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Frühwarn-Gruppen auf Facebook: Löcher im Kontrollnetz

Schwarzfahrer warnen sich gegenseitig auf Facebook vor Fahrkartenkontrollen, Smartphone-Apps weisen auf Radarfallen hin. High-Tech hilft bei den Schummeleien des Alltags.

Von Ralf Sander

Eine Dorfdisko in den 1980ern, samstagnachts. Zwischen zwei Songs tönt plötzlich aus den Boxen verschwörerisch die Stimme des DJs: "Bodennebel auf der Bundesstraße 5. Ich wiederhole: Bodennebel". Was klingt wie der Wetterbericht für die Landjugend, ist in Wirklichkeit eine verschlüsselte Warnung vor einer Alkoholkontrolle, von der ein gerade eingetroffener Gast dem Diskjockey erzählt hat. Diese Anekdote aus längst vergangenen Tagen soll verdeutlichen: Jede Generation hat ihre eigenen Kommunikationswege. Und die wurden auch schon immer genutzt, um die kleinen oder größeren Schummeleien des Alltags effizienter zu gestalten. Heute helfen dabei Facebook, Twitter und Smartphones.

In Hamburg sorgt gerade eine Facebook-Gruppe für Diskussionen, in der sich Schwarzfahrer von U- und S-Bahn gegenseitig vor Fahrkarten-Kontrolleuren warnen. Da neue Einträge automatisch auch per E-Mail und SMS an die Gruppenmitglieder verschickt werden können, funktioniert "Schwarzfahren Hamburg" wie ein Frühwarnsystem in Echtzeit: "Ausgangskontrolle S1 in Rissen, 5 Mann, uniformiert!" Nach dem ersten Bericht der "Hamburger Morgenpost" stieg die Mitgliederzahl in zwei Tagen von rund 3000 auf über 6600. Am Mittwochabend wurde die Gruppe offenbar gelöscht. Eine direkt danach eröffnete neue Gruppe gleichen Namens hat aber schon wieder mehr als 1100 Mitglieder - wobei nicht nur passionierte Fahrkarten-Verweigerer vertreten sind, sondern auch viele schimpfende Kritiker. Da geht es bei "MVV Blitzer" wesentlich disziplinierter zu: In der Facebook-Gruppe der Münchner Schwarzfahrer mit mehr als 14.000 Mitgliedern werden nur Kontrollen durchgegeben. Nach den Berichten aus Hamburg Schwarzfahren sind bei Facebook viele neue Gruppen für ÖPNV im ganzen Bundesgebiet entstanden - allerdings mit bisher verschwindend kleinen Mitgliederzahlen.

Blitzerwarner - nicht nur im Radio

Moralisch weniger diskutabel als Schwarzfahren ist das Warnen von Blitzern. Obwohl fast jeder Privatradiosender in Deutschland vor Geschwindigkeitsmessungen warnt, findet sich bei Facebook eine unüberschaubare Anzahl von Gruppen, in denen hunderte, zum Teil tausende Autofahrer gesichtete Radarfallen posten. In Österreich wird sogar vor Polizeikontrollen allgemein gewarnt, die Gruppen sind sorgfältig nach Bundesländern sortiert. In der Schweiz gibt es solche Hinweise zumindest für den Großraum Zürich.

Facebook ist nur ein mögliches Hilfsmittel, Kontrollen aus dem Weg zu gehen. Die Münchner Schwarzfahrer verbreiten ihre Warnungen auch über Twitter, und in Hamburg existiert neben Facebook außerdem ein privat betriebenes Internetforum zum Thema. Blitzerwarner gibt es als App für alles gängigen Smartphones. Und auch Applikationen, die vor Alkoholkontrollen warnen, gab es - zumindest bis zum Frühjahr dieses Jahres. Justizminister verschiedener US-Bundesstaaten und einige Senatoren hatten die Smartphone-Hersteller aufgefordert, entsprechende Programme zu entfernen. Blackberry-Hersteller RIM und Apple haben inzwischen gehorcht.

In Deutschland - dem Land, in dem lautstark das Verbot von Facebook-Partys diskutiert wird - hält sich die Aufregung von offizieller Seite in Grenzen. Juristisch lässt sich gegen das Warnen von Fahrkartenkontrollen sowieso nichts machen. Und so geben sich sowohl Hamburger und Münchner Verkehrsverbund gelassen: Ihre Kontrolleure seien schnell und unberechenbar und erwischten immer noch genügend Schwarzfahrer. Die Polizei in Wien findet die Warnungen auf Facebook sogar nützlich: "Warnungen vor Kontrollen dienen der Verkehrssicherheit", sagte ein Sprecher zu "ORF.at". Der Grund: Die Autofahrer seien dann langsamer unterwegs.

Außerdem darf man nicht vergessen: Das alte Motto "Kenne deinen Feind" gilt auch anders herum. Die S-Bahn-Betreiber lesen bei Facebook mit und steuern ihre Kontrolleure entsprechend. Polizei und Detektive suchen in sozialen Netzwerken nach Diebesgut, Rasern und Steuersündern. Und der Dorfpolizist wusste auch irgendwann, was "Bodennebel" wirklich bedeutet.