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Umstellung auf IPv6: Neue Telefonnummern für das Internet

4,3 Milliarden Geräte können mit dem derzeitigen Standard "Internet Protocol Version 4" angesteuert werden. Das wird allmählich knapp. Vor allem Google drängt auf den neuen Standard IPv6. Heute findet weltweit der erste Testtag statt.

Von Annika Graf und Ulf Brychcy

Google kann so leicht nichts aus der Ruhe bringen. Doch bei dem Thema drückt der Suchkonzern aufs Tempo: "IPv6 ist entscheidend, um das Internet zu erhalten, wie wir es kennen", heißt es in einer Stellungnahme von Google. Das Problem: Der Boom bei Smartphones und das Wachstum der Internetanschlüsse in Schwellenländern sorgen dafür, dass im Internet die alten IPv4-Adressen ausgehen. Der neue Webstandard soll neue Adressen schaffen, doch bislang setzt sich IPv6 nur zögerlich durch. Vor allem Firmen scheuen die Kosten.

Netzwerkunternehmen und große Internetkonzerne wie Google, Facebook und Yahoo rühren deshalb die Werbetrommel für den neuen Standard. Ihnen könnten Nutzer mit Anschlüssen über das neue Internetprotokoll durch die Lappen gehen, wenn die Adressen ausgehen und die Umstellung Probleme bereitet. "In Asien wird Wachstum im Internet nur über IPv6 stattfinden. Für hiesige Unternehmen ist das ein Signal: Wenn ihr diese Märkte nicht verlieren wollt, müsst ihr auch deren Sprache sprechen", sagt Christoph Meinel, Informatikprofessor am Hasso-Plattner-Institut und Chairman des deutschen IPv6-Rates.

Asien zieht im Netz davon

IP-Adressen sind eine Art Telefonnummer im Netz. Über sie werden alle Geräte im Internet angesteuert, von Computern bis zu Webservern. Die Zahl der über das bisher verbreitete Internetprotokoll IPv4 verfügbaren Adressen ist begrenzt. Etwa 4,3 Milliarden IP-Nummern können damit generiert werden. Zu wenig für den Boom bei Smartphones und anderen Geräten vom Stromzähler bis zum Elektroauto, die künftig über das Netz kommunizieren. Die Netzwerkfirma Cisco rechnet bereits 2015 mit 15 Milliarden Geräten, die online sind. Schon in den 90er-Jahren wurde deshalb der Nachfolger IPv6 entwickelt, der den Adressraum um ein Vielfaches erweitert. Aktuelle Computer und Softwareprogramme sind zwar bereits in der Lage, über IPv6 zu kommunizieren, bislang gehen aber nach Angaben des Suchkonzerns Google weniger als ein Prozent der Internetnutzer über IPv6 online. Ein Henne-Ei-Problem: Solange keine Inhalte über IPv6 verbreitet werden, haben auch die Netzbetreiber keinen Anreiz, das Protokoll umzusetzen - und umgekehrt.

Das dürfte sich bald ändern: Mitte April hat die für den asiatisch-pazifischen Raum zuständige regionale Adressvergabestelle APNIC den letzten IPv4-Adressblock angebrochen, in Europa dürfte das Ende des Jahres der Fall sein. Spätestens in einem Jahr, so schätzen Experten, sind in Asien die ersten Nutzer nur noch über IPv6 erreichbar. "Die alten Internetadressen gehen jetzt in den Endzeitmodus", sagt Peter Koch, der bei der Domain-Registrierungsstelle Denic an Internetprotokollen der Zukunft forscht.

Um auszuprobieren, wie weit die Verbreitung von IPv6 schon ist, haben die Internet Society (ISOC) und große Webkonzerne wie Google für den 8. Juni den weltweiten IPv6-Tag ausgerufen. 24 Stunden lang testen die teilnehmenden Firmen, wie reibungslos IPv6 funktioniert und wie viele Nutzer über den Standard erreichbar sind. Denn auch alte Internetanschlüsse können mithilfe von Übersetzungstechniken - sogenannten Dual-Stack-Verfahren - über IPv6 kommunizieren.

Test kein Selbstzweck

Für Internetkonzerne wie Google, die ihre Produkte ausschließlich im Web anbieten, ist der Test kein Selbstzweck. Sie müssen sich darauf verlassen können, dass ihre Dienste reibungsfrei funktionieren und potenzielle Nutzer nicht wegen Technikproblemen abgehängt werden.

Tatsächlich gehen Experten davon aus, dass IPv4 und IPv6 über Jahre nebeneinander existieren werden. "Es wird über viele Jahre noch Parallelbetrieb geben", sagt IPv6-Experte Meinel. Doch die Übersetzungstechniken, die zwischen dem alten und dem neuen Standard vermitteln, haben ihre Tücken: Sie sorgen zum Beispiel für Verzögerungen im Verbindungsaufbau. Über andere Zwischenlösungen, die ermöglichen, dass sich mehrere Nutzer eine IP-Adresse teilen, funktionieren bestimmte Dienste wie VPN-Netzwerke oder VoIP-Telefonie nicht. "Übersetzer sind immer nur Krücken", sagt Denic-Experte Koch. Doch Inhalte, die nicht übersetzt werden, sind für reine IPv6-Anschlüsse schlichtweg offline.

Unternehmen meiden Umstellung

Vor allem Unternehmen scheuen noch die Investitionen in IPv6, so die Erfahrung von Gartner-Analyst Neil Rickard. Im Gegensatz zu Privatnutzern oder kleinen Firmen, die ihre IP-Adresse automatisch von einem Internetprovider oder einem Hostinganbieter erhalten und kaum etwas vom Wechsel merken werden, müssten Firmen mit eigenen IP-Adressen ihre IT-Netze anpassen. Rund sechs Prozent ihres jährlichen IT-Budgets, so die Schätzung des Marktforschers Gartner, müssten Unternehmen aufwenden, um ihre gesamte IT-Landschaft umzustellen.

Dabei wäre ein komplettes Umwandeln der internen Kommunikationsnetze erst einmal überhaupt nicht notwendig, argumentiert Analyst Rickard. Wichtig sei zunächst vor allem, dass Unternehmen ihre Webauftritte und Kommunikationsschnittstellen nach außen - zum Beispiel mit Kunden - auf den neuen Stand bringen. Das allerdings sollte bis Ende nächsten Jahres geschehen. Sonst wären die Firmen unter Umständen von den Anwendern mit den ersten reinen IPv6-Anschlüssen abgeschnitten.

FTD