Scheibes Kolumne Kommunikationsstress


Früher war das Leben einfach viel gemütlicher. Da kam die Post nur einmal am Tag, unterwegs war man nicht erreichbar und im Fernseher gab es auch nur drei Sender. stern.de-Mitarbeiter Scheibe wünscht sich die alten Tage wieder herbei.

Ein echter Post-Junkey aus Leidenschaft war ich schon immer. Bereits auf der Schule habe ich ständig Briefe geschrieben, Fanmagazine abonniert oder mir erste Bücher zur Rezension schicken lassen. Aber: Damals kam der Postbote nur einmal am Tag. Wenn man viel Glück hatte, hielt auch noch der Paketbote mit seinem gelben Auto im Laufe des Tages vor der eigenen Tür.

Hektik am Briefkasten

Heute ist das freilich ganz anders. Der lokale Briefdienst 1 stopft die ersten Schreiben gleich frühmorgens in den Briefkasten. Zwischendurch kommt die normale Post und klingelt uns aus dem Haus und an das Gartentor, damit wir dem Briefträger seine schwere Last abnehmen. Der lokale Briefdienst 2 klopft zehn Minuten später auch noch einmal an. Als wäre das noch nicht genug, fahren auch noch die Paketdienste vor. DHL, UPS und wie sie alle heißen. Die Folge: Hektik pur. Man ist ja nur noch damit beschäftigt, zur Tür zu rennen. Schnaufend liegen wir dann am Ende des Tages in der Ecke und wären froh, wenn wieder nur ein einziger Dienst kommen würde.

Dann gibt es da ja noch die E-Mail, eine verflucht süchtig machende Angelegenheit. Mein Mail-Client ist tatsächlich so eingestellt, dass er alle fünf Minuten nach neuer Post sucht. Das reicht mir aber noch immer nicht aus. Ständig klicke ich auf den Senden/Empfangen-Button, um stets aufs Neue eine Zwischenabfrage zu starten. Normal ist das nicht, ich weiß. Aber: Vielleicht ist ja doch schon wieder eine wichtige Mail eingegangen? Meist ist es dann aber doch nur Spam. Ganz schön gruselig: Erwartet man eine "schlimme" Mail, etwa einen Anranzer von einem Auftraggeber, so bekommt man bei jeder neu eingetroffenen Mail wieder aufs Neue einen gehörigen Schreck. Das kann einem den ganzen Tag vermiesen.

Das Handy

Und dann, welch üble Erfindung, gibt es da noch das Handy. Früher war es ein wirklich befreiendes Gefühl, unterwegs zu sein. Bis zum Eintreffen am Zielort war man frei, vogelfrei. Keine noch so schlimme Botschaft konnte einen erreichen, kein noch so hartnäckiger Kunde nachfragen. "Der Chef ist nicht da", hieß es da überall, hmm, okay, da ist dann halt nix zu machen. Ganz anders sieht der Fall heute aus. Das Handy dudelt immer und überall, die Freisprecheinrichtung im Auto ist allgegenwärtig und selbst kleine Kinder wünschen sich zum Geburtstag schon ein Handy von ihren Eltern. Damit sie schon vorab herausfinden können, ob Peter, Paul und Mary bereits am Kinderspielplatz eingetroffen sind oder nicht. Früher wären die Kids einfach hingelaufen, um selbst nachzusehen.

"Fernsehzeitmanagementsystem"

Ach ja. Wir West-Berliner waren früher echt privilegiert. Wir konnten die drei Westsender sehen UND auch noch die beiden Ostsender. Bei uns zu Hause gab es sogar einen geheimen Umschalter, dann konnten wir auch noch das Fernsehen der amerikanischen Soldaten empfangen. Damals war klar: In der Glotze kommt eh erst abends etwas Vernünftiges, also können wir draußen spielen gehen. Heute ist das Angebot so umfassend, dass ein modernes Zeitmanagementsystem herhalten muss, um alle Sendungen zu koordinieren, die man gerne gucken möchte.

Immerhin: Das beste Mittel gegen den Kommunikationsstress von heute ist ein Feiertag. Dann klingelt kein Postbote, bleiben die Pakete aus, das Handy klingelt nicht und E-Mails gibt es auch nicht. Mensch, schade, dass das nicht jeden Tag so ist.

Eine Glosse von Carsten Scheibe, Typemania


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