HOME

Scheibes Kolumne: Katalogtexte unter der Lupe

Shareware-Depots wie Winload.de oder Shareware.de verzeichnen ein überaus reges Publikumsinteresse. Doch kann man den Programmbeschreibungen der digitalen Sammelstätten wirklich trauen?

Viele tausend Computer-Programme werden täglich aus dem Internet geschnitten und auf den Festplatten der Anwender geparkt. Vor allem die vielen Shareware-Depots wie Winload.de oder Shareware.de verzeichnen ein überaus reges Publikumsinteresse. Doch kann man den Programmbeschreibungen der digitalen Sammelstätten wirklich trauen?

Man nehme die Originalbeschreibung und kürze...

Mein persönlicher Alptraum: Einmal musste ich für einen Auftrag zweitausend Kurzbeschreibungen passend zu aktuellen Shareware- und Freeware-Programmen schreiben, die dann online in ein Download-Archiv gestellt werden. Dabei nimmt man sich am besten die originalen Beschreibungstexte der Autoren vor und streicht alles Eigenlob heraus, bis bloß noch die nackten Fakten übrig bleiben. Dann installiert man die Software und wirft einen schnellen Blick auf die Oberfläche, die oft schon mehr über das Programm aussagt als tausend Worte. Nach einem schnellen Rennen durch die Menüs und einem Abstecher ins Konfigurationsfenster kann bereits ein informativer Fünfzeiler geschrieben werden. Das Problem: Zwangsläufig schleichen sich beim Schreiben Floskeln ein. Floskeln, die es wert sind, einmal aufgespießt und »übersetzt« zu werden. Denn oft sagen diese Floskeln nicht das aus, was sie eigentlich im Wortlaut führen. Wer sie kennt, wird die Online-Kataloge in Zukunft mit ganz anderen Augen lesen.

»Besonders einfach zu bedienendes Programm.«

Diese Software ist so simpel programmiert, dass sie eigentlich kaum der Rede wert ist und nicht einmal eine einzelne Handbuchseite füllen würde. Wahrscheinlich gibt es nur drei Knöpfe und dafür einen viel zu bunten Hintergrund.

»Endlich wieder ein neuer Tetris-Klon für alle Freunde dieses Genres.«

Liebe Programmierer, wann begreift ihr es endlich: Tetris-Klone gibt es wie Sand am Meer. Das war vielleicht noch spannend, als wir vor zehn Jahren mit dem Computern angefangen haben. Heute kann man mit einem Tetris-Klon einfach nicht mehr punkten - und wenn er noch so toll aussieht.

»Adressverwaltung für den Privatanwender«

Adressendatenbanken gibt es im Dutzend billiger. Problemlos lassen sich mehrere Hundert dieser Programme im Internet aufspüren. Die meisten davon sind gar nicht einmal übel und lassen sich auch im gewerblichen Büro einsetzen, um wichtige Adressen zu verwalten. Ist ein solches Programm wirklich nur für den Privatanwender zu gebrauchen, so fragt sie wahrscheinlich nur die Anschrift und die Telekommunikationsdaten ab, erlaubt es aber nicht, weitere Informationen wie etwa eine Bankverbindung zu erfassen. Kurzum: Es gibt Besseres.

»Klassischer Moorhuhn-Klon«

Dieses Spiel setzt die Spielidee des Moorhuhns 1:1 um. Allerdings unter Garantie mit einer absolut miserablen Grafik und einem unzumutbaren Gameplay. Selbst »Moorhuhn«-Vater Phenomedia hat inzwischen begriffen, dass der 90-Sekunden-Shooter jetzt abgefeiert ist und die Leute etwas Neues sehen möchten.

»Innovatives Programm fürs Büro«

Der Journalist hat selbst nach einem intensiven Test der Software noch immer nicht den blassesten Schimmer, für welchen Zweck das Programm eigentlich geschrieben wurde. Also füllt er die Beschreibung mit einem kryptischen Blabla.

»Kann auf einzelnen Rechnern den Dienst versagen.«

Dieses Programm lief beim Journalisten, der den Text geschrieben hat, weder auf seinem Desktop-Rechner noch auf dem Notebook. Wahrscheinlich läuft das Programm überhaupt nicht.

»Benötigt noch einige Runtime-Dateien«

Der Programmierer der Software hat sein Datenpaket so schlank wie möglich gehalten. Um die Software überhaupt zum Laufen zu bringen, müssen Dutzende DLLs aus den Tiefen des Internets nachgeladen werden. Bis in der Hilfedatei endlich die benötigten Download-Adressen gefunden sind, kann es Stunden dauern.

»hoch spezialisierte Software«

Ein Programm für echte Korinthenkacker, das sich in völlig uninteressanten Details verliert. Höchst wahrscheinlich handelt es sich dabei um eine Datenbank, die in verschachtelten Abfragedialogen Fakten nachfragt, die niemanden interessieren und nur unter größter Anstrengung zu besorgen sind. Ebenso wahrscheinlich ist, dass diese Software die eingegebenen Daten nur dann speichert, wenn sie auch wirklich vollständig vorliegen.

»Ein Programm für echte Spezialisten«

Diese Software ist so schwer zu bedienen und richtet sich an ein so eng umgrenztes Publikum, das sie wahrscheinlich niemand downloaden wird. Aber jetzt, wo sie sich schon einmal die Mühe gemacht hat, sich die Software anzusehen, kann man sie ja auch vorstellen.

»Erklärt sich von selbst«

Handbücher oder Hilfetexte in irgendeiner Form gehen der Software völlig ab. Der verzweifelte Anwender muss sich selbst den »Sherlock Holmes« machen und versuchen, die Bedienung der Software nach dem Versuch&Irrtum-Prinzip zu erforschen.

»mit ganz individueller Oberfläche«

Der Programmierer hat sich nicht an die geltenden Standards gehalten und sein Programmfenster nicht Windows-konform angelegt. Wahrscheinlich war er gerade auf einem LSD-Flashback und hat nur deswegen so viele grelle Primärfarben verwendet, um jeden einzelnen Button in seiner Software mit einer anderen Farbe zu versehen. Beliebt sind bei diesen Programmierern auch ungewöhnliche Fensterformen, die keinen Sinn ergeben und einfach nur doof aussehen.

»Nette Spielerei«

Das Utility, das da eben vorgestellt wird, ist völlig überflüssig. Wer sich die Software tatsächlich auf die Platte zieht und startet, vergeudet nur seine Zeit.

Carsten Scheibe

Themen in diesem Artikel