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SCHEIBES KOLUMNE: Ein Pfennig pro Seite

Die Suche nach Verdienstmöglichkeiten im Internet hat noch nicht den großen Fund erbracht. Kolumnist Scheibe hätte da einen Vorschlag. Er basiert auf dem Prinzip: »Kleinvieh macht auch Mist.«

Viele Startup-Unternehmer denken gerade an das Achterbahnprinzip: Hinter jeder Steigung wartet eine rasante Talfahrt. Nicht nur eine Tour mit der Achterbahn schlägt so manchem Fahrgast auf den Magen. Derzeit ist auch in der Computerbranche das Magengeschwür wieder en vogue.

Pfennige pro Seitenabruf - ein Geschäftsmodell fürs Netz? - Ihre Meinung im Computer-Forum!

Während unser Bundeskanzler jeden aufkommenden Gedanken von einer Rezession voller Zweckoptimismus beiseite wedelt, macht sich in der Computerbranche bereits der Katzenjammer breit. Der Champagner wurde bis zum letzten Tropfen ausgeschlürft, jetzt ist die rauschende Party vorbei. Die Nachrichten zeigen auf, wie es wirklich um die Branche bestellt ist. Nokia will 1.000 Stellen abbauen, Cap Gemini bringt es auf 2.700 und Lucent gar auf 10.000. Philips verabschiedet sich von der eigenen Handy-Produktion, Alcatel verkauft Produktions-Standorte, und Agfa erwägt den Rückzug aus dem Scanner- und Digicam-Geschäft. Derweil wird die Libro-Aktie vom Handel ausgesetzt, der Internet-Broker eQ macht ganz dicht, und auch der Venturepark Incubator ist am Ende. Umsatzeinbrüche gibt es bei 3Com. Die Telekom verordnet sich einen radikalen Sparkurs, und der Neue Markt fällt auf das Allzeit-Tief. Das Kuriose: Das sind die Hiobsbotschaften von nur drei Werktagen. Shocking.

Irgendwie über die Runden kommen

Zahlreiche Software-Häuser, die noch ein paar Mark auf der hohen Kante haben, sprechen sich bereits offen für die Taktik des »Einigelns« aus. Plan ist es, mit einem Mindestangebot an Titeln irgendwie das nächste Jahr zu überstehen. Klar ist allen, dass der PC-Branche derzeit das Pech am Hacken klebt wie Oliver Bierhoff beim Fußball-Spielen. Irgendwie will nichts gelingen. Schon nehmen die Kenner der Szene Logenplätze ein und sehen die Verlage, Firmen und Start-ups als moderne Gladiatoren: Wer wird das aktuelle Seuchenjahr überleben, und wer geht drauf? Es dürfen Wetten abgeschlossen werden. Einhellige Meinung ist: Wer das laufende Jahr halbwegs heil übersteht, kann im hoffentlich nachfolgenden Aufschwung wieder ganz vorne mitmischen. Auch viele Fachverlage mit Kioskzeitschriften im Portfolio drücken die Daumen, dass die Reserven reichen. Drastisch sinkende Verkaufszahlen und ebenfalls schrumpfende Anzeigenerlöse drücken direkt auf das Portemonnaie. IT-Mitarbeiter, deren Arbeitskraft vor wenigen Monaten noch mit Gold aufgewogen wurde, sind plötzlich mucksmäuschenstill und sehr froh, überhaupt noch einen Job zu haben.

Hauptsache keine Verträge und Mitgliedschaften

Allen großen Firmen leuchtet inzwischen ein, dass sich vor allem im Internet nicht so leicht Geld verdienen lässt. Nachdem Millionen Mark ins Netz investiert wurden, ist klar, dass die Unterhaltung großer Web-Portale einfach viel zu teuer ist, wenn sich das Geld nicht über Werbung wieder einspielen lässt. Nur: Der Surfer ist nicht bereit, Geld für seine Online-Informationen auszugeben, heißt es. Ich bin der Meinung: Der Surfer ist durchaus bereit. Er möchte nur keine Verträge abschließen und Mitgliedschaften eingehen. Denken wir doch an alte BTX-Zeiten zurück. Jeder Seitenaufruf kostete damals ein paar Pfennige, die über die Telefonrechnung abgebucht wurden. Dieses Prinzip brauchen wir jetzt wieder. Wer hat denn Probleme damit, beim Surfen einen Pfennig pro Seitenabruf zu bezahlen? Oder auch mal fünf, wenn es um aktuelle News geht. Eine gute Homepage mit 10.000 Page Impressions am Tag nimmt bei fünf Pfennig Umsatz pro Seitenaufruf locker 500 Mark am Tag ein. Das sind 15.000 Mark im Monat. Da lohnt es sich doch langsam schon wieder, im Netz durchzustarten.

Der erste Börsengewinner nach dem Ende der aktuellen Flaute wird unter Garantie die Firma sein, deren Micro-Pay-System fürs Internet sich im Web durchsetzen konnte. Denn dass der Bezahlmodus fürs Internet kommen wird, da bin ich mir völlig sicher.

Carsten Scheibe