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Musik-Downloads: Hits aus dem Netz

Millionen Deutsche laden Musik aus dem Internet - aber nicht mehr als illegale Raubkopie, sondern im Musik-Shop gegen Bezahlung

Von Ulf Schönert

Als der Song "Crazy" des britischen Popduos Gnarls Barkley kürzlich an die Spitze der britischen Charts schoss, staunten Fachwelt und Fans gleichermaßen: Das Lied war nämlich noch gar nicht auf CD erschienen. Einzig in den Musik-Shops im Internet konnte man es schon herunterladen, und das taten die ungeduldigen Fans so oft, dass allein die Online-Verkäufe ausreichten, "Crazy" zur Nummer eins zu machen.

Es war das erste Mal, dass ein ausschließlich übers Netz erhältlicher Song die Chartspitze erreicht hat, doch es wird nicht das letzte Mal gewesen sein. Denn Musik-Downloads sind ein ernst zu nehmender Faktor im Musikgeschäft geworden: 150 Millionen Songs hat allein der Online-Musikladen iTunes Music Store in den vergangenen zwölf Monaten europaweit verkauft. Auch in Deutschland laden schon Millionen Menschen Musik aus dem Internet herunter - und zwar nicht illegale Raubkopien aus dubiosen Quellen, sondern ganz legal bei Anbietern, deren Einnahmen auch Künstlern und Plattenfirmen zugute kommen. Gleichzeitig decken sich immer mehr Musik-Fans mit MP3-Playern ein: Mehr als 70 Prozent der Jugendlichen im Alter zwischen 11 und 29 Jahren haben einen, fand die Trendstudie "Timescout" heraus. Sie sind die Hauptzielgruppe für die Online-Shops, von denen immer neue auf den Markt drängen - als Nächstes eröffnen Klingelton-Verkäufer Jamba und Coca-Cola eigene Musikläden.

Keine Ladenschlusszeiten

Aber nicht nur Besitzer von MP3-Playern kaufen im Netz, denn Online-Läden haben viele Vorteile. Internet-Shops kennen keine Ladenschlusszeiten, man kann alle Songs 30 Sekunden lang vorhören, bevor man kauft. Zum Shoppen muss man nicht mal seine Wohnung verlassen, und das Angebot der meisten Online-Läden ist riesig: Drei Millionen Songs zur Auswahl hat auch der größte Plattenladen nicht. "Ausverkauft" oder "muss erst bestellt werden" gibt es im Internet nicht: Was im Katalog steht, ist auch da - und zwar sofort. Nicht zuletzt ist Online-Musik oft billiger - selbst wenn man den Preis für die Internetverbindung einrechnet.

Etwa 100 verschiedene Online-Musikläden konkurrieren inzwischen in Deutschland. Eine - allerdings lückenhafte - Liste gibt es bei www.pro-musicorg.de. Wer die Nummer eins ist, muss noch geklärt werden: Musicload und iTunes streiten sich um die Marktführerschaft. Weitere große Anbieter sind Sony, AOL, Loudeye und 24/7 - wobei Letztere nicht unter ihren Firmennamen auftreten, sondern sich hinter zahlreichen Angeboten wie mtv.de oder magix.de verstecken.

Grundsätzlich können alle Internetläden in etwa dasselbe. Das Repertoire der großen Anbieter unterscheidet sich nur wenig, und die Klangqualität ist überall ähnlich: Sie liegt etwas unterhalb der von CDs, was den meisten Hörern aber nicht auffällt. Auch die Preise bewegen sich auf einem Niveau - meist zwischen 99 Cent und 1,29 Euro pro Song. Bei allen Shops kann man die gekauften Lieder auch auf CD brennen, die man mit jedem CD-Player abspielen kann.

Mieten statt Kaufen

Eine Alternative für Vielhörer ist die Möglichkeit, Musik zum Pauschalpreis (Flatrate) zu mieten. Für knapp zehn Euro im Monat kann man zum Beispiel bei Napster aus einem Repertoire von 1,5 Millionen Songs beliebig viele beliebig oft hören. Der Haken: Die Musik gehört einem nicht. Kündigt man sein Abo, sind die heruntergeladenen Dateien unbrauchbar. Ähnliche Angebote gibt es unter anderem von Tiscali, und auch Musicload plant ein Musik-Abo.

Die technischen Voraussetzungen für den Online-Musikbummel erfüllt jeder einigermaßen moderne PC. Wichtig sind genügend Festplattenspeicher für die Musikdateien und eine Internetverbindung. Theoretisch reicht dafür ISDN, richtig Spaß macht das Online-Einkaufen aber nur mit einer schnellen DSL-Verbindung. Neben der überall obligatorischen Anmeldeprozedur mit Nutzernamen und Passwort verlangen manche Internetläden die Installation von Spezialsoftware, die man erst herunterladen muss.

Einschränkungen durch DRM

Die braucht man, um die Musik zu hören, denn Kaufdateien sind meist künstlichen Beschränkungen unterworfen, dem so genannten Digital Rights Management (DRM). Nach Angaben der Anbieter soll der eingebaute Kopierschutz DRM lediglich verhindern, dass die gekaufte Musik beliebig weitergegeben wird. Doch die Folge ist, dass Software, Hardware und Musikdateien oft nicht zusammenpassen: Wer bei iTunes kauft, kann die Musik nur auf Apples iPod kopieren, wer bei Musicload shoppt, kann zwar alle möglichen Player benutzen - aber nicht den iPod. Wer einen Billig-MP3-Player besitzt, kann damit oft überhaupt keine Kaufmusik abspielen. Die digitale Medienwelt sei ein "rechtloser Raum", schimpft deshalb schon der Bundesverband der Verbraucherzentralen. Nach Durchsicht der Allgemeinen Geschäftsbedingungen mahnten die Verbraucherschützer gleich vier Musikanbieter ab, darunter iTunes und Musicload. Auch in Skandinavien und in Frankreich regt sich Widerstand gegen DRM.

Gut möglich, dass die Online-Läden in Zukunft wieder mehr auf das gute alte MP3-Format setzen. Das kann man zwar nicht schützen - dafür kann jeder Player und jede Software damit umgehen.

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  • Ulf Schönert