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Scheibes Kolumne: Das Los der Heimarbeiter

stern.de-Mitarbeiter Scheibe hat den kürzesten Arbeitsweg der Welt: Zwischen Bett und Schreibtisch liegen nur ein paar Treppen. Doch der Heimarbeitsplatz hat nicht nur Vorteile. Er gibt vielen Außenstehenden anscheinend das Recht, die Situation schamlos auszunutzen.

Jeden Werktag ist die Sandstraße vor meinem Haus in Falkensee bei Berlin wie ausgestorben. Wenn hier noch so ein paar kreisrunde Wüstensträucher vom Wind über die staubige Straßendecke getragen werden würden, könnte ich fast den Eindruck bekommen, ich würde in einer verlassenen Goldgräberstadt hausen. Doch die Nachbarn sind nicht weggezogen, sondern nur zur Arbeit gefahren. Mich haben sie zurückgelassen, denn ich arbeite ja von zu Hause aus. Das ist gut so, denn so muss ich nicht im Stau stehen und wertvolle Arbeitszeit mit langweiligen Wegen verbringen.

Doch der Heimarbeitsplatz ist auch mit echten Nachteilen verbunden. Ist der Hund auch so einer, ein Nachteil? Manchmal schon, denn der muss ja jeden Tag seine Runden laufen und in seine Spielgruppe gehen. Meine Frau ist da gnadenlos: "Du bist doch eh zu Hause. Zum Tierarzt muss der Hund übrigens auch. Und wenn du schon unterwegs bist, kannst du auch gleich einkaufen gehen. Ich würde heute Abend gerne Lasagne essen. Hol aber bitte das Hackfleisch beim Fleischer und nicht im Supermarkt."

Als ließe ich mich aushalten

Klar, ich hab' ja auch sonst nix zu tun. Das weiß auch der Paketbote. Der klingelt und hat gleich drei Pakete auf dem Arm. Leider ist keins davon für mich: "Ein Paket für Müller, eins für Schmidt und eins für Meyer. Können Sie das annehmen? Ich leg dann einen Zettel rein. Und danke, es ist toll, dass Sie immer zu Hause sind." Na, prima, dann klingeln nachher wieder alle Nachbarn und ich komme wieder nicht zum Arbeiten. Wahrscheinlich denken die Paketboten eh alle, dass ich gar keine Arbeit habe und mich von meiner Frau aushalten lasse, die als Lehrerin im Ort schuftet.

Oft genug passiert es dann, dass das Telefon klingelt, wenn ich gerade so richtig schön am Arbeiten bin. Meine Frau: "Kannst du mal eben ins Dach hochlaufen und im Familienordner nachsehen, ob ich die Überweisung für den Arzt bezahlt habe? Ich bin mir gerade nicht sicher, und das macht mich ganz wuschig." Wie bitte? Ich soll meine Arbeit unterbrechen, um ganz nach oben zu rennen - für etwas, das auch noch Zeit hätte bis zu ihrem Feierabend? Die Erklärung folgt auf dem Fuß: "Da oben liegt auch die Einladung zu Sophies Kindergeburtstag. Kannst du die Kinder da bitte um 15 Uhr abholen? Ich hab noch Konferenz."

Die Bande stürmt das Büro

Auf die Frage, wann sie denn einmal ihren Arbeitstag abkürzt oder mal eben eine Stunde ausfallen lässt, um Familiendinge zu erledigen, ernte ich nur ungläubige Blicke. Und: "Immer, wenn ich in dein Büro komme, schläfst sowieso gerade." Das ist kein Schläfchen, sondern Powernapping, aber wie soll man das jemandem beibringen, der glaubt, ich arbeite gar nicht wirklich und mein Geld komme von ganz alleine auf das Konto. Wahrscheinlich aus Mitleid meiner Auftraggeber. Die Kinder sind eh schon indoktriniert. Kommen sie ohne Voranmeldung mit allen laut kreischenden Freunden ins Büro geschneit, um denen meinen Leguan zeigen, dann gehen sie an mir vorbei und erklären ihren Freunden: "Das ist unser Papa. Der spielt den ganzen Tag am Computer und kriegt auch noch Geld dafür."

Na toll. Würde ich morgens im Anzug das Haus verlassen, um erst nachts müde und kaputt nach Hause zu kommen, würden die Blagen mir mehr Respekt entgegenbringen. Und so muss ich am Nachmittag auch noch ständig zur Tür rennen, weil die Freunde der Kinder anstatt oben im Privatbereich lieber unten im Büro klingeln - und das auch noch Sturm. Manchmal wünsche ich mir ein externes Büro, das ich morgens betrete und in dem ich die Füße auf den Tisch legen und erst einmal ein geruhsames Schläfchen abhalten kann. Ohne dass mich jemand stört, der nix mit der Firma zu tun hat.

Eine Glosse von Carsten Scheibe, Typemania

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