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Lytro-Lichtfeldkamera im Test: Diese Kamera macht alles scharf

Erst knipsen, dann fokussieren: Die Lichtfeldkamera von Lytro wird ab sofort auch in Deutschland verkauft. Unscharfe Bilder gehören damit der Vergangenheit an - doch das hat seinen Preis.

Von Christoph Fröhlich

Das ist sie also, die angebliche Revolution der Fotografie: Eine elf Zentimeter lange, 200 Gramm schwere, viereckige Röhre. Wie eine Kamera sieht sie auf den ersten Blick nicht aus, eher wie ein kleines, buntes Teleskop. Doch der unscheinbare Klotz ist nicht weniger als der Fotoapparat der nächsten Generation, erklärt Josh Anon, Produktmanager beim kalifornischen Startup Lytro. Jahrelang hat sein Unternehmen getüftelt, nun hat es seine innovative Lichtfeldkamera auch nach Deutschland gebracht. Anon ist überzeugt, dass Lichtfeldkameras ein ähnlich großer Schritt in die Zukunft sind wie der Sprung von Analog- auf Digitalkameras. Er bezeichnet sie als "Kamera 3.0". Doch was unterscheidet sie von handelsüblichen Digicams? Bietet sie Fotografen wirklich völlig neue Möglichkeiten? stern.de hat die Lichtfeldkamera getestet.

So funktioniert die Kamera 3.0

Statt auf die übliche Kombination aus Objektiv und Sensor setzt Lytro in seiner Kamera auf ein Netz von Mikrolinsen, mit denen es möglich ist, nicht nur die Farbe und Intensität, sondern auch die Richtung der einfallenden Lichtstrahlen aufzuzeichnen. Die Lichtfeldauflösung gibt der Hersteller mit elf "Megastrahlen" (Megarays) an. Der Wert ist nicht vergleichbar mit den sonst weit verbreiteten Megapixel-Angaben.

Die Besonderheit der Lichtfeldkamera liegt darin, dass sie keine starren Bilder aufnimmt, sondern interaktive Fotos knipst. So lassen sich beispielsweise die Motive nachträglich scharf stellen oder die Perspektive ändern. Lytro nennt das "Living Pictures".

Ein Beispiel: Das untere mit einer Lytro-Kamera aufgezeichnete Bild (in der stern.de-App leider nicht sichtbar) zeigt eine Strandszenerie. Klickt man mit der linken Maustaste auf den Taucher im Hintergrund, verlagert sich die Schärfe innerhalb weniger Sekunden. Mit einem Doppelklick oder mit dem Mausrad kann gezoomt werden.

Wie man die Motive so staffelt, dass das Spiel mit der Schärfe Spaß macht, erfordert viel Übung und Geduld. Denn die Bedienung der Kamera ist alles andere als zeitgemäß.

Umständliche Bedienung

Am Gehäuse der Kamera gibt es zwei Knöpfe, den An-Aus-Schalter und den Auslöser. Der achtfache optische Zoom wird über eine Touch-Leiste auf der gummierten Oberseite bedient. Die Linse ist eine f/2 Festbrennweite und sehr lichtstark, weshalb die Kamera laut Hersteller keinen Blitz hat. Alle übrigen Einstellungen - etwa die ISO-Zahl und die Belichtungsdauer - werden über den quadratischen Touchscreen auf der Rückseite eingegeben, der auch als Sucher dient.

Er ist zugleich eine der großen Schwachstellen der Kamera: Der Bildschirm hat nur eine Diagonale von 1,52 Zoll (3,9 Zentimeter), ist ziemlich unscharf (49.000 Bildpunkte) und für Menschen mit großen Fingern schwierig zu bedienen. Zudem lässt sich das Display kaum erkennen, wenn man nicht ganz gerade auf den Bildschirm schaut, außerdem spiegelt es stark. Das lässt die ohnehin anspruchsvolle Bedienung in manchen Situationen zum Glücksspiel werden. Oft bleibt einem nichts weiter übrig, als das Motiv aus mehreren Perspektiven zu knipsen und auf ein gutes Bild zu hoffen.

Von der Kamera auf die Facebook-Pinnwand

Ebenfalls umständlich ist das Überspielen der Bilder auf den Computer (Windows oder Mac): Weil die Bilder ein eigenes Format haben (LFP), ist eine spezielle Software nötig, um sie wiederzugeben und zu archivieren. iPhone und iPad werden ebenfalls unterstützt, hier können die Lytro-Fotos mit einer App via Wlan von der Kamera auf das iOS-Gerät übertragen werden. Eine Android-App gibt es derzeit noch nicht, ist aber in Planung.

Die Fotos lassen sich anschließend auf die Plattform www.lytro.com hochladen, wo sie von allen Betrachtern angeschaut und in sozialen Netzwerken via Facebook und Twitter geteilt werden können. Das funktioniert ohne Probleme: Mit einem einfachen Embed-Code können die Bilder direkt per Mail verschickt oder auf die Facebook-Pinnwand eines Freundes geladen werden, ohne dass dieser sich eine zusätzliche Software installieren muss. Auf Wunsch können die Aufnahmen auch als animiertes Gif oder als gewöhnliches Jpeg mit einer Auflösung von 1080 mal 1080 Pixeln gespeichert werden. Zudem lassen sich die Bilder am Computer mit verschiedenen Filtern im Instagram-Stil aufpeppen.

Die Lytro gibt es in vier Farben: Grau, Blau, Rot und Pink. Sie kostet 579 Euro und hat 16 Gigabyte internen Speicherplatz. Das soll laut Hersteller für 750 Bilder reichen. Das Acht-Gigabyte-Modell ist mit 479 Euro etwas günstiger. Das Gerät kann nicht mit einer Speicherkarte erweitert werden. Videos kann das aktuelle Modell nicht aufnehmen, vermutlich wären die anfallenden Datenmengen zu groß: Wenn ein Bild mit rund 20 Megabyte zu Buche schlägt, dürften Bewegtbilder schnell den zur Verfügung stehenden Speicherplatz sprengen.

Fazit: Teurer Spaß für Hobbyfotografen

Auch wenn die Lichtfeldtechnik beeindruckend ist und Fotografen neue Möglichkeiten eröffnet, der große Wurf ist die Lytro-Kamera noch nicht. Die Bedienung ist teils sehr umständlich, der blickwinkelabhängige und grobauflösende Touchscreen lässt nur wenig Freude aufkommen. Oft bleibt dem Fotografen nichts weiter übrig, als im Blindflug zu fotografieren, weil das Display nur schwer ablesbar ist. Hier muss Lytro bei der nächsten Generation nachbessern.

Vergleicht man die Lytro mit einer Kompaktkamera, ist die Qualität vergleichsweise mies. Die Schärfe, Farbtreue und das Bildrauschen sind auf dem Stand einer günstigen Smartphone-Kamera. Doch mit etwas Geduld und dem richtigen Motiv gelingen Aufnahmen, die so mit keiner anderen Kamera dieser Preisklasse möglich wären.

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