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Scheibes Kolumne: Sex - Sex - Sex

Anne hat es auf stern.de-Kolumnist Scheibe abgesehen. Sie schreibt ihm immer wieder verlockende Nachrichten auf den Bildschirm. Ach, wenn man ihr doch nur glauben könnte.

Meine Frau ruft über das Haustelefon im Redaktionskeller an. Ob ich mal eben ins Dach hochkommen könne, sie habe da ein Problem mit dem eigenen Rechner. Missmutig, weil ich wieder aus meiner Arbeit herausgerissen werde, stapfe ich die Treppen bis ins Dach hinauf. Schnaufend und schwitzend ob der schwülen Luft im Dach bleibe ich im Türrahmen stehen und schaue fragend auf den Monitor: "Was ist denn los?"

"Da kommen immer so schweinische Nachrichten auf meinem Bildschirm", meint meine Holde mit Ärger in der Stimme. "Alle paar Sekunden schreiben mir so Schlampen irgendwelche Botschaften. Das sind aber keine normalen E-Mails."

Sie macht Platz, ich setze mich hin. Das E-Mail-Programm ist geschlossen. Trotzdem geht da plötzlich ein Fenster auf. Vor grauem Hintergrund steht mit schwarzer Farbe geschrieben: "Hi, ich bin Anne. Ich ziehe mich gerne nackig aus. Gleich bin ich unter XXX vor meiner Webcam zu sehen."

Wenn die Gedanken schweifen...

Ich staune. Und ich kann nichts dagegen tun. Vor meinem inneren Auge entsteht das Bild einer knackigen Endzwanzigerin, die ihre langen blonden Haare nach hinten wirft und mit erheblicher Kraftanwendung versucht, das viel zu enge Top über den massiven Busen zu ziehen. Ein Schweißtropfen rinnt mir über die Stirn.

"Ähhh…", brumme ich. "Das sind keine Mails. Das ist der Windows-Nachrichtendienst." Meine Frau schaut mich fragend an, und ich erkläre: "Das ist ein standardmäßig aktives Dienstprogramm, mit dem es im Netzwerk möglich ist, kurze Nachrichten zwischen den Rechnern auszutauschen. Inzwischen haben findige Spammer aber herausgefunden, wie sich dieser Dienst auch von außen über das Internet ansprechen lässt. Und so erscheinen dann Nachrichten wie diese auf dem Bildschirm. Den Dienst schaltet man einfach aus und dann melden sich die Mädels auch nicht mehr."

Jetzt kommt auch noch Annas Schwester

Meine Frau schaut skeptisch. Und in der Tat poppt da auch schon wieder die nächste Nachricht auf. Es ist wieder Anna: "Zusammen mit meiner jüngeren Schwester werde ich mich jetzt ausgiebig rasieren. Möchtest du mir zuschauen? Ich bin übrigens 19 Jahre alt." In meiner Fantasie reduziert sich nicht nur das Alter der erdachten Blondine, sondern auch ihr Brustumfang. Ob sie wohl Zöpfe trägt? Und wie alt ist dann wohl die jüngere Schwester? Keinen Tag älter als 18, überlege ich. Dann muss ich intensiv darüber nachdenken, was denn da wohl gerade rasiert wird. Mehrere neue Schweißperlen erscheinen im Rekordtempo auf meiner Stirn.

"Und wie schaltet man den Nachrichtendienst ab?" Meine Frau wird offensichtlich nicht von Annes Worten angemacht. "Da gibt es kostenlose Tools im Internet, die erledigen das". Ich kenne ad hoc nur die entsprechende Freeware von Ashampoo.de. Ich besuche die Homepage und suche nach dem "Ashampoo IP Spam Blocker" - und starte den Download. Das dauert einen Moment. In der Zeit regt sich auch meine kleine Anne wieder.

Überraschung: Petra schaut auch vorbei

Sie schreibt: "Ups. Petra ist zu Besuch. Weil es so heiß ist, haben wir uns sofort nackig ausgezogen. Jetzt lutschen wir an unseren Kirschen."

Wie das so ist mit der Fantasie: Ich sehe eine kesse Brünette mit kleinen Mäusefäustchen-Brüsten, die lasziv im Türrahmen steht und eine braune Papiertüte mit Knupperkirschen in den Händen balanciert, während sie sich gaaanz langsam auszieht. Dann schaltet mein Verstand einen Gang höher und vermeldet, dass ich das mit den Kirschen noch nicht richtig interpretiert habe.

Eine Grübelfalte erscheint auf meiner Denkerstirn. Aber da ist auch schon der Download vorbei und ich starte das Gratis-Tool. Die Programmoberfläche bietet nur eine einzige Funktion an: Windows-Nachrichtendienst ausschalten. Ich klicke die entsprechende Option an und schließe das Programm wieder. Stolz drehe ich mich zu meiner Frau um: "So, das wäre geschafft. Der Spuk ist vorbei."

"Ach, du..."

Während ich mich wieder dem Bildschirm zuwende, erscheint auch schon die nächste Meldung auf dem Schirm. Anne schreibt: "Ach, du. Ich habe ganz viele Nacktfotos von mir geschossen. Sie sind ganz doll frech und unkeusch. Möchtest du sie sehen?"

Fast bin ich versucht, über die vielen Rechtschreibfehler in der Nachricht hinwegzusehen und die angegebene Homepage im Internet anzuwählen. Doch meine Frau, die einen Meter hinter mir steht, räuspert sich bereits.

Ich starte also ganz brav den Rechner noch einmal neu und nehme innerlich bereits Abschied von Anne, die meine Tagträume so beflügelt hat. Nach dem Neustart ist der Nachrichtendienst wirklich abgeschaltet. Von Anne haben wir nie wieder etwas gehört. Schade.

Eine Glosse von Carsten Scheibe, Typemania

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