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Scheibes Kolumne: Der Internet-Doktor ist da!

stern.de-Kolumnist Scheibe braucht nicht Medizin zu studieren - er hat ja das Internet. Leider sind die Ärzte im echten Leben gar nicht erfreut darüber, wenn der Patient mit einem angelesenen Halbwissen in seiner Praxis erscheint.

Vor mehr als einem Jahr bin ich beim Fußball mit anderen Vätern und den Kindern ganz übel umgeknickt. Ein Ausfallschritt, der Fuß knickt um, es gibt ein böses Geräusch und dann kommt auch schon der Schmerz. Danach ging nichts mehr, und ich konnte nur noch stöhnend nach Hause humpeln. Der Knöchel war dick geschwollen und verfärbte sich munter grün und blau.

Ich ging nicht zum Arzt, sondern warf Google an. Schnell landete ich auf medizinischen Seiten, die irgendetwas von Kapselanriss, Bänderüberdehnung und Bänderriss erzählen. Bei den Fotos, die exakt meinen geschwollenen Knöchel zeigten, stand daneben, dass dieser Schaden schwer in der Arztpraxis zu diagnostizieren ist, dass die Untersuchung sehr schmerzhaft sei und dass der Knöchel am Ende doch nur geschient werden kann. Operationen würden gern gemacht, seien aber überflüssig. Super, dachte ich mir. Dann spare ich mir doch die Untersuchung und die OP. Ruhigstellen kann ich das Bein auch alleine.

Heute ist der Knöchel immer noch deutlich dicker als der andere und bei bestimmten Bewegungen tut es im Gelenk weh. Vielleicht wäre ich doch besser zum Arzt gegangen.

"Kurier' die Leut' auf meine Art"

Aber vom Internet als Arztersatz kann ich trotzdem nicht mehr lassen. Zeigen sich bei einem Familienmitglied Gerstenkörner, Grieben, Ausschläge, Verspannungen, Allergien, Irritationen oder andere Wehwehchen, so gehört der nächste Computer mir. Inzwischen bin ich ein echter Fachmann, was das Anfüttern von Google mit Krankheitssymptomen anbelangt. Mit "Verhornung Fußsohle Schmerzen" finde ich jedes Hühnerauge, mit "plötzliche Schmerzen rechter Oberbauch" jeden Gallenstein. Online lassen sich alle Symptome, die Wege der Behandlung und natürlich viele Geheimtipps aus Omas Kräutergarten nachlesen. Wie sagte meine Mutter: "Ich bin der Doktor Eisenbart, kurier' die Leut' auf meine Art."

Letztens beim Arzt war der gar nicht begeistert davon, als ich bei der Impfung meiner Kinder meinte, ich hätte mich vorher im Web schlau gemacht und würde gern mit ihm ein wenig über den Impfkanon plaudern. Er meinte: "Das Internet vermittelt leicht ein gefährliches Halbwissen, mit dem der Laie nicht wirklich etwas anfangen kann und dass viele Patienten sogar dazu verleitet, ihre eigentlichen Symptome der mitunter abweichenden Online-Beschreibung anzupassen. Der Arzt hat es dann besonders schwer, sich eine unvoreingenommene Meinung zu bilden und die passende Behandlung zu finden."

Recht hat er. Trotzdem kann ich nicht davon lassen. Ich verlasse mich ungern auf das Fachwissen anderer und muss einfach ein wenig mitreden können. Außerdem verbessert die Online-Lektüre meine eigene Laune. Denn oft genug suche ich nur nach "indifferenten Bauchschmerzen" und lande im Internet sofort bei den grauslichsten Krebsarten, bei Leberegeln, Bandwürmern und chronischen Darmentzündungen. Da freue ich mich dann immer, wenn ich entgegen der Online-Prognose doch nicht binnen 24 Stunden gestorben bin. Die neu gewonnene Lebenszeit nutze ich natürlich gleich, um mir im Internet weitere Krankheitsbilder anzuschauen.

Eine Glosse von Carsten Scheibe, Typemania

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