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Geburtstagsgrüße: Happy Birthday, WWW!

Am 30. April 1993 wurde uns das World Wide Web geschenkt. Da haben viele Grund zum Feiern. Vom stern bekommt das WWW eine E-Mail zum Geburtstag.

Von: stern (Sven Stillich)
An: World Wide Web (***@w3.org)
Betreff: Herzlichen Glückwunsch!

Liebes World Wide Web,

leider bist Du kein Flugzeug. Oder eine Druckerpresse. Wie schön wäre es, wenn Du nur ein Fernseher wärst oder ein Telefon oder eine andere große Erfindung der vergangenen Jahrhunderte. Denn dann fiele es uns viel leichter, Dir zum Geburtstag zu gratulieren. Ein Flieger bringt uns nur schnell von einem Ort zum fernen anderen, eine Presse macht aus einer Information schnell ganz viele für ganz viele, ein Fernseher bringt uns zwar die Welt nach Hause, und mit dem Telefon können wir mit Nachbarn reden oder mit Freunden auf der anderen Seite des Planeten - Du jedoch gibst uns von allem etwas und noch viel mehr: Du bist Buch, Bank und Bordell, Spielplatz und Spelunke, Marktplatz und Museum. Du bist eine Maschine der Möglichkeiten. Und vor allem: Du bist so unglaublich schnell gewachsen.

Erst zehn Jahre bist Du jetzt alt und wirkst doch wie ein Erwachsener. Es war 1993, als hierzulande gerade alle ganz aufgeregt waren, weil die Postleitzahlen um eine läppische Stelle länger wurden, da hat man Dich ohne viel Tamtam der Welt übereignet - kostenlos und ohne weitere Verpflichtungen. In der Schweiz. An einem Forschungsinstitut, dem CERN. Dort hatte schon seit Jahren ein junger Brite mit Konzentrationsproblemen über ein digitales Ersatzhirn nachgedacht, in dem jeder Gedanke mit jedem anderen verknüpft und leicht wieder zu finden sein sollte. Als er dann darauf kam, dass dieses Hirn viel mehr Sinn machen würde, wenn alle etwas hineinstopfen und alle auch etwas herausholen könnten, nannte er seine Idee "World Wide Web" - ein "mächtiges globales Informationssystem" mit einem Riesenvorteil: Wer darin die Gedanken anderer lesen will, muss keine Ahnung von Computern haben, "er braucht nur mit einer Maus auf Links zu klicken (wenn er eine Maus besitzt)", um die ganze Welt der Daten zu bereisen. Das fand Zuspruch. Das konnte erfolgreich sein. Tim Berners-Lee heißt der Vater des World Wide Web. Dein Vater.

Es ist unser aller Glück, dass das WWW an einem Forschungsinstitut erfunden wurde, das eine der größten Erfindungen der Menschheit allen Menschen zur Verfügung stellte, ohne Geld dafür zu verlangen. Man muss sich einmal vorstellen, ein auf Profit programmierter Industrieller hätte das World Wide Web erdacht: Der Aufruf jeder Webseite würde etliche Cent kosten, jeder Download Euro. Wir können nicht froh genug sein, dass wir heute ins WWW gehen können, ohne extra bezahlen zu müssen. Und deswegen feiern wir den 30. April 1993 als Geburtstag des WWW - jenen Tag, an dem das CERN offiziell bekannt gab, dass ab sofort der Eintritt frei sei für alle. Der Tag, an dem eine Mauer fiel.

Ja, für viele ist eine Mauer gefallen an diesem 30. April 1993. Für alle Menschen, denen "Tagesschau" oder "Auslandsjournal" nie genug waren und die nun im WWW Nachrichten bekommen aus fast der ganzen Welt. Für Kunden, die mehr über ein Produkt wissen wollen, bevor sie es kaufen, und nun den günstigsten Preis finden. Für Reisende, die, bevor sie in ein Land fahren, sich dort schon einmal umschauen wollen, für Blinde, die plötzlich vieles lesen können, für Handwerker, die auf einmal Kunden im Ausland haben. Und viele, die vor Computern Angst hatten, haben einen Blick gewagt über ihre eigene Mauer. Bevor sie sie eingerissen haben.

Denn Du, liebes Geburtstagskind, warst ein Urknall. Eigentlich konnten sich die meisten Leute hierzulande nie vorstellen, einen grauen Computerklotz in ihrer Wohnung stehen zu haben. Doch dann: Ja, dann wurde der Computer zu einem Fenster, durch das sie Dich sehen konnten. Das WWW. Das Internet. Deine Großfamilie, von der Du nur ein Teil bist, aber ein wichtiger. Deine Schwestern heißen E-Mail und Newsgroup, Dein Bruder heißt Internet Relay Chat. Du bist der Teil, der knallt.

Wie wachsen Kinder auf, die nichts anderes kennen, die Dich für selbstverständlich nehmen? Welche Bilder haben sie im Kopf? Denken sie schneller oder anders? Ist für sie die Welt kleiner? Macht es für sie noch einen Unterschied, ob sie jemanden per E-Mail kennen gelernt haben oder nach der Schule, beim Kicken im Park? Fragen, die wir erst in vielen Jahren beantworten können. Wir können nur reden über die zehn Jahre, die wir heute feiern.

Fett bist Du geworden in dieser Zeit. Das ist nicht böse gemeint, entschuldige. Rund 50 Millionen Domains wiegst Du heute, mit Namen, die auf .com, .fr, .uk oder .de enden. In Deutschland sind es mehr als 6,3 Millionen. Im Jahr 2000 bist Du aufgegangen wie ein Hefeteig. Da haben die Deutschen alle zehn Sekunden eine Domain angemeldet! Mehr als 1500 täglich! Mehr als sechs Jahre zuvor in einem ganzen Jahr! Das klingt viel, aber heute können es mehr als 4000 sein an einem Werktag. Damals gingen jede Woche mehr als eine Million Menschen zum ersten Mal ins Netz, um herumzusurfen in Deinen Datenströmen. Und natürlich, um das Wort "surfen" erst einmal zu lernen (wie so viele Wörter, die heute aus der Sprache nicht mehr wegzudenken sind). Stündlich tauchten damals rund 65 000 neue Webseiten auf, und Du hast jährlich zwischen einer und zwei Milliarden Gigabytes an Daten zugelegt. 250 Megabytes sind das durchschnittlich pro Kopf weltweit. Rund 414 Millionen Menschen waren im Jahr 2000 online, und die haben pro Tag mehrere Milliarden E-Mails verschickt.

Ach ja, das Jahr 2000. So viel Aufregung wie zum Ende des Jahrtausends gab es wohl nie um Dich und das Internet. Als gerade alle aufgeatmet hatten, weil dieser blöde Datumsfehler die Welt nun doch nicht zum Absturz gebracht hatte, schloss jemand die Pforten von Ebay, Yahoo und Amazon mit einer gewaltigen Netzattacke. Und am 4. Mai ließ ein junger Mann von den Philippinen die Netzgemeinde eine Liebes-Mail verschicken: Ein "I LOVE YOU" blinkte in mehreren Millionen Briefkästen auf, und die Empfänger waren dermaßen entzückt, dass sie die Mail öffneten und so ein Computervirus über den ganzen Globus verbreiteten. Da wurde vielen von uns zum ersten Mal klar, dass Du und Deinesgleichen auch schrecklich sein können und nicht nur schrecklich nett.

In diesem Jahr begann auch das Ende des Goldrauschs, der "New Economy", die jeden zum Millionär zu machen versprach, der imstande war, ein "WWW" neben seine Geschäftsidee zu schreiben und sie fortan "Businessplan" zu nennen. Vorbei waren die Jahre, in denen "Webdesigner" bei Mädchen hoch im Kurs standen - es sein denn, einer der "Gründergeneration" tanzte gerade mit seinen Aktienoptionen um sie herum. Die Jahre, in denen Eltern Surfkurse nahmen, während ihr 16-Jähriger gerade in der Schule seine Hausaufgaben herunterlud oder ein Internet-Unternehmen gründete. Als im Fernsehen Werbespots der Online-Firmen kaum von Wirtschaftssendungen zu unterscheiden waren. Das WWW hat auch das überlebt, Du hast das abgetan als Kinderkrankheit. Und es ist ja nicht so, dass Du keine Geschäfte mehr machen willst: 20 Millionen Deutsche haben bereits im World Wide Web eingekauft, mehr als 20 Millionen führen ihr Konto online. Banken und Läden sind weit geöffnet, die Schaufenster sind voll.

Doch viel wichtiger ist, was Dich wirklich ausmacht: dass Du Grenzen sprengst. Grenzen zwischen Nationen, zwischen oben und unten, zwischen innen und außen. Was bedeutet es, dass inzwischen mehr als 33 Millionen Deutsche online sind und mehr als 660 Millionen Menschen auf der ganzen Welt? Was bedeutet es, dass sich diese Menschen täglich rund 30 Milliarden E-Mails zuschicken werden? Was zeigt uns, dass Länder wie China versuchen, den Zugang zu Dir zu begrenzen? Dass die einen etwas zu sagen haben - ihrem Verlobten, einer US-Soldatin im Irak oder ihrem Chef. Und die anderen Angst davor haben, dass so etwas möglich sein soll ohne Kontrolle.

Schon der Marktplatz im alten Athen war dazu da, dass Menschen miteinander reden, zusammen "chatten" (noch so ein neues Wort) - und im Web machen sie das mit Fremden, mit Leuten, denen sie meist nie begegnen werden. Und die gar nicht wissen wollen, wie ihr Gegenüber aussieht, sich kleidet oder riecht, weil es viel interessanter ist, was es denkt und schreibt. Oder weil es auch Überraschungseier sammelt. Sie suchen über das Netz nach Klassenkameraden oder nach ihren Vorfahren. Sie sind hungrig nach Information - und sie finden Hilfe zur Krebsvorsorge, Aktienkurse, das Wetter von morgen, den Kantinenplan oder den Stand eines wichtigen Fußballspiels. Menschen wollen gehört werden und zeigen, dass es sie gibt, und deswegen basteln sie sich ihre Homepage zusammen, so gut sie können, und zeigen dann ihre Frau vor, die Oma, den Hund und sich selbst. Sie wissen nicht, wer sich das ansieht, aber sie freuen sich über jeden Gast. Täglich wächst das WWW um mehrere Millionen Seiten, das Universum der Worte und Bilder weitet sich aus. Viele, die nie auf die Idee kommen würden, jemandem einen Brief zu schreiben, eine Marke draufzukleben und ihn in den Briefkasten zu stecken, schreiben jetzt jeden Tag E-Mails. Nichts zeigt mehr, dass es doch sehr viel zu bereden gibt auf dieser Welt. Mit dieser Welt. Über diese Welt.

Dir ist das egal. Du kümmerst Dich nicht darum, wer was wo wann mit Dir macht. Du bist einfach nur da, Du bildest Dir nichts ein, Du bildest sie nur ab, die Welt da draußen, die guten und schlechten Seiten mit guten und schlechten Seiten. Und Du bist genauso verwirrend. Denn nichts ist geordnet in Dir, Du bist ein Zettelkasten ohne Sortierung - und wer nach etwas sucht, seien wir ehrlich, der findet zwar meist etwas, hat aber oft das Gefühl, am wirklich Wichtigen knapp vorbeigesurft zu sein. Manchmal ist zu viel eben auch gar nichts. Und vieles ist sogar falsch. Denn nicht jede Information, die aus dem World Wide Web kommt, muss wahr sein. Keiner weiß, ob der andere wirklich der Traumtyp ist, wie er behauptet. Und niemand darf sicher sein, dass Julia wirklich an Leukämie erkrankt ist und Blutspender sucht - auch wenn sie in einer E-Mail darum bitten lässt. Dieser falsche Kettenbrief kursiert im Netz seit Jahren, niemand kann ihn stoppen.

Wir werden einander erziehen müssen zu mündigen Surfern, die kritisch mit Dir umgehen und sich immer zuerst die Frage stellen, ob etwas auch stimmen kann, egal, ob es sich um Klatsch über einen Popstar oder eine Nachricht über den Fund von Massenvernichtungswaffen handelt. Du brauchst Leute, die erst denken, bevor sie Klick machen - bevor ihre Telefonrechnungen in ungeahnte Höhen schnellen. Weil sie ein böses Stück Software gestartet haben, das in einer Mail versteckt war, die behauptete, der Penis des Empfängers sei zu klein. Mit Dir leben zu lernen, Deine Freiheit zu schätzen und dabei unsere Privatsphäre und Daten vor Dir zu schützen, das ist unsere Aufgabe der nächsten Jahre. Und wir müssen aufpassen, dass wir uns nicht verlieren in Dir. Die Luft und die Blumen und die Abgase um uns herum sind unsere Welt. Und ohne die bist auch Du nichts.

Dass nicht alles gut an und in Dir ist, wen wundert's? Das unterscheidet Dich nicht von Zehnjährigen, die Löcher in Fensterscheiben schießen oder Mädchen an den Haaren ziehen. Und was für den einen böse ist, muss es für den anderen lange nicht sein. Jeder, der einmal einen Song aus dem Netz heruntergeladen hat, hat der seine Unschuld bereits verloren? Über eines sind wir uns alle weltweit einig: Jeder Kinderporno ist einer zu viel (genauso wie jeder, der sich so etwas anschaut, einer zu viel ist), doch dass es sie dort gibt, das kann man Dir nicht ankreiden.

Wir feiern heute Deinen Geburtstag, und diejenigen, die Dich zu üblen Zwecken missbrauchen, haben keine Einladung. Wir müssen lernen, mit Deiner dunklen Seite umzugehen und Grenzen zu setzen. Und wir müssen beobachten, wer diese Grenzen setzt. Zurück können wir nicht mehr. Du bist der größte Beschleuniger, den wir je gebaut haben: Wenn auf der Welt etwas passiert, können alle es in Sekunden erfahren. Der Weg zu Bildern von unserem Hotelzimmer auf Teneriffa oder zum Programm unseres Lieblingskinos schnurrt zusammen zu der Millisekunde, in der wir eine Taste drücken. Wir werden darauf nicht mehr verzichten wollen. Und Du bist noch jung. Niemand weiß, wie Du in zehn Jahren aussehen wirst und ob wir Dich noch mögen werden. Du bist nicht fertig. Du wirst größer werden. Vielleicht kannst Du dann sogar selbst die Kerzen auf Deiner Geburtstagstorte auspusten. Alles ist möglich. Herzlichen Glückwunsch, WWW!

Sven Stillich/ Mitarbeit: Georg Boie / print
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