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Lehrer im Internet: Pranger für Pauker

Tausende Schüler stellen ihre Lehrer im Internet bloß - mal mit harmlosen Lästereien, mal mit schweren Beleidigungen. Das wollen sich die Pädagogen nicht länger gefallen lassen.

Von Ulf Schönert

Für die einen ist Frau Becker "das Ekeligste, was je geboren wurde", andere empfinden "nur abgrundtiefen Hass". Einer hat sie "soo lieb", dass er "ihr den Kopf abhacken könnte". Einig sind sich alle über ihren Mundgeruch. Kurz: "Die Alte ist so hohl." Frau Becker ist Lehrerin an einem ostdeutschen Gymnasium, und wahrscheinlich weiß sie noch nicht einmal von ihrem persönlichen Hassclub, der sich bei der Internet-Community "Schüler CC" im Internet gebildet hat. Auch Herrn Schneider, Frau Baumann, Frau Hermann (Namen geändert) und Hunderten weiteren Pädagogen haben sich ähnliche Online-Treffs verschrieben. Dort wird hemmungslos gelästert, über Lehrer mit "Alkoholfahnen", "überdimensionalen Schweißflecken" und "Notenwürfeln". Beim "Schüler VZ" liest man beispielsweise: "Frau G. ist ne dumme Sau" oder "Mathe bei Frau L. - in der Hölle sind wir erlöst!!"

Lehrer veralbern und in die Pfanne hauen - das gab es schon zu Zeiten der "Feuerzangenbowle". Doch im Internet bekommen die Lästereien eine neue Qualität. An einen "mittelalterlichen Marterpfahl" erinnern Dirk Schneemann, Sprecher der Kölner Schulaufsichtsbehörde, manche Schüler-Webseiten. "Das sind zum Teil schwere Persönlichkeitsverletzungen", sagt er. "Das ist schlicht strafbar." Allein bei youtube.com findet man massenhaft Filme, in denen Pädagogen die unfreiwillige Hauptrolle spielen: Wutausbrüche, hilflose Strafaktionen und andere peinliche Auftritte des Lehrpersonals haben Schüler gnadenlos mit der Handykamera gefilmt und dann ins Netz gestellt.

"Digitales Freiwild"

"Lehrer sind heutzutage digitales Freiwild", sagt Jörg Mühlhausen vom Philologen- Verband Nordrhein-Westfalen. Er klagt über eine steigende Zahl von "Beleidigungen, Diskriminierungen und sexistischen Äußerungen" im Internet. Die Gesichter von Lehrerinnen würden in Pornofotos montiert und ins Netz gestellt. Manche Schüler träten online unter der gefälschten Identität ihrer Lehrer auf und verbreiteten haarsträubenden Unsinn. "So etwas wird oft heruntergespielt", sagt Mühlhausen. "Da haben viele Angst um den Ruf der Schule." Um den oft hilflosen Kollegen beizustehen, hat er die Initiative "Gegen Gewalt Gegen Lehrer" gegründet. Dort gibt es psychologische und auch juristische Hilfe für gemobbte Lehrer: "Unsere Rechtsabteilung hat alle Hände voll zu tun."

Zum Beispiel mit www.spickmich.de. Die Seite, seit Februar online, ermöglicht Schülern, ihre Lehrer anonym mit Schulnoten zu bewerten - unter anderem in den Kategorien "cool und witzig" und "sexy". Auch hier wird derbe gelästert, über "die Achselhaare von Frau Brandt" und den "schwulen Herrn Wendt". Jeden Tag melden sich 1000 Schüler bei spickmich.de an, 80.000 Lehrer wurden bereits "benotet". Was für Schüler ein Spaß ist, wird schon bald die Gerichte beschäftigen. Zahlreiche Lehrer und Direktoren haben Klagen angekündigt. "Wir bekommen jede Woche Post vom Anwalt", gibt Spickmich.de-Sprecher Bernd Dicks zu. Auch Schulministerium und Landesdatenschutzbeauftragte von Nordrhein-Westfalen wurden eingeschaltet. Sie prüfen zurzeit, ob das Angebot gegen die Persönlichkeitsrechte der Lehrer verstößt, die dort meist mit vollem Namen aufgeführt sind. Doch bislang weigern sich die Spickmich- Macher, die geforderten Unterlassungserklärungen zu unterschreiben. Sie berufen sich auf das "Recht auf freie Meinungsäußerung". Zudem schätzten auch viele Lehrer "das interessante Feedback", behauptet Dicks. Denn die Lehrer erhielten insgesamt doch "eher gute Noten". Der Schnitt liege bei 2,4. "Das ist doch gar nicht so schlecht."

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