Marketingmoral Geknebelt und gefesselt für Myspace


Die Musikplattform Myspace hat sich offiziell dem Kampf gegen rechte, pornografische und Gewalt verherrlichende Inhalte verschrieben. Dafür wurde in L. A. eigens eine Sicherheitsabteilung eingerichtet. Trotzdem gehen die Betreiber immer wieder an die Grenzen des guten Geschmacks. Ganz bewusst.
Von Johannes Gernert

Er saß auf der Bühne, an einen Stuhl gefesselt und geknebelt. Neben ihm, im langen weißen T-Shirt und mit Cap auf dem Kopf, rappte Sido seine Hits. Das Publikum schrie begeistert den Refrain des "Arschficksongs". Und als er endlich dran war und sie ihm das Klebeband abnahmen, sollte er "Mein Block" mitsingen, aber da fiel ihm der Text nicht ein. Er wurde ausgebuht und durfte von der Bühne verschwinden. Zurück blieb der "Myspace-Thron" auf dem er gefesselt gesessen hatte. Der junge Fan hatte diesen Auftritt auf dem Frankfurter Sido-Konzert im vergangenen Frühjahr bei der Musikplattform Myspace gewonnen. Teilnahmebedingung: Ein Foto von sich selbst - und zwar gefesselt und geknebelt - auf die Sido-Myspace-Seite stellen.

Die Aktion war eine der ersten des deutschen Myspace-Ablegers, der Ende März 2007 offiziell online gegangen war. Von der Allianz mit dem Label AggroBerlin versprachen sich die Sozialnetzwerkbetreiber wohl erhöhte Klickzahlen zum Start. Viele Fans der aggressiven Berliner Rap-Variante sind Teenager. Sie suchen sich ihre Musik gerne im Netz. Auf Myspace gibt es weltweit nicht nur mehr als 100 Millionen Nutzer, sondern auch sechs Millionen Bands, die sich und ihre Songs vorstellen. Etwa 200.000 davon präsentieren sich auf den deutschen Seiten. Das schaffe "erstmals eine sehr umfassende Transparenz dessen, was an Musikschaffenden vorhanden ist", freut sich Joel Berger, der Managing Director von Myspace-Deutschland.

"Muss Myspace diesen Menschenhass unterstützen?"

Myspace scheut sich im Zuge der Transparenzbestrebungen nicht, auch den Teenie-Teilnehmern ganz bewusst Acts zu zeigen, die sich am Rande des guten Geschmacks bewegen. Dabei geht der Deutschland-Ableger des Netzwerks gelegentlich fragwürdige Verbindungen ein - etwa mit sexistischen oder pornographischen Raps. Im Herbst erst präsentierte die Myspace-Startseite den Berliner Frauenarzt. Dessen Texte sind wiederholt von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien indiziert worden. "Meine Latte ist steif/ mein Teil ist hart/ ich denk' an deine Lippen/ komme richtig in Fahrt", verkündet er in seinem Track "Feuchte Träume" - zu hören auf Myspace. Weiter geht es mit: "Ich sitze zuhause/ denk' an dein Gesicht/ stell' mir vor, wie ich auf deine Zunge spritz."“ Ob solche Texte präpubertierenden Jugendlichen schaden, darüber sind sich Sexualwissenschaftler - im Gegensatz zu protestierenden Politikern und Pädagogen - nicht ganz einig. Aber muss Myspace seine oft minderjährigen Besuchern bereits auf der Startseite auf solche verbalen Porno-Bilder hinweisen?

Prompt wurde in der Community protestiert, dass weibliche Fans auch noch freien Eintritt für ein Kölner Karnevalskonzert des Rappers bekommen sollten, wenn sie "sexy" Fotos von sich auf seine Myspace-Seite stellten. Ein feministisches und antipornographisches Bulletin fragte drastisch: "Muss Myspace diese Form des Menschenhasses unterstützen?"

Von der "Fotze" zur "Atzin"

Eigentlich tut die Plattform laut Deutschland-Direktor Berger das Gegenteil. Nämlich: gegen "rechtsradikale, pornographische oder auch Gewalt verherrlichende Inhalte" einschreiten. Eigens dafür arbeite im Hauptsitz in Los Angeles ein internationales Sicherheitsteam. Darunter sind auch deutschsprachige Mitarbeiter. Wenn Bands oder Mitglieder gegen die Nutzungsbestimmungen verstoßen, würden sie "je nach Härtefall" entweder sofort gelöscht oder unter Quarantäne gestellt, so Berger.

Nicht immer sei es ganz einfach, sofort zu reagieren, weil sich täglich rund 500 neue Musiker ein Profil einrichteten. Im Sommer war der Auftritt von Frauenarzt vorübergehend gesperrt worden. "Frauenarzt nahm daraufhin einige Änderungen vor, und das Profil wurde wieder aktiviert", sagt der Geschäftsführer. Möglicherweise hat die Sperrung interessante Formulierungen wie "Atzen und Atzinnen" nach sich gezogen, die zwischenzeitlich dort zu lesen waren. Normalerweise nennt der Rüpelverbalist Kumpels "Atzen", Frauen dagegen "Fotzen".

Nicht hart genug für Myspace

Die Regelübertretung hat Myspace allerdings nicht daran gehindert, anschließend mit dem Rapper bei der Karnevalsaktion zusammenzuarbeiten. Einige Wochen später landete Aggro-Rapper Fler auf der Myspace-Startseite. MTV hatte gerade beschlossen, sein neues Video nicht zu zeigen, weil er wieder mit allzu nationaler Symbolik spielte. "Zu hart und zu deutsch für deutsches Musikfernsehen, aber nicht für das Internet. Check die Dirty Version von 'Deutscha Bad Boy' nur bei Myspace!", hieß es.

Myspace-Mann Berger gesteht ein, dass das Video "polarisierend und grenzwertig" sei. Bei Myspace aber herrsche eben so viel Interaktivität, dass jeder Inhalt sofort zum Gegenstand einer öffentlichen Diskussion werde. Fast 150 Kommentare, "überwiegend negativ und kritisch", hätten die User auf Flers Profil innerhalb weniger Tage hinterlassen. Grundsätzlich würden Profile mit rechtsradikalen und fremdenfeindlichen Inhalten selbstverständlich "proaktiv recherchiert und sofort gelöscht", sagt Berger. Außerdem unterstütze man die Aktion "Laut gegen Nazis". Fler, der den feinsten, reinsten, weißen Stoff propagierte und sich über das Berliner "Klein Istanbul" beklagte, war da ganz ähnlicher Meinung. Er ficke die NPD hieß es zum Album-Start im Januar.

Dass Myspace offenbar nicht immer nur auf die öffentliche Meinungsbildung vertraut, hatte sich ein paar Wochen vor dem Frankfurter Sido-Konzert mit dem geknebelten und gefesselten Fan gezeigt. Damals löschte das Netzwerk die Seite der kanadischen Band "Kids on TV". Ohne Vorwarnung. Scott Kerr, Bandmitglied und schwul-lesbischer Aktivist, warf Myspace daraufhin vor, es mit einem Dutzend anderer Kollegen genauso gemacht zu haben - weil sie homosexuell seien. Die Netzwerk-Verantwortlichen bestritten das. Deutsche Aggro- und Porno-Rapper haben sich bisher noch nicht über willkürliche Lösch-Aktionen beschwert.


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