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"Overlord II": Klein und gemein

Böse, und dennoch ziemlich gut: "Overlord 2" macht im Gegensatz zum Vorgänger nicht viel anders, einiges aber besser.

Weil Anstand und Moral auf Dauer ganz schön anstrengend sein können, beschritt Codemasters mit "Overlord" andere, dunkle Pfade. Hier sollte, nein, hier musste der Spieler teuflisch böse sein, plündern und brandschatzen, um - was sonst? - die Weltherrschaft an sich zu reißen. Nun erscheint der Nachfolger zu diesem höchst eigenwilligen und unterhaltsamen Action-Strategie-Mix, der glatt der völlig verdorbene Zwillingsbruder des Nintendo-Hits "Pikmin" sein könnte. Viel hat sich beim zweiten Teil nicht geändert. Aber das muss ja nicht zwangsläufig schlecht sein ...

PC und Next-Gen-Konsolen-Besitzer erwartet ein perfides Vergnügen. "Overlord 2" ist wie sein Vorgänger eine sarkastische und schwarzhumorige Persiflage auf das Fantasy-Genre, die zudem auf jede Form der political correctness pfeift. Der Titelfinsterling erinnert frappierend an den dunklen Herrscher Sauron aus der Kinotrilogie "Herr der Ringe". Elfen treten als Regenbogen-Rastafaris auf. Und um gleich zum Auftakt einen Aufreger abzuliefern, muss der kleine Overlord im Tutorial erst die Kinder aus dem Dorf, später süße Häschen und Robbenbabys verprügeln. Sofern er sich überhaupt die Finger schmutzig macht.

Denn er hat ja seine Schergen - kleine, devote Kreaturen mit spitzen Ohren und schiefen Zähnen, die aussehen, als hätte Gollum Unzüchtiges mit einer Horde Gremlins getrieben. Die treudoofen Helfer aus der Hölle lassen sich nach Belieben herumkommandieren, um Gegner zu attackieren, Schalter in Bewegung zu setzen, alles Wertvolle (Gold, Waffen, Rüstungen) zusammenzuraffen oder schweres Gerät aufzuheben - sofern diese sogenannten Minions nicht in den Bann verfetteter Feen geraten, die sich kaum noch in der Luft halten können.

Was als Hau-drauf-Orgie beginnt, entwickelt nach und nach eine beachtliche Komplexität. Um die verwinkelten Ländereien von einem magie-feindlichen Römerimperium zu befreien, müssen diverse Aufgaben gelöst werden, für die es die speziellen Fähigkeiten der Schergen bedarf. Vier unterschiedliche Gattungen gibt es: braune Haudraufs, rote Pyromanen, grüne Giftmischer und blaue Schamanen. Jede Art hat so ihre Vor- und Nachteile: Manche der loyalen Krummbuckel sind immun gegen Feuer, andere gegen Gift. Ihnen gemein ist jedoch die durchwachsene Künstliche Intelligenz. Die kleinen Racker rennen gelegentlich blindlings ins Verderben, rüsten sich dafür aber mit gefundenem Krempel selbstständig aus. Reittiere wie Wölfe, Salamander oder Spinnen dürfen sie nun ebenso besteigen wie schweres Kriegsgerät: Mit gekaperten Katapulten lassen sich ganze Legionen des Imperiums plätten.

Gelegentlich muss sich der Overlord allerdings auch selbst die Hände schmutzig machen - etwa, wenn er mit Axt und Magie seine Schergen schützen muss, während die ein Hindernis aus dem Weg räumen. Oder ein dicker Bossgegner zum Duell bittet.

Ausgangspunkt allen Fantasy-Terrors ist die unterirdische Feste des Overlords. Das beeindruckende Felsgemäuer kann im Lauf des Spiels durch Schöner-Wohnen-Aktionen und eingesammelte Gegenstände Stück für Stück ausgebaut werden. Auch neue Waffen und Rüstungen lassen sich in der Unterwelt schmieden, Minions trainieren und Nebenaufgaben starten. Diese sind meist ebenso lieb- und erbarmungslos ausgefallen: Mache Dir 100 Menschen Untertan ...

Das alles klingt jetzt natürlich ziemlich übel, niederträchtig und fragwürdig, wird aber derart gekonnt mit schwarzem Humor gewürzt, dass so gut wie keine Bedenken aufkeimen. Hinzukommen viele witzige Slapstick-Einlagen und Zwischensequenzen, die meist die nächste Mission einläuten. In diesem Zusammenhang muss auch die Synchronisation lobend erwähnt werden: Wenn Gnarl, die rechte Hand des Overlords, sich aus dem Off immer wieder mit altklugen Ratschlägen zu Wort meldet, bleibt meist kein Auge trocken. Schade nur, dass sich der Overlord selbst vornehm mit Kommentaren zurückhält ...

Overlord II

Hersteller/Vertrieb

Triumph Studios / Codemasters

Genre

Action-Adventure

Plattform

PC, PlayStation3, Xbox 360

Preis

ca. 50 bis 70 Euro

Altersfreigabe

ab 16 Jahren

Richtig böse Schnitzer hat sich Codemasters so gut wie keine erlaubt. Der einzige Vorwurf, den sich die Macher gefallen lassen müssen, ist ihr Unwille zur Erneuerung. Klar, die Grafik erstrahlt in aktuellem Glanz, das Gameplay ist jedoch das alte - ohne große Innovationen. Was einen aber nicht daran hindert, viel amüsantes Unheil anzurichten. Denn wie heiß es im Spiel so schön: "Macht verdirbt den Charakter. Absolute Macht ist ein Riesenspaß."

Gerd Hilber/Teleschau / TELESCHAU
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