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Unbequeme Wahrheit Der meistgesehene Link bei Facebook säte Impfzweifel. Doch Facebook wollte nicht, dass wir das wissen

Facebook rüstet sich für die US-Wahl
Der Transparenz-Bericht sollte Facebooks Image verbessern (Symbolbild)
© Niall Carson / Picture Alliance
Mit einem Transparenz-Report wollte sich Facebook diese Woche vom Image befreien, Covid-Lügen zu verbreiten. Einen früheren Bericht hat der Konzern aber für sich behalten – weil er dem Image recht gegeben hätte.

Covid-Verschwörungstheorien, Wahlkampf-Lügen und nun die Impfzweifel: Facebook hatte im letzten Jahr massiv mit Desinformationen auf der Plattform zu kämpfen. In seinem am Mittwoch erstmals vorgestellten Transparenz-Report wollte der Konzern beweisen, dass die meisten Nutzer die Plattform für private Inhalte nutzen. Nun stellt sich heraus: Es gab bereits eine erste Fassung des Reports. Doch die wurde gestrichen, weil sie die Botschaft des Konzerns untergraben hätte.

Das geht aus einem Bericht der "New York Times" hervor. Der Zeitung war eine Kopie des ersten Berichtes zugespielt worden. Während der veröffentlichte Report den Zeitraum von April bis Juni diesen Jahres beinhaltet, deckte die erste Fassung die ersten drei Monate des Jahres ab. Und zeichnete ein deutlich anderes Bild als der nun veröffentlichte Report.

Impfzweifel als Top-Artikel

Während in dem veröffentlichten Bericht tatsächlich harmlose Inhalte wie Kochrezepte oder die Seite der UNICEF die meistbesuchten Inhalte bestimmen, landete im ersten Quartal noch ein Bericht auf Platz 1, der dem Klischee von Facebook als Verbreiter von Impfzweifeln voll entspricht: Es handelt sich um einen Zeitungsartikel, der den Tod eines Arztes aus Florida direkt mit seiner Covid-Impfung in Zusammenhang zu stellen versucht. Alleine 54 Millionen US-Bürger hatten den Link von dem Netzwerk angezeigt bekommen. Tatsächlich war untersucht worden, ob das Sterben des Mannes mit seiner 14 Tage zurückliegenden Impfung zusammenhängen könnte. Die Nachricht darüber, dass es keine Hinweise darauf gab, wurde aber erheblich weniger Facebook-Nutzern gezeigt.

Auch bei den meistbesuchten Seiten ließ der erste Quartalsbericht Facebook schlechter aussehen. Auf Platz 19 der Liste fand sich laut der "Times" die Seite "Trending World", die aktiv Narrative der Qanon-Verschwörungsszene verbreitete. Mit 81,4 Millionen Nutzern, die die Seite besucht hatten, lag sie nur 300.000 Besucher hinter "Fox News" – immerhin der mit Abstand erfolgreichste Nachrichtensender in den USA.

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Kampf um das Image

Laut der "Times" hatte das Unternehmen sich nach interner Debatte dafür entschieden, den Report nicht zu veröffentlichen. Das gehe aus internen E-Mails hervor. Damit konfrontiert, bestätigte ein Sprecher des Konzerns die Entscheidung. "Wir hatten erwogen, den Bericht früher zu veröffentlichen", so der Sprecher. "Allerdings war uns bewusst, welche Aufmerksamkeit er bekommen würde, so wie es diese Woche ja auch war. Daher wollten wir noch eine Änderungen im System umsetzen." Welche Änderungen, dazu äußerte er sich nicht. Dem Sprecher zufolge wollte Marketing-Chef Alex Schultz den Bericht veröffentlichen, stimmte letztlich aber der internen Empfehlung zu, darauf zu verzichten.

Facebook kämpft in der letzten Zeit mit massivem Gegenwind. Immer wieder muss sich der Konzern Vorwürfe gefallen lassen, dass über die Plattform Desinformationen verbreitet werden. US-Präsident Joe Biden warf dem Konzern gar vor, indirekt für den Tod von Menschen verantwortlich zu sein. Mit den Transparenz-Berichten, die nun regelmäßig erscheinen sollen, will der Konzern diesem Image entgegenwirken. Ob das reicht, wird von Kritikern bezweifelt. "Man kann keinem Report vertrauen, der von einer Firma selbst zusammengestellt wird und dazu ausgelegt ist, eine bestimmte Erzählrichtung vorzugeben. Diese Transparenz können nur die Regulierungsbehörden durchsetzen", erklärt Brian Boldand der "Times". Seine Kritik dürfte Facebook besonders schmerzen: Er arbeitete bis letztes Jahr als Vize-Marketingchef des Konzerns - und kündigte wegen des Mangels an Transparenz.

Quelle: "New York Times"

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