Scheibes Kolumne PC-Nostalgie


stern.de-Kolumnist Scheibe trifft sich mit seinen Freunden Cookie, Robbe und Jörgi im neu eröffneten Mister Vu in Falkensee. Bei scharfer Ente und kühlem Singha-Bier schwelgen die Freunde in nostalgischen Erinnerungen und berichten von ihren Anfängen am Computer.

Jörgi zieht seinen Hühnchenspieß einmal quer durch die Erdnusssoße und beißt kraftvoll hinein. Die Soße tropft ihm vom Kinn, aber wir sind ja unter Männern. Jörgi hat eh keinen Blick für sein Hühnchen, sein Blick verliert sich in fernen Sphären.

"Wisst ihr", sagt er zu uns, "woran ich mich ganz intensiv erinnere? Damals, vor glaube ich 20 Jahren, hatte ich meinen allerersten Computer. Einen AT-286 mit EGA-Grafik, der konnte 16 Farben darstellen. Und dann hatte ich da eine Raubkopie von Leisure Suit Larry 1 – in englischer Sprache. Ganze Nächte habe ich vor der Kiste verbracht und den Parser mit immer neuen Wörtern versorgt, damit die Geschichte weitergeht. Ich habe dumme Sprüche auf virtuellen Klowänden gelesen, war dann bei einer virtuellen Prostituierten und wurde anschließend von der Polizei verhaftet, weil ich vergessen hatte, das Kondom abzulegen und die Hose wieder zu schließen. Böse kleine Pixelmännchen, die nicht einmal das ohne explizite Aufforderung von alleine hinbekommen. Später habe ich dann auch King's Quest und Space Quest gemeistert. Nie wieder hatte ich so viel Spaß mit PC-Spielen wie damals. Dabei sind die Games doch heute umso vieles besser."

Ich greife zu einer Serviette und tropfe dem seufzenden Jörgi die Soße vom Kinn, bevor sie auf sein Hemd läuft. Robbe tätschelt ihm die Schulter und sagt: "Ja, ja, du alter Perverser. Ich hab damals Tetris gespielt, bis der Arzt gekommen ist. Da zeigt sich eben der wahre Charakter eines jeden Anwenders – in der Wahl seiner Spiele. Meine stärkste Erinnerung an damals ist das fortwährende Aufräumen auf der DOS-Ebene. Die Festplatten hatten ja damals nur 10 bis 20 Megabyte Speicherplatz. Da habe ich jede einzelne Datei, die ich nicht mehr benötigt habe, sofort mit dem DEL-Kommando in die ewigen Jagdgründe befördert. Es hat leider sehr lange gedauert, bis ich begriffen habe, dass man den COMMAND.COM, die AUTOEXEC.BAT und andere Systemdateien besser nicht löscht. Ich weiß gar nicht, wie oft mein Kumpel Stefan damals anrücken musste, um all das zu reparieren, was ich aus Versehen kaputt gemacht habe. Dadurch wusste ich aber recht bald echt Bescheid. Heute weiß doch kaum noch einer, was auf der Systemebene passiert. Ich glaube, wenn ich mir jemals ein Tattoo machen lasse, dann wird das bestimmt ein DOS-Prompt-Zeichen."

Cookie lacht hysterisch. Er versucht sich gerade vorzustellen, wie sich das C:\-Prompt-Zeichen auf Roberts dünnem Oberarm wohl machen würde. Er wischt sich eine Träne aus dem Auge, die nicht nur das Lachen dort hingetrieben hat. Auch das scharfe Curry auf seinem Teller hat sicherlich das eine oder andere dazu beigetragen. Doch Cookie wischt sich die Träne ab und trägt auch mit einer Geschichte zur allgemeinen Unterhaltung bei: "Ich kann mich noch gut an meine ersten Online-Versuche erinnern. Damals war das Internet ja noch der ganz große Außenseiter, etwas, das gerade erst im Kommen war. Die angesagten PC-Freaks trafen sich stattdessen in Mailboxen. Da musste man sich über eine Telefonnummer und ein Modem einwählen. So ein Modem, das zischte und zwitscherte richtig, dann bekam man eine Verbindung, und plötzlich hatte man auf dem Bildschirm ein Menü, das komplett durch Buchstaben geformt wurde. Ich weiß noch, wie aufregend das war, sich durch die Menüs zu hangeln, um Software erstmals nicht mehr auf Diskette bei einem Shareware-Händler zu bestellen, sondern ohne Zeitverlust gleich zu downloaden. Ich kann mich auch noch gut an die Diskussionen erinnern, ob man sich in einer solchen Mailbox leichter einen Virus einfangen könne als bei einem ordentlichen Software-Händler. Damals gab es ja glaube ich 400 oder 4000 bekannte Viren – und nicht Millionen wie heute."

Mailboxen und Pixeljongleure

Ich winkte ab und goss mir noch einen Keramikbecher mit warmen Sake voll. "Mailboxen! Was bist du denn für ein Pixeljongleur? Die coolen Leute waren damals in den Compuserve-Portalen unterwegs. Da war echt was los. Mailboxen – pah. Meine intensivste Erinnerung aus der Zeit von damals war ein Job an der Freien Universität Berlin. Da schuftete ich zusammen mit einem Kumpel für einen Homöopathie-Professor. Der brachte ein 100-seitiges Fachmagazin für Homöopathie heraus – und wir mussten das am PC layouten. Ich weiß nicht, wie wir das geschafft haben, aber wir haben das hundertseitige Heft komplett in Word für DOS gestaltet – mit eingebundenen Bildern, Tabellen und einem komplizierten ein- und zweispaltigen Layout im Blocksatz. Das Ergebnis sieht heute noch besser aus als all das, was ich jetzt in der visuellen Windows-Welt mit Corel Draw hinkriege. Wenn ich mir aber vorstelle, wie viele Probeausdrucke das damals gekostet hat, um die Optik der Seiten in den Griff zu bekommen, dann weine ich noch heute um die zahlreichen Wälder, die dafür abgeholzt werden mussten. Und das auch noch im Auftrag der Homöopathie. Die hat zwar fundierte Ansätze, wird meiner Meinung nach aber immer mehr zur schrägen Religion hochgehypt."

Mister Vu kommt an unseren Tisch: "Quatscht nicht zu viel, esst lieber. Wird kalt." Wir prosten Mister Vu zu und befolgen seinen Rat. Das Essen ist viel zu lecker, als dass man es ignorieren dürfte.


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