Rufmord 2.0 Der Trend zum virtuellen Pranger


Peinliche Urlaubsfotos, pikante Details über die Ex-Freundin, ausschweifende Hasstiraden über den Nachbarn - noch nie war Rufmord so einfach wie zu Zeiten des Web 2.0. Die Opfer wissen oft gar nicht, dass bereits die Chefetage über sie lacht und haben nur wenig Möglichkeiten, sich zu wehren.
Von Wenke Rösler

Gut 40 Millionen Deutsche sind online, und viele Internetnutzer besuchen regelmäßig sogenannte Web 2.0-Angebote, etwa soziale Netzwerke oder Weblogs. Formate also, die ausdrücklich zum Mitmachen und Mitschreiben einladen. Böses Nebengeräusch dieser Entwicklung: Es wuchern vielfältige Formen der öffentlichen Diffamierung und Beleidigung. Und die erreichen durch die weltweite Vernetzung via Internet eine völlig neue Dimension der Aufmerksamkeit. Am virtuellen Pranger stehen geht viel schneller, als man denkt.

Die realen Schandpfähle stehen heutzutage als historische Relikte in mittelalterlichen Stadtkernen und erinnern an die bis in das 19. Jahrhundert hinein übliche Strafe, Verurteilte durch öffentliche Schande bloßzustellen. Mit anderen Mitteln wird die Prangerstrafe auch heute noch ausgelebt. Die USA sind auf diesem Gebiet Vorreiter, dort werden bewusst einstige Straftäter im Internet kenntlich gemacht. Die US-Bürger sollen so vor möglichen Gefahren in seiner Wohngegend gewarnt werden. Die Behörden bedienen sich etwa des World Wide Web, um auf Seiten wie "National Sex Offender Public Registry Web Site" bereits verurteilte Sexualstraftäter mit Foto und persönlichen Daten zu veröffentlichen. Auf der Webseite "derpranger.org" rekrutiert sich die Riege der Angeprangerten aus US-amerikanischen Straftätern, Politikern oder Firmen.

Doch das Internet ermöglicht nicht nur Behörden, vermeintlich schwarze Schafe abzustempeln. Jeder kann seine Meinung über Alles und Jeden verbreiten. Peinliche Urlaubsfotos, fiese Witzchen über den Exfreund oder ganze Hasstiraden über den Nachbarn - alles landet am virtuellen Pranger. Den Tribut zahlen meist die Opfer, die oft nicht einmal wissen, dass sie im Internet stehen und bereits die Chefetage über sie lacht.

Persönliche Daten geraten im Internet außer Kontrolle

Sich in sozialen Netzwerken - wie Myspace, StudiVz, Facebook & Co. anzumelden, ist nicht allzu kompliziert. Dort wird dem Rest der Welt gezeigt, welche und wie viele Freunde man hat, welche Bücher man liest oder welche Partei man wählt. Kurz: Man zeigt, wer man ist, oder zumindest, wer man sein möchte. Was aber mit den privaten Daten dann passiert, lässt sich dagegen nur schwer kontrollieren.

Immerhin kann der User auf diesen Plattformen noch selbst bestimmen, welche Informationen er von sich preisgibt. Anders ist das bei so genannten Bewertungsportalen. Hier verteilt der Nutzer zum Beispiel über Mediziner oder Lehrer Zensuren und Kommentare. Auf Seiten wie "Docinsider.de" oder "Spickmich.de" werden die Meinungen dann veröffentlicht. Ob es dabei immer gerecht zugeht, darf bezweifelt werden. Mitunter sind die Kommentare sehr einseitig und verletzend. Über einen Universitätsprofessor auf "Meinprof.de" heißt es etwa: "Er kratze dilettantisch an der Oberfläche, um einen Wissensvorsprung zu simulieren." Danach wird er als "klassischer Wendegewinner" tituliert.

An die Substanz geht es erst recht, wenn sich die Ex-Freundin in einem Video bei Youtube wiederfindet. Fotos in knappen Outfits, einst geschossen für den Privatgebrauch des Angebeteten, heimlich mitgeschnittene Telefonate - alles wird aus Rache, verletztem Stolz oder egozentrischer Kurzsicht online gestellt. Jeder kann es sehen und kommentieren. Kurz und knapp werden die Filmchendreher von anderen Nutzern mit "ja ja mehr von IHR" oder "ausziehen, ausziehen." bestätigt und angespornt. Das Plus für den Täter ist ein Gefühl von Macht, über andere zu bestimmen und sie zu entblößen.

Rufmord leicht gemacht - im Internet

Den Erfolg von Webseiten wie diesen erklärt sich Professor Wolfgang Donsbach, Kommunikationswissenschaftler an der Technischen Universität Dresden, mit dem menschlichen Hang zum Tratschen: "Über andere zu reden, ist so alt wie die Menschheit selbst. Das Internet bietet zudem die Möglichkeit, dass Viele mitreden und sich somit am virtuellen Klatsch beteiligen können." Heißt: Der Kreis der Wissenden vergrößert sich und der Betroffene hat zumeist keinen Einfluss darauf, was über ihn im Netz steht. Darin sieht auch Donsbach die Gefahr dieser Portale. Nach Meinung des Kommunikationswissenschaftlers sind die Aktivitäten auf Webseiten wie "Youtube" oder "Onlinerache" daher durchaus mit mittelalterlichen Prangerstrafen zu vergleichen: "Auf solchen Seiten wird die soziale Natur des Menschen ausgenutzt, da das Prangeropfer durch die öffentliche Abstrafung isoliert."

Das Internet vergisst nicht

Sich gegen die Anfeindungen im Internet zu wehren ist nicht so einfach. Erstmal muss der Angriff auf die eigene Person überhaupt entdeckt werden. Um zu wissen was im Netz über einen steht, bleibt nur die Selbstkontrolle. Den eigenen Namen gelegentlich zu "googeln", sollte zur regelmäßigen Pflicht werden. Wer unwahre Inhalte über sich im Internet findet, kann diese auf verschiedenen Wegen entfernen lassen. Befinden sich die falschen Informationen auf einer bestimmten Webseite, ist der verantwortliche Betreiber oder der Webmaster zu kontaktieren und in einer E-Mail oder in einem Brief darum zu bitten, die betreffenden Informationen zu löschen.

Dabei ist allerdings eine Frist von etwa drei bis vier Wochen anzugeben, da gesetzlich kein Zeitraum vorgeschrieben wird. Eine genaue Angabe der betreffenden Seite ist ebenso unerlässlich, nur mit einer präzisen Angabe können die Inhalte auch gefunden und restlos entfernt werden. Die erforderlichen Kontaktdaten sollten sich im Impressum der Seite finden lassen, wenn nicht können diese über eine zentrale Registrierungsstellen wie www.denic.de mit einer Domainabfrage angefordert werden. Nach der Eingabe der Hauptwörter aus der entsprechenden URL-Adresse können die gesuchten Kontaktdaten abgefragt werden. Mehr Druck erreicht man mit einer Aufforderung zur Löschung gemäß des Paragrafen 35 Absatz II des Bundesdatenschutzgesetzes.

Enthält eine Suchmaschine wie Google persönliche Daten einer Person, kann diese mit einem Löschantrag entfernt werden. Dafür wird allerdings ein Google-Konto benötigt, das sich jeder kostenlos zulegen kann. Auf der Startseite des Anbieters befindet sich der Button "Informationen für Webmaster", über welchen man die gewünschten Einstellungsänderungen vornehmen kann. Auf der sicheren Seite steht allerdings, wer sich vor der öffentlichen Vorstellung im Internet genau überlegt, welche Daten und Informationen auch noch in 20 Jahren ohne Pein gelesen und angeschaut werden können.


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