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Videospielmesse E3: "Das ist ja unglaublich"

Wenn Microsoft sich selbst und seine Spielkonsole Xbox 360 feiert, überlässt das Unternehmen nichts dem Zufall. Jubel muss auch auf der wichtigsten Branchenmesse gut geplant sein. Dabei sorgen die Ergebnisse und Pläne für ein spontanes Dauerlächeln bei den Microsoft-Managern.

Von Sven Stillich, Los Angeles

"Jump in" steht in riesigen Buchstaben am Eingang der Microsoft-Pressekonferenz im Convention Center von Los Angeles, und die riesige Schlange wartender Journalisten würde dem nur allzu gerne folgen: mit einem Sprung die diesjährige "Electronic Entertainment Expo" eröffnen, sich in die traditionell engen Stuhlreihen quetschen und erfahren, welche neuen Geräte und Spiele nach Ansicht von Microsoft die kommenden Monate bestimmen werden. Doch noch ist es nicht soweit. Das "Media Briefing" lässt auf sich warten, die Masse steht ungeduldig Formation, einige Hungrige geben auf der Jagd nach einem Frühstück zehn Dollar aus für eine Flasche Wasser und ein Sandwich. Dann, drinnen: grünes Licht, laute Musik, orangene Beleuchtung, laute Musik, Blitzlicht aus Digitalkameras und Handys.

Es wird leise. Dan Mattrick betritt lächelnd die Bühne. Er ist ein hoher Microsoft-Offizieller, der Leiter des "Interactive Entertainment Business", eine Mischung zwischen Jürgen Klinsmann und Tom Cruise. Und er gibt die Richtung der Veranstaltung vor: "Wir stehen vor der Herausforderung, in den kommenden Monaten Spiele anzubieten, die unsere Fans zufrieden stellen - und die jedermann zum Spielen bringen." Es ist ein Spagat, an dem sich die gesamte Industrie derzeit versucht, seitdem bewiesen wurde, dass auch Nichtspieler Freude an Videospielen haben können, wenn man ihnen nur die richtigen Spiele bietet.

Gewohnte Kost

Microsoft setzt bei ihrem "Briefing" erst einmal auf die Fans und bietet ihnen gewohnte Kost: zerplatzende Köpfe in vielerlei Varationen - oder, wie es der Präsentator von "Fallout 3" beschreibt, "100 Stunden Spielspaß und die unzählige Möglichkeiten, in lächerlich gewaltsamer Weise zu töten." Die erste halbe Stunde vergeht also im gemeinsamen Zählen von abgerissenen Monsterbeinen, zerschmetterten Soldaten und fliegenden Zombieschädeln. Von Spielen also, die in Deutschland so entweder geschnitten oder gar nicht erscheinen werden. Dazwischen darf der britische Spieleerfinder Peter Molyneux kurz verkünden, dass sein seit Jahren in Entwicklung befindliches Epos "Fable 2" endlich fertig ist. Dann lärmen noch einmal die Kettensägen und Kanonen, und der gemütliche Teil des Vormittags beginnt.

Don Mattrick schießt Bilanzzahlen wie Pistolenkugeln auf die Presse ab: Die Spielkonsole "Xbox 360" habe sich fünf Millionen Mal mehr verkauft als die "Playstation 3" der Konkurrenz und dabei, gemessen am Umsatz der Spielehersteller, mehr Umsatz gemacht als die Konsolen von Sony und Nintendo zusammen. Mehr als eine Milliarde Dollar sollen die Nutzer des Online-Netzwerks "Xbox Life" inzwischen im Netz ausgegeben haben. Und so weiter. Keine Zahl steht länger als ein paar Sekunden auf der riesigen Leinwand. Dann eine kurze Pause. Dann der Satz des Tages: "Die Xbox 360 wird in dieser Generation von Spielkonsolen mehr Verkäufe verzeichnen als die Playstation 3", sagt Don Mattrick, blickt in die große Runde und lächelt noch zufriedener als zuvor, wobei der Zustand des "Nicht-Lächelns" heute sowieso nicht vorgesehen scheint. Einige Journalisten klatschen.

Abspielgerät für digitale Unterhaltung

Dass sich die "Xbox 360" - die übrigens in Amerika im Preis gesenkt wird, was auf der Bühne mit keinem Wort erwähnt wird - möglichst oft verkauft, ist nicht nur im Interesse der Spielehersteller. Denn Microsoft will viel mehr mit dem Gerät: Es soll zu einem Abspielgerät für alle Formen digitaler Unterhaltung werden. Es geht dabei auch um Musik (die Sängerin Duffy gibt den Zuschauern ein Ständchen und wirbt für das Karaokespiel "Lips"), aber auf dieser E3 stehen Filme und Fernsehserien im Mittelpunkt.

Bis zu 10000 davon können zwar bislang schon in hoch aufgelöster Qualität über das Internet auf die Konsole geladen werden, doch nun stehen in Amerika auch noch Produkte von NBC-Universal ("Heroes"), Constantin Film und MGM zur Auswahl. So entwickelt sich die "Xbox 360" zu einer riesigen Online-Videothek - und zu einem weiteren Beweis dafür, dass die Hardware-Hersteller etwas hinbekommen, das die Filmstudios - oder im Falle von Apples "Itunes" die Musikindustrie - nicht in der Lage waren, auf die Beine zu stellen: einen digitalen Distributionsservice, den das Publikum akzeptiert und nutzt. Und wie um das zu das feiern, tanzt der Leiter des "Interactive Entertainment Business" gegen Ende des "Briefings" noch ein wenig bei dem Spiel "You're in the Movies" auf der Bühne herum - ein neues Game für die "Xbox 360", das über eine Kamera die Bewegungen des Spielers erfasst und ihn dann in Filmszenen hineinkopiert.

Hinter den Zuschauern hängen Teleprompter, von denen ungeübte Redner weiß auf schwarz ihre Beiträge ablesen können. Und Don Mattrick ist beileibe kein unsicherer Typ. Doch als er noch einmal auf die Bühne stürmt, um einen Spielehersteller für sein neues Werk "Final Fantasy XIII" zu beglückwünschen, zeigt sich für einen kurzen Moment, wie ungeheuer wichtig diese Veranstaltung für Microsoft ist: "Wow, das ist unglaublich", ruft er und reicht dem Erfinder die Hand. Und hinten auf den Bildschirmen ist zu lesen: "<Händedruck> Wow, das ist unglaublich."

So locker die Spielebranche gerne erscheinen will, hier und heute darf nichts schief gehen. Es ist schließlich nur einmal im Jahr E3, und was heute in diesen Minuten geschieht, kann die Stimmung der kommenden Monate prägen. Doch das meiste ist gut gegangen. Die Konferenz ist zu Ende, die Journalisten strömen blinzelnd hinaus in die pralle Sonne Kaliforniens. Morgen sind Sony und Nintendo mit ihren "Briefings" an der Reihe. Mal sehen, was die zu der Kampfansage aus Amerika zu sagen haben.