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Internet-Politik Nachrichten-Bann: Facebook überlässt Australien den Verschwörungs-Theorien

Facebook-Chef Mark Zuckerberg ließ Verschwörungs-Theoretikern viel Raum
Facebook-Chef Mark Zuckerberg ließ Verschwörungs-Theoretikern viel Raum
© AP Images | Mark Lennihan/Pacific Press | Michael Nigro / Picture Alliance
Im Streit mit der australischen Regierung ist Facebook nun aufs Äußerste gegangen – und hat sämtliche Nachrichten für das Land geblockt. Das mag aus Geschäftssicht nachvollziehbar sein, hat aber dramatische Nebenwirkungen.

Als sich die Australier am Donnerstagmorgen mit den neuesten Nachrichten versorgen wollten, dürfte ein Teil von ihnen ziemlich gestutzt haben: Bei Facebook sind in dem Land sämtliche Links zu Nachrichtenseiten und die Seiten von Politikern und Behörden verschwunden. Schuld ist ein Streit mit der Regierung und den traditionellen Medien. Doch Facebook könnte sich mit seinem radikalen Schritt selbst ins Fleisch schneiden - und seinen Ruf als Verbreiter von Verschwörungstheorien festigen.

Was war geschehen? Seit Monaten schwelt ein Streit zwischen der australischen Regierung und den Internetkonzernen Google und Facebook. Die Konzerne würden Nachrichtenseiten nicht ausreichend dafür entschädigen, dass Facebook und Google ihre Inhalte nutzen, argumentiert die Regierung, wohl auch auf Druck des Nachrichten-Moguls Rupert Murdoch. Die Konzerne sollen mit den Medien eine Bezahlung aushandeln, so will es ein neues Gesetz. Sollte es keine Einigung geben, drohte Australien daher mit einer Link-Steuer, die auf jeden Klick gezahlt werden müsste. Doch während Google sich mit dem Nachrichten-Imperium Murdochs einigte, stellte Facebook sich quer. 

Plötzlich Leere

Die Folgen sind durchaus dramatisch: Sämtliche Nachrichtenseiten sind bei Facebook seit Donnerstag für Australien gesperrt, auch außerhalb des Landes lassen sich die australischen Medien nicht mehr über das Netzwerk abrufen. Allerdings scheint Facebook teilweise über das Ziel hinausgeschossen zu sein. Neben den Newsseiten zeigten auch die Seiten von Behörden keine Inhalte mehr an, selbst die Wetteranzeige des Büros für Meteorologie war gesperrt. Ein Oppositionspolitiker im Wahlkampf klagte ebenfalls über eine komplett geräumte Profilseite. Sogar Nonprofit-Organisationen und Menschenrechtsorganisationen und ihre Informationsseiten waren teilweise betroffen.

Besonders irritierend ist das deshalb, weil andere Seiten erhalten blieben: Die von Verschwörungstheorien waren größtenteils unangetastet geblieben. Während Alien-Seiten wohl nicht als Nachrichtenquelle genutzt werden, handelt es sich bei anderen Themen wie bei Verschwörungen um 5G-Netze, Anti-Impf-Seiten und solchen, die Bill Gates die Schuld an der Corona-Pandemie zuschreiben, klar um politische Inhalte - die nun unbehelligt von der Korrektur durch faktenbasierte Nachrichtenseiten weiter ihre Falschmeldungen verbreiten durften.

Verschwörungstreiber Facebook

Facebook lässt diese Entscheidung nicht besonders gut aussehen. Seit mehreren Jahren kämpft das Netzwerk - genau wie die Google-Tochter Youtube - gegen den Vorwurf, für einen Boom der Verschwörungstheorien gesorgt zu haben. Weil die Algorithmen kontrovers diskutierte Themen systematisch bevorzugen, werden diese immer mehr Menschen angezeigt - unabhängig vom Wahrheitsgehalt. Das sorgt für eine Radikalisierung. Selbst eine interne Studie Facebooks zeigte, dass ein Großteil der Mitglieder von politisch radikalen Gruppen diesen beitreten, weil das Netzwerk sie ihnen vorgeschlagen hatte.

Kein Wunder, dass Facebook mittlerweile etwas zurückrudert. Die Sperrungen von Angeboten, die keine klassischen Nachrichten sind, seien eine Folge der zu breiten Definition von Nachrichten in dem Gesetzestext, behauptete der Konzern zunächst. Im Laufe des Donnerstags versprach Facebook allerdings, die Freigabe wichtiger Dienste zu prüfen und sie teilweise wieder freizuschalten.

"Schikane-Verhalten"

Das Ausarten der Aktion dürfte Facebook so allerdings noch weniger Freunde eingebracht haben, als es die Nachrichtensperre ohnehin getan hätte. "Die Ereignisse heute zeigen allen Australiern, welche immense Macht diese digitalen Giganten haben", stellte Australiens Finanzminister Josh Frydenberg fest. Viele Nutzer nehmen dem Konzern das "Schikane-Verhalten" übel. "Lass mich dir was über Australien erklären", richtet sich etwa Radiomoderator Neil Mitchell in einem an Facebook gerichteten Video. "In diesem Land mögen wir es nicht, herumgeschubst zu werden. Und wir lassen uns nicht herumschubsen. Aber Sie, Herr Zuckerberg benehmen sich genau so."

Dass bei Facebook nun ausgerechnet die Verschwörungstheorien bleiben dürfen, sehen Beobachter als Gefahr. "Wenn keine auf Fakten beruhenden Nachrichten mehr da sind, um es zu erden, wird Facebook nur noch für Katzenbilder und Verschwörungstheorien stehen", warnt Peter Lewis, der Direktor des Australischen Instituts für verantwortungsvolle Technologie gegenüber "Insider". "In einer Zeit, in der die Wichtigkeit von Fakten im Kampf gegen eine globale Gesundheitskrise so groß wie nie ist, wirkt Facebooks Entscheidung arrogant, rücksichtslos und gefährlich."

Quellen:New York Times, Insider


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