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"Joost": Herr über die Kanäle

Endlich selbst entscheiden, was, wann, wie lange im Fernsehen läuft. Hört sich wunderbar an. Wenn man den Skype-Erfindern und ihrem neuen Internet-TV "Joost" Glauben schenkt, gehören ab diesem Sommer triste Fernsehabende der Vergangenheit an.

Von Felix Disselhoff

Noch keine zwei Jahre ist es her, als das Internetauktionshaus Ebay den vergleichsweise kleinen Internettelefondienst Skype für vier Milliarden Dollar eingekauft hat. Was hat das jetzt mit Joost, dem angeblich innovativsten Fernsehkonzept der Neuzeit, zu tun? Die Erfinder Janus Friis und Niklas Zennström haben mit Skype und Kazaa bereits zwei äußerst beliebte Produkte entwickelt. Während Kazaa als Quelle illegaler Downloads in die Geschichte einging und mit einer Welle an Urheberrechtsklagen gestoppt wurde, erfreut sich Skype auch heute noch größter Beliebtheit und ist der nach eigenen Angaben meistgenutzte VoIP-Dienst. Beide Dienste basierten auf dem FastTrack-Protokoll, das einen schnellen Datenaustausch möglich macht. Was vor einigen Monaten noch unter dem dubiosen Titel "The Venice Project" durch die Netzwelt geisterte, befindet sich in den letzten Zügen der Testphase, nennt sich Joost und nutzt das bewährte FastTrack-Protokoll.

Mit ihrem dritten gemeinsamen Projekt peilt das Erfinderteam aus dem hohen Norden nicht mehr und nicht weniger als eine Revolution der globalen Fernsehlandschaft an. Bei Joost soll der User selbst entscheiden, was er sehen will und wann er es sehen will.

Wie funktioniert das Fernsehen der Zukunft?

Joost nutzt Filesharing-Technologie, um einem breiten Publikum eine große Auswahl von Fernsehsendern über das Internet in guter Bildqualität zugänglich zu machen. Damit das Fernsehbild ruckelfrei beim Zuschauer ankommt, werden die Inhalte komprimiert. Trotz starker Komprimierung sind die Datenmengen immer noch enorm. Im Gegensatz zu Videoportalen wie YouTube, bei denen die Daten von zentralen Servern kommen, werden die Inhalte bei Joost auf mehrere "Knoten" verteilt, um dann von einem Joost-Benutzer zum nächsten übertragen zu werden. Jede Sendung ist dazu in zehnsekündige Schnipsel aufgeteilt. Erst, wenn ein bestimmter Abschnitt bei keinem User zu finden ist, greift Joost auf zentrale Server zu. Wie schon bei den vorherigen Projekten der Skype-Erfinder ist das Angebot für den User kostenlos. Die Finanzierung soll über Werbespots erfolgen, die auf Webseiten verweisen und an die hinlänglich bekannte Fernsehwerbung erinnern. An der Entwicklung sind weltweit zirka 150 Mitarbeiter beschäftigt.

Heimvideo oder Kinofilm - Was gibt es zu sehen?

Noch befindet sich Joost in der Beta-Testphase. In Deutschland sind aktuell 70 Kanäle verfügbar. Deutschsprachige Inhalte sind noch in Planung. Die Mischung ist bunt: Von Science-Fiction und Dokumentationen bis zu wahren Comic-Schätzen und Musikvideos. Auf selbst gedrehte Kurzvideos will man komplett verzichten. Die Benutzeroberfläche wirkt schon sehr ausgereift. Wer einen DVD-Player sein Eigen nennt, wird mit der Bedienung von Joost keine Probleme haben. So kann man eine Sendung einfach anhalten, zu den schönsten Szenen zurückspulen oder die langweiligen Sequenzen überspringen. Die Grundauswahl an Sendern lässt sich später beliebig erweitern. Dazu wird im "Channel Catalog" aus einer der vielen Kategorien ein Kanal ausgewählt. Um die Auswahl zu erleichtern, wurde eine Suchfunktion integriert. Was auf den einzelnen Kanälen gerade gezeigt wird, gibt es in einer kleinen Vorschau zu sehen. Das Fernsehbild selbst ist flüssig. Dass das Gesehene aus dem Internet und nicht aus der Satellitenschüssel kommt, fällt nur ab und zu bei kleinen Verpixelungen auf.

Bis zum offiziellen Start müssen allerdings noch die Verträge mit den großen Filmstudios ausgehandelt werden. Ohne deren Lizenzen wäre das Angebot ein Nischenprodukt, der große User-Andrang würde ausbleiben. Geld ließe sich so nicht verdienen. Da die beiden Entwickler aber auch bereits mit Ihren Vorgängerprogrammen erfolgreich waren, sollte es nicht weiter schwer fallen, die Filmstudios und TV-Sender von ihrer Idee zu überzeugen.

Keine Freude am Erfolg der Skype-Milliardäre hat wahrscheinlich Google. Rund 1,7 Milliarden US-Dollar ließ man sich die Aktienmehrheit an der Videoplattform YouTube kosten. Fernsehsender sollten hier ihre Inhalte weiter vermarkten können. Der erhoffte Durchbruch blieb bislang aus. Das amerikanische Publikum aber hat Grund zur Freude. Vergangenen Donnerstag unterzeichnete CBS, Amerikas größtes TV-Netzwerk, einen Deal mit Joost. So werden beim offiziellen Start von Joost auch alle Folgen der erfolgreichen Krimiserie C.S.I. in guter Qualität verfügbar sein.

Fernsehen - und was noch?

Joost, so versprechen die Macher, vereine das Beste aus TV und Internet, mit den Vorzügen des Web 2.0 und fülle damit eine "kritische Lücke" bei der Videounterhaltung im Netz. Dazu hat sich das globale Entwicklerteam Einiges einfallen lassen: Mit einem Klick auf "My Joost" landet man in einem Menu voller kleiner Zusatzprogramme. Hier lässt sich die Mattscheibe noch ein wenig aufpeppen und mit einer Uhr versehen. Ein RSS-Newsreader mit den aktuellsten Schlagzeilen von Stern.de oder der Posteingang von Google Mail lassen sich auch problemlos einbinden. Mit dem "Channel Chat" kann sogar mit anderen Zuschauern zur laufenden Sendung gechattet werden.

Die Konkurrenz schläft nicht

Während Joost noch auf dem amerikanischen Markt experimentiert, hat sich ein amerikanisch-schweizerisches Projekt zum ernstzunehmenden europäischen Internet-TV-Konkurrenten gemausert. Der Name: Zattoo. Zurzeit umfasst Zattoo rund vierzig Fernsehsender, darunter auch ARD, ZDF, ProSieben, Sat.1 und RTL. Entwickelt wurde die Technologie hinter Zattoo an der University of Michigan. Geplant war die Software als professionelles Videokonferenz-System bis sich Suigh Jamin, Amerikaner mit indonesischen Wurzeln, vor knapp zwei Jahren mit dem Schweizer Beat Knecht zusammenschloss. Jetzt hat das Unternehmen zwei Firmensitze und rund 20 Mitarbeiter. In Deutschland soll Zattoo, so Firmengründer Beat Knecht, Anfang Juni an den Start gehen.

Pro und Kontra

Egal, ob die Lieblingsserie gerade ausgestrahlt wird oder nicht. Mit Joost muss ich keine Sendung mehr verpassen. Die Chatmöglichkeiten geben einem das Gefühl, nicht mehr alleine im Fernsehsessel zu sitzen. Wenn der Moderator langweilt, kann ich meine Kritik direkt mit Zuschauern aus aller Welt teilen. Nachteilig ist vor allem das hohe Datenaufkommen. Weil jeder User auch Teil des Netzwerks ist, fallen pro Stunde bis zu 400 MB an Traffic an. Joost ist also eher für Besitzer einer Flatrate eine echte Alternative. Ob das Programm auch in Zukunft auf einer normalen DSL-Leitung ruckelfrei laufen wird, ist fraglich. Fraglich ist auch, wann Joost die deutsche Fernsehlandschaft erreicht. Denn für jedes Land müssen die Betreiber neue Lizenzverträge aushandeln. Das kostet viel Zeit und vor allem viel Geld.

Fazit

Zurzeit ist das neue TV-Konzept nur für die USA interessant. Wenn die norwegisch-dänische Erfindung endlich mit deutschsprachigen Inhalten gefüttert wird, wird die Nutzerzahl wahrscheinlich genauso schnell steigen, wie es schon bei Kazaa und Skype der Fall war. So könnte Joost zum digitalen Videoarchiv für Jedermann werden. Für die Fernsehsender ist Joost umso interessanter, wenn sie einmalig produzierte Inhalte lukrativ weiterverwerten können. Durch die Unabhängigkeit von regionalen Senderfrequenzen wird das neue Überall-Fernsehen aber vor allem für reisefreudige Notebook-Besitzer zum unverzichtbaren Begleiter in tristen Hotelzimmern und auf langen Zugfahrten.