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Scheibes Kolumne: Der Chrome-Alptraum

stern.de-Kolumnist Carsten Scheibe hat natürlich wie alle anderen auch sofort den neuen Chrome-Browser von Google installiert. Jetzt hört er, dass der Browser persönliche Daten an die Zentrale weiterfunken soll. Schweiß steht ihm auf der Stirn: Was hat das denn zu bedeuten? Ein nächtlicher Alptraum wagt den Ausblick in die Zukunft.

Prima. Der neue Web-Browser, den ich gerade installiert habe, geht ab wie Schmitts Katze. Ich surfe auf einer hohen Welle durch das Internet und freue mich, dass die Seiten schon auf dem Bildschirm stehen, kaum dass ich die Web-Adresse eingegeben habe. Doch auf einmal singsangt eine helle Frauenstimme aus den 7.1-Lautsprecherboxen, die an den PC angeschlossen sind: "Lieber Carsten, aufgrund deiner Luftverdrängung, die wir über den Lüfter des PCs gemessen haben, schließen wir, dass du an zehn Kilo Übergewicht leidest. Aus diesem Grund müssen wir dir leider verbieten, bei eBay nach 'Türkischer Honig' oder 'Nougat' zu suchen. Das wäre einfach nicht gesund für dich. Wir freuen uns, dass wir helfen konnten."

Wie bitte? Der Web-Browser achtet auf mein Gewicht? Und woher weiß das Teil überhaupt meinen Namen? Wahrscheinlich aus der Windows-Anmeldung oder aus meinem Benutzerkonto, was weiß denn ich? Meine Daten liegen ja überall im Rechner vor, jetzt werden sie anscheinend genutzt. Ich werde sauer. Da will ich mir bei eBay ein bisschen Naschwerk besorgen und kann es nicht? Ich suche gezielt nach Snickers, Bounty und Mars, werde aber immer nur auf Diät- und Abnehmseiten umgelenkt. Immerhin: Beim Suchwort Mars lande ich auf der Mars-Seite von Google - und kann mir Krater auf dem Satellitenfoto ansehen, die so groß sind wie das Loch in meinem Magen. Meinen Hunger auf Süßes stillt das aber auch nicht. Ich suche nach Katjes - und bekomme von meinem mitfühlenden Browser nur Bikinifotos von Heidi Klum serviert. Da muss es doch eine Lücke in der Barrikade geben! Ich probiere alles aus, da ertönt die Stimme schon wieder lieblich-süß: "Carsten, du befolgst unsere Regeln nicht. Da du dich unseren Anweisungen widersetzt, sperren wir deinen Internet-Zugang für - eine Stunde. Wir freuen uns, dass wir helfen konnten."

Na super. Auf einmal geht gar nix mehr. Keine E-Mails, keine Web-Seiten, kein Online-Banking. Ja, spinnen die denn? Dürfen die das denn? Wahrscheinlich steht das alles in den seitenlangen Benutzerbedingungen, die ich mir wieder einmal nicht durchgelesen, aber per Mausklick bestätigt habe. Ich wechsele in die Systemsteuerung und in den Software-Ordner. Dann deinstalliere ich das Teil eben wieder, wenn es so nervt. Doch als ich den Button drücke, redet mein Rechner schon wieder mit mir: "Carsten, unsere Lizenztexte sagen doch ganz eindeutig, dass ein Löschen des Web-Browsers nicht länger erlaubt ist. Wir haben aber vorsichtlich deinen Internet Explorer und Firefox deinstalliert, sodass du nicht in die Gefahr gerätst, mit dem falschen Programm zu arbeiten. Wir freuen uns, dass wir helfen konnten."

Freuen uns, dass wir helfen konnten? Na, herzlichen Dank. Gehe ich eben zu einem anderen Rechner im Büro. Ich verscheuche Antonia, die alles mit angehört hat: "Zehn Kilo Übergewicht, Chef? Ich wette, es sind mindestens 12." Ach, was weiß die denn schon. Ich klicke auf ihrem Rechner auf das Symbol des Internet Explorers, aber noch beim Klicken ändert sich das Icon und wird zu dem des neu installierten Orwell-Browsers. Da höre ich auch schon wieder die Stimme, dieses Mal aus dem 2-Boxen-System von Antonia: "Carsten, wir haben über das Netzwerk jetzt alle Browser ausgetauscht, sodass wir dir überall dienen können. Übrigens dauert dein Internet-Timeout noch 17 Minuten. Wir freuen uns, dass wir helfen konnten."

Wut im Bauch

Argh… Ich laufe in meinem Büro umher wie ein Süchtiger auf Entzug. Ohne das Internet kann ich einfach nicht arbeiten. Als die Zeit endlich rum ist, lege ich wieder los. Mit knirschenden Zähnen und ordentlich Wut im Bauch nutze ich den neuen Browser - was bleibt mir denn für eine Wahl? Mit der Zeit vergesse ich das diktatorische Gehabe des Browsers und erledige meinen Job. Das geht so lange gut, bis ich oben auf der aktuellen Web-Seite ein kleines Werbebanner entdecke. Cosma Shiva Hagen nackt! Wow. Guckt auch keiner? Nein, Antonia ist beschäftigt. Schnell klicke ich auf das Banner, als auch schon ein infernal lauter Alarm losgeht und der Browser komplett rot eingefärbt wird und zu blinken beginnt. Die Stimme ertönt wieder. Ganz freundlich sagt sie: "Carsten, der Jugendschutzmodus ist aktiv. Du wolltest auf eine ungeschützte Sexseite wechseln. Das ist gefährlich, hier tummeln sich viele Schadprogramme. Außerdem ist das nicht fair deiner Frau gegenüber. Eine Bildschirmkopie der aufgerufenen Seite wurde deswegen zusammen mit einem Nutzerprotokoll an die E-Mail-Adresse deiner Frau geschickt. Diese haben wir deinem Adressbuch entnommen. Gleichzeitig haben wir ihr alle Web-Fundstellen zum Thema 'Scheidungsanwalt' übermittelt. Wir freuen uns, dass wir helfen konnten."

Zum Glück ist das der Zeitpunkt, an dem ich aufwache. Puh, alles nur geträumt. Wie gut, dass es diesen Browser noch nicht gibt. Aber vielleicht sollte ich doch eins der bereits vorhandenen Anonymisierungs-Tools nutzen, um gegenüber Chrome meine Privatsphäre zu wahren.

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