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Freecycle: Hier gibt's was umsonst

Das Internet bringt Geber und Nehmer zusammen - in Verschenkgemeinschaften. Was der eine entrümpelt, kann der andere gut gebrauchen.

Als Sechzehnjähriger fuhr Thomas Pradel mit Freunden durchs niederrheinische Bocholt und stöberte im Sperrmüll nach Sesseln und Stühlen für den Proberaum seiner Band. Denn damals stellte man in den meisten Städten alte Möbel, Farbreste oder klapprige Fahrräder an den Straßenrand. Heute schaut der 40-jährige Buchhersteller in sein E-Mail-Postfach, wenn er etwas kostenlos ergattern möchte - etwa ein trotz Brandfleck noch brauchbares Bügelbrett oder eine in voller Blüte stehende Topfpflanze.

Als "Verschenkplattform" bezeichnet sich die Website im Internet, wo Dinge neue Besitzer finden, die für den Mülleimer oder den Recyclinghof zu schade sind. "Freecycle" heißt die Aktion - ein Kunstwort aus "recycle", also wiederverwerten, und "free", sprich gratis. Unter der Adresse freecycle.org hat sich ohne jedes Profitinteresse im Schatten des gigantischen Wachstums von Ebay in knapp zwei Jahren ein Netzwerk von rund 780.000 Mitgliedern in 46 Ländern entwickelt, die in etwa 2100 lokalen Gruppen organisiert sind. Anders als bei Online-Auktionen oder auf dem Flohmarkt sind alle angebotenen Artikel kostenlos. Eine Bezahlung zu fordern wäre ein schwerer Verstoß gegen den Geist und auch die Regeln von Freecycle. Die Sorge um die Umwelt inspirierte Deron Beal in Tucson, Arizona, zur Gründung der Urzelle des Netzwerks: "Ich wollte verhindern, dass immer mehr Müllkippen die Wüstenlandschaft verschandeln."

Unzulässiges fliegt raus

Wer sich einmal bei Freecycle angemeldet hat, erhält alle Angebote seiner örtlichen Gruppe, kann aber auch eigene Wünsche äußern - alles per Mail und kostenlos. Ob jemand bei Freecycle nur etwas hergibt, ausschließlich Geschenke annimmt oder beides im gleichen Maß tut, bleibt dem Nutzer überlassen. Gibt es mehrere Interessenten, entscheidet der Anbieter, wer das Geschenk erhält. Thomas Pradel ist schon vor Jahren von Bocholt nach Frankfurt am Main gezogen. Er verwaltet dort seit der Gründung im vergangenen März ehrenamtlich die größte deutsche Freecycle-Gruppe mit rund 350 Mitgliedern, bringt Anbieter und Empfänger zusammen und sortiert Unzulässiges aus. Er kennt das ganze Spektrum der Angebote.

Eine Einwanderin aus der Ukraine etwa bot Milchkulturen für Dickmilch an - und fand dankbare Abnehmer. In Darmstadt wollte ein Freecycler Samen und Pflanzen aus seinem Garten gegen Obst und Gemüse tauschen. Solche Tauschgeschäfte verstoßen zwar formell gegen die Statuten. Aber solange kein Geld fließt, tolerieren Pradel und seine Kollegen derlei Ausreißer.

Eine von ihnen ist die Berliner Filmproduzentin Caroline Elias, Moderatorin der Berliner Gruppe. Sie will sich bei der Frau, die ihr ein prima erhaltenes Alurad geschenkt hat, mit einem Blumenstrauß bedanken: "Ich musste nur einen neuen Schlauch einbauen, dann war's wie neu." Neuankömmlinge, die in der Metropole Berlin das vertraute Netz von Familie und Freunden vermissen, könnten über Freecycle Kontakt und Beistand finden, sagt Elias. So seien Freecycler Gardinen losgeworden oder hätten den Hausstand der verstorbenen Mutter verschenkt.

Warum schenken statt verkaufen?

Neben Wohlstandsmüll finden sich in den Listen der Freecycle-Gruppen auch wertvolle Dinge wie Computermäuse, Plattenspieler oder PC-Spiele. Warum deren Besitzer sie nicht auf Ebay oder ähnlichen Sites zu Geld machen? "Für mich hat es etwas Spirituelles, Freude zu verschenken", sagt Laura Thurston, Moderatorin der Darmstädter Gruppe. "Die besten Dinge im Leben sind eben keine Dinge", sagt die gebürtige Engländerin.

Allzu weit darf man sich allerdings auch bei Freecycle nicht vom Materiellen entfernen: Als ein älterer, alleinstehender Herr aus Südhessen sein Herz verschenken wollte, ging das selbst den großherzigen Freecycle-Freiwilligen zu weit.

Dirk Liedtke / print
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