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China: Spinnen im Netz

Ein riesiger Überwachungsapparat kontrolliert in China fast 100 Millionen Internetsurfer. Wer online unabhängige Nachrichten sucht oder eine regimekritische Diskussion beginnt, lebt in höchster Gefahr.

Von Adrian Geiges

Die Angst geht um in China. Die Angst vor coolen Jungs im Schlabbershirt und kichernden Girlies mit Sonnenbrille. Und die Ängstlichen, das sind die alten Herren im Politbüro der Kommunistischen Partei. So viel Angst haben sie, dass sie ein Heer von 50.000 Geheimagenten aufgestellt haben. Ein Riesenapparat mit nur einer Aufgabe: der Kontrolle von Internet und Mobiltelefon-Netzen. Denn die coolen Jungs tun nichts weiter, als im Online-Café zu surfen, die Mädchen schicken SMS-Botschaften per Handy.

Diese Woche sind die 50.000 in höchster Alarmbereitschaft. Unablässig durchstöbern sie das Netz, lesen Online-Tagebücher, verfolgen Chats - und löschen sofort alles Verdächtige. SMS-Texte mit den Zahlen 4 und 6 werden gleich automatisch gestoppt und nie versendet. Der Grund für die Nervosität der Machthaber: Am 4. Juni jährt sich das Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens von 1989. Damals ordneten die chinesischen Führer den Massenmord an der eigenen Bevölkerung an. Das soll keiner elektronisch diskutieren können.

Chinas Führer

sind im Zwiespalt. Zwar wollen sie das Internet weiter fördern, um die Wirtschaft zu entwickeln. Doch andererseits fürchten sie den Fluss von Informationen und Meinungen. 94 Millionen Chinesen nutzen bereits das Internet. Nur in den USA sind noch mehr Bürger online - bisher. In China wächst die Webgemeinschaft im Transrapid-Tempo, für 2005 erwartet das Ministerium für Informationstechnologie einen weiteren Anstieg um 28 Prozent. In Chinas Büros und Restaurants, auf Straßen und Plätzen piept und summt es. 335 Millionen Mobiltelefone sind hier angemeldet. 2003 wurden in China 220 Milliarden Kurznachrichten per Handy versandt - 55 Prozent aller SMS weltweit.

"China hat Richtlinien erlassen, um pornografische, betrügerische und verbotene SMS auszufiltern", feiert die Nachrichtenagentur Xinhua den Ausbau des Überwachungsstaats und verbrämt ihn als eine Art Jugendschutz. Die Mobiltelefongesellschaften sondern "20 Kategorien von Inhalt" aus, ebenso wie alle Internetprovider. Zu den 20 Kategorien gehören neben Sex auch "unpatriotische" Kurznachrichten und solche, die die "nationale Sicherheit und soziale Stabilität" gefährden, etwa über Sars. Als die Lungenkrankheit vor zwei Jahren ausbrach, erlebte China die Macht der SMS. Über private Messages verbreiteten sich die Zahlen über das wahre Ausmaß der Seuche. Nach einigen Wochen musste die Führung die Katastrophe zugeben. Sie zog die Konsequenzen - und perfektionierte die Internet- und SMS-Bespitzelung. Von der Neuwahl des Papstes vor zwei Monaten war überall im Netz zu lesen, nur nicht in China.

Regierungsvertreter inspizieren die Büros der Telefongesellschaften und Internetprovider, um die Einhaltung der Zensurbestimmungen zu kontrollieren. Im Netz orteten Chinas Kontrolleure etwa die Psychologiestudentin Liu Di. Unter dem Pseudonym "Rostfreie Stahlmaus" schrieb sie im Internet über Demokratie und Freiheit, verspottete die Kommunistische Partei und die Geheimpolizei. Was woanders als harmloser Scherz gesehen würde, brachte ihr in China ein Jahr Gefängnis - ohne Gerichtsverfahren. Sie saß im Pekinger Qincheng-Gefängnis, eingepfercht in einer Sieben-quadratmeterzelle mit fünf Mitgefangenen, Mörderinnen, Drogendealerinnen und Diebinnen. "Es hat lange gedauert, bis sie verstanden haben, dass meine Kommentare nur ein Witz waren." Es sagt viel aus über die Nervosität von Chinas roten Kaisern, dass sie sich vor dieser 24-Jährigen fürchten: Liu Di ist schüchtern, klein und kein bisschen aggressiv - ein Bücherwurm, der gerne im Internet surft.

Weil sich in China nur wenige privat einen Computer leisten können, treffen sich die meisten in Internetcafés wie der "520 Digital Internet Bar" im Zentrum Pekings. Der Name klingt in der Landessprache cool: 520, "wu er ling", hört sich chinesisch betont fast wie "wo ai ni" an, "ich liebe dich". Im "520" stehen 300 Computer bereit. Täglich kommen im Schnitt 800 Besucher, am Wochenende 1000. Selbst nach Mitternacht sind es noch Dutzende - das Internetcafé hat 24 Stunden geöffnet. Fast alle Besucher sind zwischen 18 und 25, Minderjährige werden nicht eingelassen. Das Design ist schick und modern, ein in die USA ausgewanderter Taiwaner hat es entworfen. Die Nutzer sitzen in Séparées aus edel glänzendem Metall, die an Raumkapseln erinnern. Eine Stunde vor dem Computer kostet sechs Yuan, umgerechnet 60 Cent.

Maschinengewehre knattern - für die meisten Besucher ist das Internetcafé ein Spielsalon. "70 Prozent unserer Besucher kommen wegen der Computerspiele", sagt Si Xiaoming, der 36-jährige Manager des Cafés. Doch er sorgt sich nicht um die Brutalität - ihn beunruhigen die restlichen 30 Prozent der Besucher, die Nachrichten lesen oder einen Liebespartner suchen, Briefe schreiben und chatten. "Wir müssen aufpassen, dass hier keine verbotenen Ideen verbreitet werden, etwa die Falun-Gong-Religion", sagt Manager Si. "Aber wir haben das unter Kontrolle."

15 Aufpasserinnen

streifen durch die Gänge. Sie schauen den Nutzern über die Schulter, sind so jung wie diese, als Uniform tragen sie eine rote Hose und ein weißes T-Shirt mit einer drolligen Taubenfigur. "Wenn ein Besucher staatsfeindliche Aktivität entfaltet, schalten meine Mitarbeiterinnen den Computer sofort ab", rühmt der Manager die perfekte Aufsicht. "Außerdem haben wir einen Überwachungscomputer, auf dem wir sehen können, wer sich gerade welche Seiten ansieht. Alle Besucher müssen sich hier mit Personalausweis registrieren." Die Staatssicherheit verlangt von den Internetcafés, für jeweils 60 Tage alle Daten über die von Besuchern geöffneten Seiten zu sichern - gemeinsam mit den Namen und Personalausweisnummern der Nutzer.

Nicht alle Internetcafés setzen die Vorschriften so eifrig um wie Si Xiaoming: Im vergangenen Jahr hat die Regierung 47.000 Internetcafés geschlossen. Die Gateways, die Chinas Netz mit dem Ausland verbinden, sind fest in der Hand der Regierung. Sie hat Filter einbauen lassen, die den Zugang zu missliebigen Websites verhindern. Die Informationen der britischen BBC sind ständig gesperrt, die Website der Deutschen Welle meistens. Wer die Seiten von Amnesty International oder von Tibet-Gruppen aufruft, erhält die Anzeige "Netzwerkfehler".

Anfangs blockte China auch Suchmaschinen wie Google. Dies ist nicht mehr nötig, denn China hat das Filtersystem perfektioniert. Nicht nur ganze Websites werden ausgefiltert, sondern Stichwörter, etwa "Dalai Lama" oder "Human Rights Watch". Statt einer Fehlermeldung kommt immer öfter einfach nichts. Wer in China das Internet nutzt, kann manchmal den Eindruck bekommen, die gesuchten Personen oder Erscheinungen existierten gar nicht. Das erinnert an Orwells "1984", ist aber rein technisch gesehen "keine große Sache", wie Florian Schäffer weiß, Diplom-Informatiker in Berlin und Fachautor von Büchern wie "Anonym und sicher surfen" und "Hacker's Dirty Tricks". "Dafür benötigt man im Prinzip die gleiche Software, wie sie Eltern in Deutschland benutzen, wenn sie ihre Kinder vor unerwünschten Seiten schützen", sagt Schäffer. Doch, so erklärt er, es gibt technische Tricks, mit denen sich die Filtersysteme umgehen lassen. Liu Di und viele andere chinesische Nutzer kennen diese Tricks.

Auch aus dem Inland geraten immer wieder missliebige Nachrichten ins Netz. Als in der nordostchinesischen Stadt Harbin ein Bauernwagen den BMW einer reichen Chinesin streifte, raste die Dame wutentbrannt in eine Menschenmenge, tötete eine Bäuerin und verletzte zwölf Menschen. Weil sie die Verwandte einer hohen Parteifunktionärin gewesen sein soll, erhielt sie nur eine Bewährungsstrafe. Über Foren im Internet wurde der Fall in ganz China bekannt - bis das Propaganda-ministerium den "BMW-Vorfall" in die Liste der verbotenen Themen aufnahm.

Deshalb reicht den Mächtigen die technische Filterung nicht. Die Armee der Überwacher spürt Kritiker auf und verhaftet sie. Und sie bittet brave Bürger um Hilfe: Unter der Adresse http://net.china.cn haben sie ein "Berichtszentrum für illegalen und ungesunden Inhalt" eingerichtet. Dort können Denunzianten anonym die Adressen kritischer Websites in ein Formular eintragen - ganz einfach per Internet.

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Kann ich mich auf Geschwindigkeitsanzeige FritzBox verlassen?
Hallo zusammen, erstmal herzlichen Dank für die Leute, die sich Zeit nehmen Fragen zu beantworten oder ihre Erfahrungen mit anderen teilen. Das ist oft hlifreich, wenn man sich nicht so auskennt. Ich hoffe, dass mir jemand weiterhelfen kann. Die Telekom hat hier nach langer und ersehnter Zeit schnelle Leitungen verlegt. Mitarbeiter waren auch zu Besuch da und auch nett:-) Sie wollten ja auch, dass ich von 1und1 wieder zurück wechsel. Das ist für mich in Ordnung und gehört zum Wettbewerb. Da jedoch die Mitarbeiter mir sagten, dass die Telekom für paar Jahre das Vorrecht hätte, könnte ich schnelles Internet nur über Telekom beziehen. Sprich entweder Telekom und schnelles Internet oder langsames Internet. Da habe ich im Internet recherchiert und rausgefunden, dass das so nicht mehr stimmt. Das war der Grund, warum ich dann bei 1und1 DSL100 abgeschlossen habe, da man mir am Telefon gesagt, dass es ohne Probleme möglich wäre. Nun ist es jedoch so, dass wir gar nicht so merken, dass unser Internet schneller ist. Gerade in der oberen Etage kann man nicht ohne Router surfen oder Sky über Internet Fernsehen. Nun meine Frage: Bei der Fritzbox wird es jedoch angezeigt. Kann ich mich drauf verlassen? Oder wie macht ihr eure Messungen? Ich weiss, dass es Software gibt, aber der feste Rechner ist bereits alt und hat einen alten Internet Explorer drauf. Wenn ich mit einem Laptop im Wlan mich reinhänge, wird sicher die Geschwindigkeit sowieso niedriger und nicht verwertbar sein, oder? Vielen Dank für die Antworten.