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Patchworkfamilien organisieren: Die Tücken der digitalen Familienplanung

Schule, Hobby, Haustiere, Arbeit, Arzttermine: Schon in kleinen Familien ist die Planung eine Herausforderung. In verzweigten Patchworkfamilien noch viel mehr. Bringen digitale Familienkalender Ordnung ins Chaos? Wir haben es ausprobiert.

Ein kleiner Teil der Patchworkfamilie des Autors. Im Bild fehlen noch sieben weitere Familienmitglieder. Untereinander gibt es stets viel abzustimmen. Der Kalender am Kühlschrank reichte bald nicht mehr. Die Lösung: die digitale Familien-Administration. Schwieriger als erwartet.

Ein kleiner Teil der Patchworkfamilie des Autors. Im Bild fehlen noch sieben weitere Familienmitglieder. Untereinander gibt es stets viel abzustimmen. Der Kalender am Kühlschrank reichte bald nicht mehr. Die Lösung: die digitale Familien-Administration. Schwieriger als erwartet.

stern-online

Am frühen Abend rief die Schule an: "Wollen Sie Ihre Tochter nicht langsam abholen? Sie wartet schon seit drei Stunden". Wie peinlich, ich hatte mein Kind vergessen!  Doch Moment. War die Kleine heute nicht bei meiner Ex-Frau? Ihr muss etwas passiert sein, nie würde sie unsere Tochter sitzen lassen. Zum Auto rennend pickte ich ihre Nummer aus der Kurzwahlliste. Ihr ginge es hervorragend. Bei mir wäre sie sich nicht so sicher, sagte sie mit spitzem Unterton. Den Abholtermin hätte ich verschwitzt, nicht sie. An diesem Tag wusste ich: Es war Zeit für einen digitalen, vernetzten Familienkalender.

Diese digitalen Familienplaner gab es zur Auswahl

Vor unserer Scheidung reichte der Kalender am Kühlschrank. Zeit war zwar immer knapp. Doch unsere kleine Runde aus Mama, Papa, Kind sah sich täglich. Was es zu besprechen und zu planen gab, wurde am Küchentisch erledigt. Unsere Welt war übersichtlich.

Heute nicht mehr. Wir sind getrennt. Doch aus uns Dreien wurden nicht zwei Mal eineinhalb. Wir wurden Neun. Meine neue Partnerin Natascha, ihre 19 jährige Tochter Alina und ihr Vater Mathias, meine elfjährige Tochter Henni und ihre Mutter Jana. Drei Omas und Opa sind fest in unserem Alltag eingebunden. Und dann wären da noch das Pferd Santo und unser Hund Fancy.

Wie eine Holding aus drei Teilfamilien

Opa Hagen kümmert sich um den Familienhund, wenn wir alle tagsüber aus dem Haus sind. Jana kommt am späten Nachmittag von der Arbeit heim. Damit Henni nach der Schule nicht zu lang allein ist, wird sie an drei Tagen der Woche von Janas Mutter betreut. Unsere "Kleine" ist fast die Hälfte des Monats bei uns. Es ist ihr Zweiwohnsitz mit allem was dazu gehört: Zimmer, Spielzeug, Klamotten, Freunde. Alina studiert und wohnt noch bei uns. Ihr Vater Mathias bei ihr mit seiner neuen Familie eine große Rolle. Gemeinsam sind wir sozusagen eine Holding aus drei eigenständigen Teilfamilien, die zusammen funktionieren wollen.

Ein Familienfoto wird mit der Drohne aufgenommen.

Wir leben den schon fast typischen deutschen Familienalltag.  "Familie ist da, wo Kinder sind, unabhängig von der Lebensform der Eltern"  fasst das Bundesfamilienministerium  in seinem Familienreport 2014 die Meinung der Deutschen zusammen. "1000 Trennungen, 1000 Wege wie neue Familien-Konstellationen geregelt werden" gab uns unser Scheidungsanwalt damals mit auf den Weg.

Ob nun Patchwork oder intakte Familien: Beiden gemeinsam ist der Spagat zwischen Berufstätigkeit und dem Wunsch, für die Kinder da zu sein. Früher liefen "die Gören" noch nebenbei. Heute planen Eltern das knappe Gut Zeit, damit Beruf, Alltag, der Partner und die Kinder überhaupt in einen Tag passen. Die einen tun das auf Papier, wir wollten es nun mit Apps probieren.

Ein digitales Mehrgenerationenprojekt mit Tücken

Jeder Firmen-Coach weiß: Ab neun Mitarbeitern wird die Teamverwaltung kniffelig. Auch bei uns gab es unnötigen Ärger.  Mal war nicht klar, wann welches Kind wo ist, wer mit wem zum Arzt geht oder mit dem Elternabend dran ist. Wie im Büro sorgt auch bei den "Familien-Mitarbeitern" das Gefühl von ungenügendem Informationsfluss für eine gewisse Anspannung. Und genau das wollen vor allem Ex-Partner mit gemeinsamen Kindern möglichst vermeiden. Die Lunte ist ohnehin schon kurz genug. Vernetzte Kalender könnten da wie eine Art Blauhelmtruppe den familiären Frieden wahren. Wer gemeinsam und transparent plant, lebt entspannter. Soweit die Idee.

Madame mit Hund. Tochter Alina verteilt die Betreuung ihres Hundes gern mit minutenlangen Whatsapp-Sprachnachrichten an Mama, Oma und vor allem Opa.

Madame mit Hund. Tochter Alina verteilt die Betreuung ihres Hundes gern mit minutenlangen Whatsapp-Sprachnachrichten an Mama, Oma und vor allem Opa.

stern.de

Wie bei jedem IT-Projekt begannen auch wir mit einer Bestandsaufnahme der verfügbaren Hard- und Software. Jeder in unserer "Peer-Group" hat entweder einen Computer, ein Smartphone oder Tablet nebst Breitband-DSL. Die Handfläche der ältesten Tochter ist ohnehin mit ihrem iPhone verwachsen. Die Jüngste ist technisch fit und betreibt sogar einen eigenen YouTube-Kanal. Natascha und ich arbeiten im Internet, womit die Administratorenfrage geklärt wäre. Jana liebt ihr Smartphone, Mathias seinen Mac. Die Großeltern haben zumindest einen PC. Wenn eine Familie bereit war für die digitalisierte Familienverwaltung, dann wir!  

Famanice, Family Cockpit, Pleno, Cosy - Spezialdienste für Familien

Doch womit verwalten? Der gemeinsame Kalender musste seniorenfreundlich leicht zu bedienen sein und auf iOS, Android sowie im Webbrowser auf dem Computer laufen. Die Auswahl an digitalen Kalendern ist nicht besonders groß aber hochwertig. Einige Programme wenden sich gezielt an die Bedürfnisse von Familien

Die Software Famanice aus Deutschland lässt als App und Web-Programm kaum elterliche Verwaltungswünsche offen: Kalender mit wirklich zahlreichen Funktionen, eine Verwaltung für Aufgabenlisten, ein zentrales Adressbuch und Hausaufgaben-Formulare. Sogar ein geschützter Chat über alle Geräte hinweg ist enthalten. Rund 30 Euro pro Jahr kostet der Dienst für die ganze Familie. Die kostenlose Variante ist stark beschnitten und reicht eigentlich nur zum Testen. Eine gute Lösung für alle, die Datenkraken wie Google nicht trauen.

In den familienfreundlichen Kalenderdienst Family Cockpit muss sich jeder Familienangehörige mit einer App für 1,79 Euro einkaufen. Die Version für den Computer-Desktop ist kostenlos. Der Service aus Darmstadt wurde von zwei Eltern entwickelt, einer Marketing-Managerin und einem Programmierer. Das merkt man sofort. Die App ist aufgeräumt, funktional elegant und selbsterklärend. Pinnwand, Kalender, Adressbuch, Aufgabenlisten – ein sauberer Werkzeugkasten.

Kostenlos ist der Familienkalender Pleno aus Norwegen. Den einfachen Kalender und die Aufgabenlisten gibt es leider nur als App. Wer nur einen Computer hat, wie meine Mutter, bleibt bei Pleno außen vor. Die Kalender-App ist bei einer größeren Anzahl von Terminen schnell unübersichtlich.

Ein sehr mächtiges Familien-Tool ist der Cozi Family Organizer. Leider gibt es ihn nur auf Englisch. Da hätten nicht nur die Omas und Opas gestreikt.

Das banale Ende der Software-Evaluation: Google

Am Ende siegte bei uns die Bequemlichkeit. Zwei Kandidaten blieben zur Auswahl: Google mit dem "Calendar", dem Maildienst "GMail" und der Cloud "Google-Drive". Und Microsoft Outlook.com, das vergleichbare Dienste anbietet. Ein abgespecktes Outlook etwa, sogar mit einem eigens auf Familien zugeschnitten Kalender. Die kostenlose Version von Outlook ist nahtlos in Windows 10 integriert. Praktisch. Das Los fiel schließlich aus einem banalen Grund auf Google. Die Hälfte der Familienmitglieder hatte bereits eine Google-Mail-Adresse und wünschte keine zusätzliche digitale Anschrift. Ende der Diskussion.

Google ist eine elende Datenkrake, doch eines muss man denen lassen: die haben es einfach drauf, praktische Dienste für die Teamarbeit auch noch elegant zu verpacken. Google Kalender, Mail und Drive sind als App für jedes Smartphone verfügbar und funktionieren tadellos in jedem Webbrowser. Google eben. Ein Userkonto war schnell angelegt, ebenso der gemeinsame Kalender.  Anschließend die einzelnen Familienmitglieder per Mail zum Kalender eingeladen. Dann in Google-Drive einen Familienordner als zentrale Ablage für Dokumente erstellen. Hier soll später alles rein, was man sonst in der Schublade liegen aber eben nicht schnell mal zur Hand hat, wenn man es braucht:  wie Stundenpläne, Listen mit Notfallnummern vom Hausarzt bis zum Kinderkrankenhaus, Impfausweise, Krankenkassen-Daten, Klassenlisten. Der Ordner ist natürlich nur für die eingeladenen Mitglieder der Familie einsehbar. Freigaben an andere können nur die Administratoren erteilen. Sicher ist sicher.

Content ist King oder Gut Ding braucht Marketing

Ohne verlässliche Absprachen gibt es nur unnötig Stress am Telefon. Digitale Familien-Kalendern können für Entspannung sorgen, wenn man es richtig angeht.

Ohne verlässliche Absprachen gibt es nur unnötig Stress am Telefon. Digitale Familien-Kalendern können für Entspannung sorgen, wenn man es richtig angeht.

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In einer Mail an die Lieben pries ich die Vorzüge der digitalen Offensive. Was jetzt alles möglich sei, wie einfach es wäre. Natascha, ohnehin stets perfekt organisiert, war beeindruckt. Sie liebt Funktionen wie das Zuweisen von Aufgaben. Unsere Ex-Partner reagierten freundlich verhalten. In den Augen der Kinder stand die Botschaft "Und was hat das mit mir zu tun?" Hagen und Giesela, meine Schwiegereltern, wünschten eine ausführliche "Schulung". Meine Mutter fragte ängstlich, ob sie denn für die Teilnahme auf "die Katze" drücken müsste. Jetzt ist es soweit, dachte ich. Die erste Pflegestufe. Wie sich herausstellte, hatte sie ihren Windows-Laptop stets nur bis zum Anmeldebildschirm mit der Benutzerauswahl gestartet. Ihr Benutzerlogo war eine Katze. Egal, Details. Das wird schon noch.

Weil nur Inhalte User überzeugen, bestückte ich den Kalender mit den Schulferien der nächsten Jahre, Feiertagen, Geburtstagen, den Tochter bei Mama und Tochter bei Papa-Tagen, den geplanten Urlauben, den Terminen für Impfungen, den Schulfesten, Sportfesten und Einträgen wie "Isabell-Marie übernachtet Halloween bei uns und ist Lactose-Intolerant". Meine Lebensgefährtin steuerte die Termine rund um ihre Tochter, den Hund, das Pferd, den Haushalt und der Urlaubsplanung bei. Aufgaben wurden erstellt, Einkaufslisten mit Erinnerungsfunktionen versehen und die Cloud mit Dokumenten beschickt. Das war schon praktisch.

Wo Clouddienste wirklich praktisch sind

So konnte ich beim Kinderarzt die Frage nach der letzten Impfung von Henni sicher beantworten, da wir ihren Impfpass in der Cloud gespeichert hatten. Dort lag auch die Klassenliste mit den Telefonnummern sowie für alle Fälle auch allen Adressen und Nummern der erweiterten Familie. Jana und ich regelten die vielen "Ich will ihr schönes Kleid aber wieder hier haben" und "Gib‘ ihr bitte die Krankenversicherungskarte mit!" nun nicht mehr über unsere Tochter, die so etwas ohnehin augenblicklich vergisst. Wir verschickten die Wünsche als Erinnerungen über den Kalender. Meine Mutter freute sich über die Bilder aus dem Familienalltag, die wir ihr regelmäßig in den Google-Drive Order legen. Hagen und Giesela teilten dem Kalender mit, wann sie nicht für Hunde-Sitting zur Verfügung stehen.

"Es ist tot, Jim!" 


Unser Familienkalender füllte sich mit Leben. Doch leider bezog sich "unser" fast ausschließlich auf Natascha und mich. Die alte Weisheit "Projekt berührt, Projekt geführt" gilt auch für den Familienbetrieb. Wir zwei mutierten zum Sekretariat der Familie, pflegten den Planer, legten Terminserien an, verschickten Erinnerungen, fassten nach und leisten technischen Support. Sicher, hier und da war der digitale Kalender praktisch, doch der Kühlschrankplaner bereitete uns deutlich weniger Arbeit. Zudem beschlich uns auch das Gefühl, unseren Büroalltag privat mit ähnlichen Mitteln fortzusetzen. Der Kalender wollte nicht zum Selbstläufer werden, weil niemand ihn konsequent nutzte. Die Software kann noch so gut sein, wenn sie von den Usern nicht als Gewinn gesehen und mit etwas Spaß bedient wird, ist sie faktisch tot.

Abends auf dem Sofa forschte ich im Netz nach Verschlüsselungstechniken für Daten auf der Goolge-Cloud. Der Weg der Daten auf den Server ist geschützt. Doch einmal bei Google abgespeichert, kann das US-Unternehmen sie nach Herzenslust scannen. So kann aus den in der Mail-Korrespondenz verwendeten Wörtern herausgelesen werden, welche Werbung Google am besten einbinden könnte. Auch wenn das kein Mensch, sondern ein Algorithmus draufschaut, es bleibt irgendwie unheimlich. "Als Mail könnten wir Posteo aus Berlin nehmen und als Cloud-Alternative "Tesorit" aus der Schweiz", rief ich Richtung Küche. Meine Frau kam mit einer Flasche Rotwein ins Wohnzimmer und nahm mir das Tablet aus der Hand. "Beerdigungen sollte man feiern", sagte sie. Und so stießen wir nach einem Jahr digitaler Familienkalender auf dessen Vorruhestand an.

Familienplanung lebt von praktischen Tools mit Spaßfaktor

Seither klebt wieder der selbstausgedruckte bunte A3-Kalender in der Küche. Schwiegereltern hinterlassen Fragen auf dem Anrufbeantworter, die anderen Erwachsenen tauschen Mails aus oder sprechen miteinander. Der tägliche Kleinkram jedoch geht über unsere Familiengruppe in Whatsapp. Mit diesem simplen Programm lässt sich alles Unmittelbare elegant regeln: Wo bist Du? Denke an den Termin morgen. Gib dem Kind bitte mit. Guck mal, wie lustig der Hund aussieht!  Das Chat-Programm bringt etwas, das dem Kalender immer abging: Spaß. Und plötzlich machen auch die Kinder mit. Wer Whatsapp nicht traut, sollte sich Signal anschauen. Funktioniert fast genauso so, greift jedoch keine persönlichen Daten ab oder schaut gierig in die Kontaktliste. Nachteil: Man ist doch ziemlich allein dort unterwegs.

Dauerhafte Aufgabenlisten haben wir auch heute noch, in Forum der App Wunderlist. Größere Chargen an Urlaubsbildern gehen nicht mehr über die Cloud, sondern als Downloadlink über WeTransfer an die Familie – oder direkt aus dem Urlaub über Instagram. Das reicht völlig. Ein Gutes hat unser Familienkalender indes doch bewirkt. Meine Mutter hat "die Katze" gemeistert. Immerhin!

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