen. Das zeckt ganz schön. Zum Glück wischt das Adrenalin alle Schmerzen beiseite. Es ist schon ein kribbeliges Gefühl, wenn die eigene Strategie aufgeht und man es im Team schafft, den Gegner einzukesseln. Trotzdem schaffe ich es nicht, meinem Kumpel Ingo meinen Nachnamen mit Farbkugeln auf den Hintern zu schreiben. Am Ende hebe ich einmal kurz den Kopf aus meinem Versteck und kassiere umgehend eine Kugel aus drei Metern Entfernung direkt auf die kahle Stelle meines Schädels. Aua. Da höre ich dann doch die Engel singen. Was für ein brutaler Sport. Zuhause kann ich jeden Treffer auf meinem Adoniskörper sehen. Rote Flecken in der Größe eines 2-Euro-Stücks färben sich sehr schnell blau. Nix für Weicheier.

Mach dich vom Acker, Alter: Kart fahren!

Mit meinem Sohn geht es auf zum Kart. Auf unserer Bahn fahren Kinder und Erwachsene abwechselnd. So schaue ich in der nach Benzin und Blei stinkenden Halle erst meinem Sohn hinterher, wie er seine Gegner verheizt und spüre auch schon den Schumi in mir aufsteigen. Ein Platz unter den ersten drei wird doch wohl schon für mich drinnen sein, oder?

Ich setze eine Sturmhaube aus Stoff auf und wuchte dann einen schweren XXL-Helm über meine Birne, dass ich mir vorkomme wie eine Abrisskugel auf zwei Beinen. Die Karts sind schön breit, man sitzt wunderbar darin, das Lenkrad ist griffig und ich komme gut ans Gas. Als ich losbrausen darf, schieße ich wie ein geflügelter Gott über die Bahn - und bekomme schon nach der ersten Kurve die blaue Fahne gezeigt. Die sagt mir, dass ich rechts ranfahren soll, damit mich die anderen überholen können. Drei, vier Autos ziehen an mir vorbei. Wow, wie schaffen die das nur, so schnell zu sein?

Ich brauche ein paar Runden, um zu begreifen, dass das Kart ein ganz anderes Gefährt ist als ein normales Auto. Es klebt förmlich am Boden und lässt sich brutalst schnell um die Kurven lenken. Von Mal zu Mal werde ich schneller, weil ich nun Vollgas gebe und vor den Kurven nur ganz kurz die Bremse antippe, um um die Ecke zu schliddern. Trotzdem bin ich noch zu langsam für die Teenager, die hier echte Rennen fahren. Bin ich nicht schnell genug rechts rüber, dann rammen sie mich einfach aus dem Weg. Na warte, ihr Bürschchen, wenn ich jetzt den Markierer vom Paintball hätte... Die haben wenig Respekt: "Mach dich vom Acker, Alter", brüllt einer. Schlimm ist beim Kartfahren nur, dass man seinen frisch erworbenen neuen Fahrstil gleich mit auf die richtige Straße nimmt. Lange bin ich nicht mehr so rücksichtslos gefahren. Gut, dass die Polizei das nicht gesehen hat.

Mäuseschubser und Icon-Stemmer

Am Ende sitze ich ausgelaugt wieder vor meinem Schreibtisch. Ich beschließe, erst einmal wieder etwas zu arbeiten. Und wenn mich einer nach meinem Sport fragt, dann sage ich einfach: Mäuseschubser und Icon-Stemmer.

Eine Glosse von Carsten Scheibe, Typemania

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