SCHEIBE Teure Software


Das waren noch Zeiten, als die Shareware-Szene blühte und gedieh. Damals. Heute verkaufen Shareware-Programmierer kaum noch eine Vollversion - und erhöhen trotzdem munter weiter die Preise.

Vor ein paar Jahren war die Shareware noch in aller Munde. Jeder Anwender erfuhr staunend von einem Freund, dass es da im Internet so etwas wie eine fast geheime Software-Szene gibt, in der die Programme deutlich preiswerter als im Handel verkauft werden. Das war damals. Heute verkaufen die Shareware-Programmierer kaum noch eine Vollversion. Und erhöhen trotzdem munter weiter die Preise.

Damals in der guten alten Goldgräberzeit des Computerzeitalters (also vor fünf, sechs Jahren) gab es nur sehr wenige kommerzielle Programme, die unter hundert Mark kosteten. Data Beckers Goldene Serie war schon etwas Besonderes, musste man für die in der Reihe veröffentlichten Vollversionen doch nur 30 Mark bezahlen. Das war die Hochzeit der Shareware-Programmierer. Sie konnten ihre Produkte für deutlich weniger Geld anbieten als die Konkurrenz aus dem Handel. Viele Anwender errechneten mit dem Taschenrechner und zwischen den Zähnen steckernder Zunge die Differenz zwischen beiden Preisen und griffen dann beherzt zur Shareware. Auf diese Weise finanzierten sich Hobby-Programmierer so manchen Familienurlaub.

Die Preise sind im Keller

Heute sieht das freilich ganz anders aus. Die Preise im Handel sind ganz tief in den Keller gerutscht. Nagelneue Spiele und Anwendungen kosten oft nur noch 20, 30 Mark. Sind sie teurer, werden sie eben erst in der Zweitvermarktungsschiene zum günstigen Mitnahmeartikel. Ramschtische, in den Supermärkten sehr beliebt, verkaufen alte Ware zum Eine-Mark-Preis.

Und dann gibt es auch noch die CD-Kollektionen, die 10, 25 oder 50 Vollversionen zum Preis von einer anbieten. Ganz zu schweigen von den vielen Fachzeitschriften, die weitere Vollversionen auf der Heft-CD sammeln. Wer also muss sich noch die Vollversion einer Shareware kaufen? Niemand. Zumal sich die Hobby-Programmierer fleißig selbst Konkurrenz machen und immer mehr Anwendungen auch als Freeware erscheinen - für lau. In der Folge jammern die Programmierer und behaupten, dieses Jahr überhaupt keine Vollversionen mehr zu verkaufen. Ja, so ist es nun einmal. Der Markt ist grausam. Und spricht zur Zeit gar nicht für das Shareware-Konzept, das allmählich zur Wundertüte verkommt: aufreißen, kurz damit spielen und dann ab in den Müll damit.

Aus den Fehlern nichts gelernt

Leider lernen die Programmierer nicht dazu. Derzeit boomt der PDA-Markt. Das PalmOS bekriegt sich mit dem Windows-CE-Betriebssystem der PocketPCs. Für beide Systeme gibt es nur wenig kommerzielle Programme im Handel, aber eine überaus starke Nachfrage beim Kunden, der seine nackten PDAs mit Software aufwerten möchte. In der Tat haben zumindest die amerikanischen Entwickler schnell geschaltet (die Deutschen verschlafen den Trend derzeit völlig) und gleich mehrere tausend PDA-Programme für beide Systeme auf Kiel gelegt - wie Download-Depots à la PalmGear (www.palmgear.com) und PDAStreet (www.pdastreet.com) zeigen. Aber: Schon wieder werden die alten Fehler neu begangen. Den Programmen fehlen elektronische Handbücher. Die Anwender müssen Ewigkeiten suchen, bis sie endlich den Namen und die Homepage-Adresse des Programmierers finden. Der Preis der Vollversion wird völlig unverständlicherweise nur auf der Homepage der Entwickler verraten, nicht aber im Programm selbst. Und nach einer Postadresse muss in 99 Prozent der Fälle ebenfalls vergeblich gesucht werden. Fazit: Ohne Internet ist der PDA-Anwender völlig angeschmiert.

Und dann sind da noch die Preise. Anstatt endlich einmal vorausschauend niedrige Preise anzusetzen, um mit dem Fachhandel konkurrieren zu können, bauen die Entwickler einmal mehr auf Fantasiesummen.

Wer gibt denn für einen simplen Listeneditor, der Einkaufslisten generiert, freiwillig 20 Mark aus? Das sind ja bereits zwei Pfund Kaffee, zehn Tafeln Schokolade oder zwanzig Liter Milch, die auf eben dieser Liste stehen könnten. So viel Geld für eine Strichliste? Nein, danke. Oder 60 Mark für ein Programm ausgeben, das sich Passwörter in einer sicheren Umgebung merken kann? Ja, haben die Programmierer denn einen Knall? Für sechzig Mark verbringe ich bereits einen netten Abend beim Italiener um die Ecke. Und mach's zur Not wie mein Freund Gerd, der die PIN seiner EC-Karte einfach mit Edding auf die Kartenrückseite geschrieben hat, damit er sie nicht mehr vergisst. Ein bisschen Risiko muss sein im Leben. Das gleiche gilt für die eine PocketPC-Datenverschlüsselung, für die der Entwickler gleich unverschämte 100 Mark haben möchte. Mein Gott, für 100 Mark mehr gibt es oft schon ein besseres PDA-Modell mit Farbe und Ledertasche - da ist das Geld doch besser angelegt. Und wenn ich nicht möchte, dass sich Unbefugte an meinem PDA zu schaffen machen, dann passe ich eben besser darauf auf.

Keine Hilfetexte, keine marktgerechten Preise

Aber es ist hoffnungslos. Es ist anscheinend ein ungeschriebenes Gesetz, dass Shareware-Programmierer keine Hilfetexte beilegen, ihre Kontaktdaten im ganzen Programm verstreuen und den Preis der Vollversion nur nach einer virtuellen Schnitzeljagd durchs Internet verraten. Warum also sollen sie sich darauf einlassen, marktgerechte Preise zu erfinden? Eben.

Carsten Scheibe


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