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Steve Jobs' iCloud Der virtuelle Wolkenspeicher von Apple


Bye-bye "Mobile Me", hallo "iCloud": Apple nimmt frisch Anlauf, einen modernen Internetdienst zu entwickeln. Rundum erneuerte Software für Macintosh-Rechner, iPhone und iPad soll dafür sorgen, dass Nutzer immer alles Wichtige bei sich haben. Ganz ohne Aufwand.
Von Karsten Lemm, San Francisco

Es war klar, dass etwas Besonderes kommen würde, denn ausnahmsweise hatte Apple eine Überraschung schon vorweg genommen: Steve Jobs, 56, der gesundheitlich angeschlagene Chef und Mitgründer des Computerpioniers, würde an diesem Montag bei der Eröffnung der Entwicklerkonferenz in San Francisco mit auf der Bühne stehen, um die neuesten Produkte zu enthüllen, so hatte die Presseabteilung verkündet. Die Frage war nur: Kehrt der an Krebs erkrankte Jobs permanent auf den Chefsessel zurück? Und was genau führt Apple im Schilde, um seine Erfolgsserie rund um iPhone, Mac und iPad fortzusetzen?

Die Antwort auf den zweiten Teil liegt in einer Großoffensive an mehreren Fronten: Nutzer von Macintosh-Rechnern erhalten im Juli ein rundum erneuertes Betriebssystem, Version 10.7, genannt "Lion", der Löwe. Fans von Mobilgeräten präsentiert Apple mit dem "iOS 5" ebenfalls ein deutlich überarbeitetes Bedienerlebnis, das über 200 neue Funktionen bietet. Und über allem schwebt die "iCloud", Apples Ersatz für den wenig erfolgreichen Internetservice "Mobile Me". Mit "iCloud", der digitalen Datenwolke, soll es zum Kinderspiel werden, alle Informationen immer parat zu haben, egal wo, egal wann, egal auf welchem Gerät.

Rechner so unkompliziert wie Smartphones

Mit "Lion" bemüht sich Apple, traditionelle Rechner ähnlich unkompliziert zu machen wie Smartphones – um dann bei Software mitzuverdienen. Wer künftig auf einem Macintosh-Computer ein neues Programm kaufen und installieren will, soll das idealerweise über den "App Store" tun, das Macintosh-Gegenstück zum gleichnamigen Einkaufsladen für Mobilsoftware auf dem iPhone und iPad. Der Mac-App Store, der bereits Anfang des Jahres eingeführt wurde, ist künftig in das Betriebssystem eingebaut, und Apple führt das Prinzip von Mobil-Apps nun auch auf herkömmlichen Rechnern konsequent zu Ende: Mit "Lion" installieren sich Programme aus dem App Store automatisch und speichern immerfort, ohne Zutun des Nutzers, alle Daten.

Der Vorteil für Apple: Bei jedem Verkauf über den eigenen Software-Laden kassieren die Kalifornier eine Provision. Der Vorteil für Nutzer: Geht irgend etwas schief, soll in Macintosh-Apps nie mehr etwas verloren sein. Unterschiedliche Versionen bleiben erhalten, so dass man wie bei einer Zeitreise zurückgehen und frühere Varianten eines Textes oder einer Tabelle wieder aufrufen kann. Obendrein nutzt "Lion" weit stärker Fingergesten, wie man sie von Mobilgeräten kennt: Fast drei Viertel aller Macintosh-Rechner sind mittlerweile Laptops, und Laptops haben keine Maus, sondern ein Trackpad – deshalb können Nutzer künftig auch auf dem Mac mit einem schnellen Fingerzeig zwischen Programmen hin und her springen. Zur besseren Übersicht gibt es "Mission Control", eine Art Blick aus der Vogelperspektive auf alle aktiven Programme.

"Lion" gibt es zum Schnäppchenpreis

Das grundlegend überarbeitete Betriebssystem wirft Apple als Schnäppchen unters Volk: "Lion" soll im Juli – ausschließlich als Download, nicht mehr auf DVD-Rom – für lediglich 30 Dollar auf den Markt kommen. Die Firma kann es sich leisten: Im vorigen Geschäftsjahr hat Apple bei knapp 90 Milliarden Dollar Umsatz fast 20 Milliarden Dollar Gewinn gemacht (derzeit etwa 13,5 Milliarden Euro). Um die Erfolgsserie fortzusetzen, bekommt auch "iOS", das Betriebssystem für Mobilgeräte, eine Vielzahl an neuen Funktionen: Wenn die Software im Herbst bereit gestellt wird, sagen iPhone und iPad besser Bescheid, sobald neue E-Mails oder SMS-Nachrichten ankommen; Bilder lassen sich sekundenschnell knipsen, ohne dass erst die PIN zum Entriegeln eingegeben werden muss; und das Synchronisieren erfordert kein Kabel mehr – mit "iOS 5" lassen sich Daten auch drahtlos abgleichen, wenn Rechner und iPhone oder iPad im selben Wlan-Netz herumsurfen.

All das sind Versuche, die Angriffe der Konkurrenz abzuwehren: Mit mehr als 220 Millionen verkauften Mobilgeräten gilt Apple zwar als unbestrittener Pionier der Smartphone-Branche und hat es geschafft, mit dem iPad eine ganz neue Kategorie von Tablet-Rechnern populär zu machen. Doch an verkauften Geräten gemessen, hat das Android-Betriebssystem von Google mittlerweile Apple überholt: In den USA, dem einträglichsten Markt für smarte Handys, liegt Android mit 37 Prozent Marktanteil derzeit vor iOS mit 27 Prozent, so berichtet der Marktforscher Nielsen.

"iCloud" - Internetservice aus einer Hand

Im Duell der kalifornischen Giganten kontert Apple nun mit der "iCloud", dem jüngsten Versuch, einen erfolgreichen Internet-Service aufzubauen. Die Enthüllung übernahm der Chef persönlich: "Gefällt's Euch, was ihr bis jetzt gesehen habt?", fragte Steve Jobs in die Runde der etwa 5000 Entwickler, die im Konferenzzentrum in San Francisco an seinen Worten hingen. "Dann versuche ich, jetzt nichts zu vermasseln." Apple-Kenner mochten darin eine versteckte Anspielung auf "Mobile Me" sehen, eine Kombination aus E-Mail, Kalender, Fotogalerie und Festplattenspeicher im Internet, die Apple bisher für 79 Euro im Jahr als Internet-Dienst angeboten hat. Nach Anlaufschwierigkeiten beim Start vor drei Jahren wurde der zuständige Manager entlassen, viele Nutzer wichen aus auf kostenlose Dienste wie Google, Yahoo und Dropbox. So gilt "Mobile Me" als einer der seltenen Flops der Kalifornier. "Das war nicht unser bestes Werk", räumt sogar Jobs ein, und deshalb habe man "alles weggeworfen", um von vorn anzufangen.

Alles neu macht nun die "iCloud" mit dem Versprechen: Wenn sämtliche Informationen der Nutzer in den Datenwolken des Internet gespeichert sind, spielt es keine Rolle mehr, von welchem Gerät sie abgerufen werden – alles ist immer aktuell und jederzeit zu finden. Kein Jonglieren mit unterschiedlichen Versionen, kein Vergessen wichtiger Dokumente daheim auf dem abgeschalteten PC, kein Vermissen von Filmen oder Musikstücken, die auf dem iPod fehlen. Der Grundgedanke ist derselbe, wie ihn auch Amazon, Google, Microsoft und viele andere in der Computerwelt verfolgen, doch Apple verspricht, es einfacher zu machen, weil die Firma alles selbst in der Hand hat: Anders als die Konkurrenz kontrollieren Steve Jobs und seine Mitarbeiter sowohl die Hardware als auch die Software.

Automatischer Abgleich auf allen Geräten

Mit der "iCloud" sollen Apple-Fans künftig sofort Nachricht bekommen, wenn eine neue E-Mail eintrifft, Lesezeichen im Safari-Browser werden automatisch zwischen allen Geräten abgeglichen, und wichtige Daten lassen sich einmal am Tag ohne weiteres Zutun auf Apples Servern in den Wolken speichern. Auch Fotos und Dokumente, die in Apples eigenen Office-Programmen wie "Pages" und "Numbers" erstellt werden, landen automatisch in der "iCloud". Als Betreiber des erfolgreichsten digitalen Musikladens, iTunes, hat Apple es auch geschafft, die Plattenfirmen mit ins Boot zu holen: Alle Lieder, die Kunden künftig bei iTunes kaufen, finden sich automatisch in der "iCloud" und können von dort bei Bedarf mehrfach heruntergeladen werden. Darüber hinaus weiß Apple Bescheid über frühere Einkäufe: Wer seine bestehende Musiksammlung in der Apple-Wolke wiederfinden möchte, muss nicht mühsam und zeitraubend Hunderte oder Tausende von Liedern auf die Server laden – sobald Apple die benutzten Geräte über das iTunes-Konto freigeschaltet hat, ist die Musik sofort da.

Mehr noch, mit einem neuen Service namens "iTunes Match" sollen selbst Lieder automatisch in der "iCloud" zur Verfügung stehen, die Nutzer bereits auf der Festplatte ihres Rechners gespeichert haben, ohne dass sie bei iTunes gekauft wurden. Für "iTunes Match" verlangt Apple eine Abo-Gebühr von 25 Dollar pro Jahr. Der Rest der "iCloud" ist, anders als "Mobile Me", kostenlos. Allerdings beschränkt sich der Speicherplatz auf fünf Gigabyte an Daten. Die "iCloud" soll im Herbst, gemeinsam mit dem "iOS 5" (und – so darf man vermuten – dem iPhone 5) auf den Markt kommen. Den Musikdienst über den Wolken schaltet Apple schon jetzt live, mit einem Update der Mobilsoftware auf "iOS 4.3". Stolz führte Steve Jobs am Ende vor, wo die "iCloud" ihre Heimat hat: in einem neuen Rechenzentrum im US-Bundesstaat North Carolina. Es ist so groß, dass es sogar bei Google Earth auf Satellitenfotos auftaucht. "Wir sind bereit für viele Kunden, die die 'iCloud' nutzen möchten", verkündete Jobs selbstbewusst – und verschwand von der Bühne, ohne eine der wichtigsten Fragen zu beantworten, die über den Köpfen seiner Anhänger schwebte: Wann er wieder zurückkehrt an den Schreibtisch, um das Tagesgeschäft seiner Firma zu leiten.


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