VG-Wort Pixel

Anonym im Internet Auf dem Weg zum gläsernen Menschen


Ein leidenschaftlicher Kuss inmitten eines Polizeiaufmarschs sorgt für weltweites Aufsehen. Doch wer verbirgt sich hinter den zwei Liebenden? Die Facebook-Gemeinde weiß es bereits nach einem Tag. Und wirft dabei kritische Fragen auf.
Von Christoph Fröhlich

Sie glaubten an die Anonymität des Internets und saugten Musikalben und Kinofilme direkt auf ihre Rechner. Doch als die Briefe mit Zahlungsaufforderungen eintrafen, wussten es die Tauschbörsen-Nutzer besser: Beim Surfen im Internet hinterlässt jeder Spuren, die sich nur schwer verwischen lassen. Jeder ist über eine IP-Adresse zurückverfolgbar. Mit dem neuen Internetstandard IPv6 verschärft sich diese Entwicklung noch: Er sorgt dafür, dass jeder Mensch und jedes Gerät seine eigene IP-Adresse bekommt, und zwar für zeitlebens.

Ein Schnappschuss geht um die Welt

Heutzutage reicht es schon, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein, um Gesprächsthema im Internet zu werden. Man muss nur auf einem Foto zu sehen sein oder im Hintergrund eines Fernsehbeitrags. So wie Scott Jones und Alex Thomas, ein Pärchen aus Vancouver. Sie sind live dabei, als Vancouver den Stanley-Cup verliert, die Finalserie der Eishockey-Profiliga NHL. Sie geraten in die anschließenden Fan-Ausschreitungen. Alex stürzt und ihr Freund eilt ihr zur Hilfe. Er tröstet sie mit einem Kuss - und wird dabei fotografiert. Das Foto geht um die Welt. Und alle fragen sich: Wer steckt hinter dem Kuss-Pärchen aus Vancouver?

Das Bild wandert durch die Nachrichten und von dort in die sozialen Netzwerke. Innerhalb eines Tages erkennen Freunde und Verwandte das Pärchen und enthüllen die Identität der beiden Küssenden. Wenige Tage später sind sie zu Gast in der "Today"-Show, der erfolgreichsten Morning-Show der Welt. Ihr Ruhm wird nur von kurzer Dauer sein, doch es ist bemerkenswert, dass das küssende Pärchen überhaupt gesucht und so schnell gefunden wurde.

Die Schattenseite der Datenflut

Doch kann man in einer Zeit der sozialen Netzwerke und billigen Handy-Kameras überhaupt noch anonym sein? Hamburgs Datenschutzbeauftragter Johannes Caspar sagt nein. Er sieht die Ursache vor allem in den sozialen Netzwerken, aber auch bei den Nutzern: "Es ist ein natürliches Bedürfnis der Menschen, miteinander zu kommunizieren und sich selbst darzustellen." Doch junge Leute übertreiben es oft und gehen mit der Privatsphäre anderer nicht respektvoll genug um. Das erleichtert es Unternehmen wie Facebook oder Google, Kapital aus den Daten zu schlagen. Erst vor wenigen Wochen sorgte Facebook mit der neuen automatischen Gesichtserkennung für einen Aufschrei bei europäischen Datenschützern - geändert hat der Internetriese trotzdem nichts.

Eigentlich ist es die Aufgabe des Staates, die Privatsphäre des Einzelnen zu schützen. Doch ausländische Unternehmen sind nur schwer zu regulieren, zumal der Staat ein eigenes Interesse an den Daten der Nutzer hat. Anders sind immer wiederkehrende Diskussionen zu politischen Themen wie dem Einsatz eines Bundestrojaners oder einer generellen Vorratsdatenspeicherung nicht zu erklären. Dabei muss dem Staat ein schwieriger Spagat gelingen: Die Datenschützer fordern, dass der Staat die Privatsphäre der Bürger wahrt und deren Interessen gegenüber den Unternehmen durchsetzt. Viele Behörden und Politiker fordern indes die Aufweichung der Privatsphäre, sei es aus Gründen der Terrorbekämpfung oder schlicht, um die Polizeiarbeit zu erleichtern.

Die Macht der Facebook-Fahndung

Bisher können Polizisten auf keinen bestehenden Datenpool zugreifen und müssen selbst recherchieren. Häufig werden sie ausgerechnet in Facebook fündig. Dort suchen sie nach verdächtigen Rasern und Hinweisen für laufende Ermittlungen. Mit Erfolg: Der Polizei im neuseeländischen Wellington gelang es, einen Einbrecher über das soziale Netzwerk zu schnappen. Sie veröffentlichten auf ihrer Pinnwand das Video einer Überwachungskamera, auf der ein junger Mann zu sehen war, wie er einen Safe in einer Bar knackte. Als er begann zu schwitzen, nahm er seine Sturmhaube ab. Einige Facebook-Nutzer erkannten daraufhin den Mann und meldeten ihn der Polizei.

Wie kontrovers das Thema Datenschutz in Deutschland ist, zeigt das Land Niedersachsen: Besonders vorsichtige Internetnutzer, die auf Anonymisierungsdienste zum Verschleiern ihrer Aktivitäten zurückgreifen, wurden für kurze Zeit auf den Webseiten der niedersächsischen Behörden geblockt. Statt der Homepage sahen sie eine Fehlermeldung. Anonymisierungsdienste wie Tor oder FoxyProxy werden häufig von Hackern oder anderen kriminellen Internetnutzern benutzt, um ihre Spuren zu verbergen. "Doch hier werden Menschen, denen ihre Daten wichtig sind, mit Kriminellen gleichgesetzt, das kann nicht sein", kritisiert Johannes Caspar die übertriebene Vorsichtsmaßnahme. "Gibt es keine Anonymität mehr, dann haben wir verloren."


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker