Scheibes Kolumne Das Internettchen


stern.de-Kolumnist Scheibe ist Biologe. Eigentlich. Früher mal gewesen. Doch am PC wird er plötzlich wieder zum Entdecker. Zwischen Tastatur und Lüfter findet er völlig neue Tierarten, die im Sog der Evolution hier entstanden sind. Besonders niedlich ist der Krümelkäfer. Er lebt in der Tastatur.

Jetzt mal ganz ehrlich: Die Natur erobert sich seit vielen Millionen Jahren einen neuen Lebensraum nach dem anderen. Ob es um Archaebakterien in den Schwefelquellen am Boden der Tiefseemeere geht oder um die kargen Felsen der Galappagos-Inseln: Die Evolution bahnt sich immer ihren Weg. Warum sollte das am PC-Arbeitsplatz anders sein? Millionen Computer stehen inzwischen in den Arbeitszimmern auf der ganzen Welt - warm, hermetisch abgeschlossen und voller Nahrung: Der perfekte Entstehungsort für neues Leben. Wir haben in dieser Umgebung nun erstmals völlig neue Lebensformen nachweisen können

Das Internettchen

Das Internettchen ist ein kleiner durchsichtiger Wurm, fadenscheinig genug, um durch die Internet-Leitung zu passen. Das Internet nutzt er aber nur als Transportmedium, um sich blitzschnell auf der ganzen Welt zu verbreiten. Auf diese Weise ist das Internettchen inzwischen in vielen Ländern zu finden, am liebsten natürlich in den Industrieländern, da hier besonders viele moderne Computer besonders zu finden sind.

Das Internettchen ist ein klassischer Strudler. Es ist blind, erkennt aber Luftströmungen über dünne Tasthaare auf dem ganzen Körper. So schlängelt es sich schnell an den PC-Kabeln entlang bis zum Lüfter. Hier passt es mit seinem kreisrunden und mit Chitin verhärteten Kopf genau in eins der kleinen Löcher in der Lüfterabdeckung. Das Internettchen ernährt sich von Staub und anderen biologischen Mikroteilchen, die vom Lüfter angesaugt werden. Vermehren sich die Internettchen sehr stark in einem Computer, können die Würmer den Lüfter vollständig blockieren. Da sie recht lang sind und auf der PC-Innenseite wie Spaghetti aus den Lüfteröffnungen hängen, lassen sie sich aber von einem Experten leicht absammeln. Sie sind weder giftig noch richten sie Schaden an.

Der Krümelkäfer

Der Krümelkäfer wurde bislang nur in Deutschland ausfindig gemacht. Er verbreitet sich aber zurzeit sehr stark auf Wlan-Spielepartys, da hier viele Spieler ihre Computer zusammenbringen und auf diese Weise das Überspringen der Käfer von einem Lebensraum auf den anderen ermöglichen. Da der Käfer nicht fliegen kann, ist der direkte Kontakt die einzige Möglichkeit zur Verbreitung, die der Krümelkäfer nutzen kann.

Der tiefschwarz gefärbte und deswegen gut getarnte Käfer ist knapp einen Zentimeter lang, aber nur einen halben Millimeter dick. Er lebt in der Tastatur und versteckt sich hier tagsüber unter dem Tastenfeld. Dabei ernährt er sich von Kekskrümeln, Haarschuppen und anderen organischen Resten, die den ganzen Arbeitstag über auf das Tastenfeld herunterregnen und sich zwischen den Tasten ansammeln. Reicht diese Nahrungszufuhr nicht aus, kommt der Käfer nachts hervor und bewegt sich zwischen den Tasten hin und her. Die seitlich angebrachten Borsten "fegen" dabei weitere Nahrungsbrocken aus den Tastenzwischenräumen auf den Boden der Tastatur. Die Gamer, die besonders vom Käfer befallen werden, sehen ihn als gern vorgefundenen Symbionten an, der dafür sorgt, dass die Tastatur sauber bleibt. Schäden an der Elektronik scheint der Krümelkäfer nicht anzurichten.

Das Chamäleon-Glühwürmchen

Das Chamäleon-Glühwürmchen gehört nicht zur Gattung der Käfer, wie das bei den normalen Glühwürmchen der Fall ist. Als Urinsekt ist es eher den Asseln zuzuordnen. Das Tierchen wurde erstmals in Schweden in einem TFT-Flachbildschirm nachgewiesen. Hier ernährt es sich von den Leuchtdioden des Bildschirms, sodass man das Tierchen durchaus als Schädling ansehen kann. Der Schaden fällt allerdings zunächst nicht auf, da das Chamäleon-Glühwürmchen an Ort und Stelle verbleibt und selbst die Rolle der zerstörten Dioden übernimmt. Es adaptiert sich mit seinen Pigmenten und seiner chemisch induzierten Leuchtkraft aktiv an das aktuelle Monitorbild und wird nur dann auffällig, wenn auf dem Bildschirm sehr schnelle Szenen abgespielt wird und das Chamäleon-Glühwürmchen mit dem Farbwechsel nicht rasch genug hinterher kommt.

Die Forscher sind gerade erst auf das Phänomen aufmerksam geworden. Sicherlich werden nun zügig weitere Tierarten entdeckt, die sich an das Leben im PC angepasst haben. Wir freuen uns, wenn Hobby-Forscher weitere neue Tierarten im Kommentar-Feld beschreiben würden.

Eine Glosse von Carsten Scheibe, Typemania


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