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Krieg statt Kegeln: Ü40-Gamer erobern Computerspiel "Battlefield 4"

Früher organisierten sich Ü40er im Kegelverein, heute zocken sie nach Feierabend online Ego-Shooter. Mit dem Actionspiel "Battlefield 4" geht der Schlagabtausch der Seniorenriege in eine neue Runde.

Von Henry Lübberstedt

Ich stand hinter meinem Sohn, sah ihm über die Schulter, wie er Counterstrike spielte und konnte nicht begreifen, warum er das so faszinierend findet", erinnert sich Heike an ihre erste Begegnung mit einem Multiplayerspiel. Die 43-jährige Polizistin lacht. "Na ja, und Jahre später rannte ich dann selbst mit allergrößter Begeisterung über die Gefechtsfelder in 'Battlefield 3'". Zu dem Zeitpunkt war Heikes Sohn schon ausgezogen und lebte in einer WG in Berlin. Doch dass Mutti plötzlich "Battlefield" spielte, fanden er und sein Mitbewohner irgendwie klasse. "Manche Nacht haben wir dann gemeinsam durchgezockt. Eine großartige Zeit war das", erinnert sie sich. Dass sie in ihrem Alter keineswegs ein Unikum ist, habe sie anfangs nicht geahnt.

"Battlefield" ist eine der ganz großen Serien unter den Militärshootern. Bis zu 64 Spieler in zwei Teams bekriegen sich auf Schlachtfeldern von Nahost über den Pazifik bis in die Pariser Innenstadt mit allem, was die Rüstungsindustrie zu bieten hat: Panzer, Artillerie, Bomber, Flugzeuge, Flugzeugträger, U-Boote, Hubschrauber und natürlich Infanterie vom Maschinengewehrschützen über den Pionier bis zum Sanitäter. Gerungen wurde ursprünglich um Flaggenpunkte, die es einzunehmen und zu halten gilt. Mittlerweile gibt es jedoch zahlreiche weitere Spielvarianten.

Zwölf "Battlefield"-Teile in elf Jahren

Elf Teile der Reihe hat Publisher Electronic Arts seit Ende 2002 herausgebracht. Mit "Battlefield 4" erscheint diese Woche Nummer zwölf. Waren die ersten Teile grafisch bescheiden, kommen "Battlefield 4" und sein Vorgänger dem Fotorealismus sehr nahe. "Es knallt und rummst an allen Ecken, der Sound ist einfach der Hammer, Gebäude stürzen ein, Dreck fliegt durch die Luft und man selbst ist da mittendrin - das hat mich völlig gepackt", schwärmt Heike. Doch das Wichtigste waren für sie die vielen freundlichen Mitspieler aus ganz Deutschland. Diese Gemeinschaft von Gleichgesinnten sei genial. Und sie ist groß: Weltweit haben sich über 14 Millionen Spieler "Battlefield 3" gekauft. Zwei Millionen davon allein in Deutschland. Und ein guter Teil davon ist über 40 Jahre alt.

Mit Ende 30 bekommt man zwar noch längst keine Seniorenkarte im öffentlichen Nahverkehr, doch es gibt Bereiche, in denen der Enddreißiger bereits ein leichter Duft von Kompost umweht - Multiplayer-Shooter gehören definitiv dazu. Hauptsächlich bevölkern die 16- bis 24-Jährigen die virtuellen Schlachtfelder. Mit schnellen Reflexen und perfekter Hand-Auge-Koordination stecken sie die meisten "Alten" quasi im Vorbeigehen in die Tasche. Ein Spielvorteil durch die Gnade der späten Geburt.

OPA - die "Onlinezockende Prähistorische Allianz"

"Diesen Vorteil der Jungen müssen wir eben durch Teamplay ausgleichen. Die sind zwar fix, aber meist als Egomanen unterwegs. Da kann man als kleine Truppe aus Alten mit etwas Taktik schon gegenhalten", sagt Hansi Schäning, 43. Mit anderen Spielern zusammen gründete er Ende 2011 den UE40-Clan als Heimat für ältere Battlefield-Spieler. Nicht seine erste Clan-Gründung, wohl aber sein erster Verein für das Altenteil. "Je älter ich wurde, desto mehr störte mich der Umgangston der jüngeren Spieler. Oft war er respektlos und derb beleidigend. Schon kleinste Missverständnisse führten zu verbalen Entgleisungen. Das nervte." Im Umgang miteinander würde der Altersunterschied am meisten sichtbar. "Durch den ruhigen Ton, die gelassene Sprache und deutlich weniger Egoismus klappt die Kommunikation unter den Alten doch deutlich besser", weiß Schäning. Schließlich wolle man im Spiel Spaß haben und vom Alltag abschalten. Spaß bedeutet: das Spiel nicht so bierernst nehmen. Klar, gewinne man gern, aber es sei ein Erfolg der Gruppe, und wie sich der Einzelne nun genau geschlagen hätte, sei nicht so wichtig.

So wie dem Ü40-Clan geht es vielen Battlefield-Spielern. Mittlerweile gibt es zahlreiche Clans und Platoons, die mit dem Alter ihrer Mitglieder kokettieren. Sie nennen sich "Gurkentruppe", "Rollatorboys", "Old-Zocker", "Rentner an Waffen", "Greisen Crew", "PflegeFälle", "Senioren im Gefecht" oder OPA - die "Onlinezockende Prähistorische Allianz". Ihr Motto: Habt Spaß zusammen und keinen unnötigen Stress, den haben wir im Alltag zwischen Familie und Beruf ohnehin schon genug.

Christen, Moslems, Juden - ein Vereinsleben ohne Grenzen

Diese Haltung erinnert an die Seniorenabteilungen in Tennis- oder Fußballvereinen – und sie zeigt damit auch: Hardcore-Multiplayerspiele sind entgegen der landläufigen Meinung keine Domäne "komischer Kellernerds", sondern in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Was früher der Kegelverein mit seinem Eigenleben war, ist heute der Vereinsabend auf einem "Battlefield"-Server. Liebevoll werden Webseiten für den Verein aufgebaut, ein Name erdacht, ein Logo gezeichnet und eine kleine Satzung formuliert. Man mietet sich Server, die von Vereinsbeiträgen bezahlt und von ehrenamtlichen Administratoren betreut werden. Die Mitglieder kommen aus allen möglichen Berufsgruppen: Steuerberater, Sozialpädagogen, Polizisten, Rettungssanitäter, Lehrer, Verwaltungsfachleute, Mediengestalter, Unternehmer - und Frührentner. "Es ist wie etwas zusammen mit Freunden unternehmen", sagt der 41-jährige Informatiker Jürgen Kudnick. In seinem Clan rekrutieren sich die Mitglieder aus verschiedenen Nationen, sind Christen, Muslime oder Juden. Für Kudnick ist diese Vielfalt die größte Bereicherung seines Hobbys.

Dem Vereinsgedanken kommt Battlefield stark entgegen. Es ist wie ein soziales Netzwerk aufgebaut, in dem jeder seine eigene Website hat. Dort kann er Freunde zu seiner Liste hinzufügen, Gruppen gründen und auf seine Pinnwand schreiben. Er sieht, wer wo gerade spielt, kann Freunden ins Spiel folgen oder sie selbst zu einer Runde einladen. Kommuniziert wird über einen Text- oder Voice-Chat.

Ballern während "Voice of Germany"

"Während des Zockens redet man auch über Dinge aus dem echten Leben. Ob nun vom Job, den Kindern, Hochzeitskleidern oder seinen kleinen Alters-Wehwechen", erzählen Alex, 33 und Dirk, 39, die sich gemeinsam mit über 30 anderen zu einer Spielergemeinschaft zusammengeschlossen haben Wenn man da ungefähr ein Alter hat, passe das einfach besser. Dirks Kinder und seine Frau finden sein Hobby völlig in Ordnung. "'Battlefield' ist ein guter Ausgleich für mich, ich kann da total abschalten - vor allem wenn 'Germanys Next Topmodel' oder 'The Voice of Germany', die Lieblingssendungen meiner Frau laufen", sagt der IT-Fachmann lachend. Sie habe ihr Ding, er hätte eben seins.

"Viele von uns wären wahrscheinlich schon aus anderen Clans wegen Mangel an Talent herausgeflogen", merkt Alex halb im Scherz an. "Die meisten jüngeren Spieler haben den Ehrgeiz, in Clanfights zu gewinnen oder eine besonders gute Statistik zu haben. Bei uns steht die Freude am Spiel im Vordergrund und nicht die individuellen Spielfähigkeiten." Auch ein Grund, warum das gesetzte Alter gern unter sich bleibt. Denn wer wie spielt, offenbart jede Spielerseite in ihren öffentlichen Statistiken auf den Prozentpunkt genau. Hätte "Battlefield" einen Datenschutzbeauftragten, er bekäme auf der Stelle Bluthochdruck.

Nichts treffen und doch erfolgreich sein

Obwohl die Veteranen sich gern mit dem Alter und der eigenen Langsamkeit schmücken, so richtig schlecht wollen sie in den Matches nicht sein. Verlieren macht keinen Spaß, in keiner Sportart. Einige Vereine setzen daher Trainingseinheiten an, bei denen die besseren Spieler die nicht so guten unterweisen. Da steht dann schon mal "Befehlen und Gehorchen" auf dem Programm, richtig Vorhalten mit ungelenkten Panzerabwehrwaffen, Schießen aus der Hüfte, taktisches Vorgehen im Squad beim Einnehmen und Halten von Flaggenpunkten oder punktgenaues Absetzen von Truppen mit dem Transporthubschrauber UH-1Y. Für die meisten ist es schlicht die Weiterführung von "Cowboy und Indianer" mit anderen Mitteln.

Heike jedenfalls wäre ohne diese Übungen völlig verloren gewesen. Ihre Präzision liegt bei 2,8 Prozent. Anders ausgedrückt: Sie trifft fast nichts, außer es ist groß genug und hält still. Ihrer Spielfreude tat das jedoch keinen Abbruch, weil man in "Battlefield 3" und seinem Nachfolger auch ohne Schießen erfolgreich sein kann. Für nahezu jede Aktion vergibt das Spiel Punkte. Der Sanitäter etwa wird für das Heilen von Teamkameraden belohnt, der Pionier für das Reparieren von Fahrzeugen, der Aufklärer für das Sichten von Gegnern oder - und das war Heikes Spezialität - der Versorger für das Anreichen von Munition. Im weltweiten Vergleich sind die Deutschen am liebsten als Sanitäter mit dem Verbandskasten unterwegs, hat der schwedische Battlefield-Produzent Dice herausgefunden.

Blinddate mit Freunden

Der Lohn des Trainings ist dann ein gewonnenes Match gegen einen anderen Clan. "Ich war so aufgeregt, so konzentriert bei der Sache. Als unsere Taktik dann aufging und wir gewannen, war ich fix und fertig, auch wenn die Runde nur 20 Minuten dauerte", erinnert sich UE40-Mitglied Armin. Dass ein Multiplayerspiel ein solches Hochgefühl auslösen könne, habe er vorher nicht geahnt. Darin unterscheiden sich Fußball und Battlefield nicht, Ballsport ist so gesehen eben auch ein Multiplayerspiel.

Doch im Gegensatz zum Sportverein, bei dem sich die Mitglieder zwangsläufig auch vom Sehen kennen, treffen sich die Mitglieder der Battlefield-Vereine selten oder nie. Sie sind über ganz Deutschland, Österreich und die Schweiz verstreut. Beruf und Familie lassen meist wenig Spielraum im Terminkalender. "Wir wollten uns immer treffen, aber es klappte irgendwie nie. Bis zu dem Tag, an dem einer von uns an einer Krankheit sehr schnell verstarb", erzählt Hansi Schäning mit bedrückter Stimme. Gerade mal mit 51 Jahren. Jürgen Eisenmann, alias "GrandPa", sei das Herz und die Seele des Clans gewesen. Sein Tod habe alle für Wochen völlig aus der Bahn geworfen. "Da wird einem doch klar, dass die eigene Zeit in unserem Alter kostbar ist. Wir mussten uns danach alle einfach sehen", so Schäning. Der Tag wurde dann ein echter Höhepunkt. Irgendwie ein Blinddate mit Freunden. Am Schluss formierten sich alle für ein Gruppenfoto. Als das Bild ein paar Tage später einer der Ehefrauen in die Hände fiel, sagte sie nur: "Mein Güte, ihr seht ja alle gleich aus!" Hohe Stirn, bei manchem bis zum Nacken, und eine kleine Wohlstandswampe - Ü40 eben.