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Singapur: Mit dem Bus auf der Datenautobahn

In Deutschland ist drahtloses Internet in einigen ICE-Zügen der neueste Schrei. Singapur ist da schon weiter: In ganz normalen Linienbussen gibt es Netzzugang für jedermann. Singapurs Regierung und der Handyriese Nokia betreiben das Projekt - nicht nur aus Wohltätigkeit.

Von Michael Lenz, Singapur

Ich checke meine E-Mails, lese auf stern.de die neuesten Nachrichten aus Deutschland, chatte mit einem Freund in Kuala Lumpur. Das wäre nichts Aufregendes, wenn meine Onlinesession zu Hause, in einem Café, im Hotelzimmer oder im Wifi-Hotspot eines Flughafens stattfände. Tatsächlich aber sitze ich in einem Bus der Linie 14 in Singapur. Das ist eine von zwölf Busrouten des öffentlichen Nahverkehrsunternehmens SBS Transit, auf denen der Handyhersteller Nokia rollenden drahtlosen Internetzugang testet. "Die 'Nokia Wifi Zone Initiative' ist die natürliche Erweiterung unseres Ziels, Menschen miteinander zu verbinden", erklärt Lim Wee Khee, Senior Marketing Managerin von Nokia Singapur.

Singapur bietet das perfekte Umfeld für innovative Kommunikationsprojekte. 74 Prozent der Haushalte haben mindestens einen Computer. 66 Prozent sind mit dem Internet verbunden. Breitbandzugang haben bereits 52 Prozent, 65 Prozent aller Singapureaner über 15 Jahre können mit Informationstechnologien umgehen, und satte 97,8 Prozent haben ein Handy. Die Regierung des Stadtstaates arbeitet mit Feuereifer daran, ihre mehr als vier Millionen Bürger umfassend mit den neuesten Kommunikationstechnologien auszustatten.

Es geht um Wettbewerbsfähigkeit

"Intelligent Nation 2015" hat die Regierung ihren IT-Masterplan getauft, mit dem sie die Insel in Zusammenarbeit mit privaten Unternehmen bis 2015 zum asiatischen Kommunikations-Hotspot pushen will. Lam Chuan Leong, Vorsitzender des "iN2015 Steering Committee", betont: "Singapur steht in einem Wettbewerbsrennen mit anderen Ländern. Es geht längst nicht mehr darum, wer sich als Erster bewegt, sondern man muss schneller als andere sein, um relevant und wettbewerbsfähig zu bleiben."

Parallel zum technischen Ausbau des drahtlosen Internetnetzes für Bürger, Verwaltung und Unternehmen stellt das Land sicher, dass keiner auf dem "Ultra-high Speed Digital Highway" überrollt wird. In "Infocomm Clubs" in den Schulen werden schon Neunjährige auf die digitale Zukunft vorbereitet. Seit November können Senioren in "Silver Infocomm Junction"-Zentren lernen, wie man über das Internet telefoniert, mit Enkeln chattet, Computerspiele spielt und Behördengänge mit der Maus online erledigen kann.

Sogar für Handelsschiffe

Von der IT-Offensive profitieren auch die Besucher Singapurs. Bis zum Ende des Ausbaus der Datenautobahn ist der drahtlose Internetzugang kostenlos. Einfach im Café oder im Restaurant über das Wireless@SG genannte drahtlose Netzwerk den Laptop mit dem Internet verbinden, und los geht's. Der Service steht auch an Singapurs Flughafen Changi zu Verfügung. Anfang dieses Jahres wird außerdem der "WIreless-broadband-access for SEaPORT" - kurz WISEPORT - in Betrieb gehen. Der "schlaue Hafen" wird es Handelsschiffen ermöglichen, online mit ihren Kunden und Geschäftspartnern zu kommunizieren als auch auf hoher See Navigationsdaten zu beziehen.

Bei der Nokia Wifi Zone, die ich im Bus benutze, steht der Spaß im Vordergrund. Und die Werbung für die nicht ganz billigen Superhandys der Nokia-N-Serie. Dass auch Menschen mit Smartphones von Samsung, Sony Ericsson, O2 oder HP in der Nokia WiFi Zone kostenlos surfen können, tut Nokia-Managerin Lim mit einem Achselzucken ab. "Wir sind der Marktführer", sagt sie lakonisch und fügt im Brustton der Überzeugung hinzu: "Langweilige Busfahrten gehören der Vergangenheit an." Nun ja. Meine Fahrt mit einem anderen Wifi-Bus, diesmal auf der Linie 147 von Clementi zum Clark Quay, ist alles andere als lustig. Felicia Ang, PR-Dame der Nokia-Agentur Text 100, besteht darauf, mir trotz meiner vorherigen angenehmen Surferfahrung mit meinem Samsung-Laptop im Bus 14 - ohne Nokia-Aufpasser - die "bahnbrechende Interneterfahrung" der Wifi-Busse höchstpersönlich vorzuführen. Statt Nokias Slogan "Connecting People" ist aber ein kaputtes Netzwerk angesagt. Hilflos schwenkt Felicia ihr schickes Handy N95 in der Hoffnung, doch noch ein verirrtes Signal einzufangen, und stottert: "Beim letzten Mal ging es prima." Aber auch die für ihre Effektivität bekannte Regierung Singapurs ist bei iN2015 vor Problemen nicht gefeit. Im vergangenen Jahr weigerte sich eine Reihe der großen Hotels, entlang der Prachtmeile Orchard Road, auf ihren Dächern die Installation der Technik für die neue Wifi-Welt zuzulassen. Grund: Die Hoteliers greifen ihren Gästen für den Internetzugang vom Zimmer kräftig in die Tasche. Diese lukrative Einnahmequelle aber ginge durch den kostenlosen Service verloren.

Die Nokia Wifi Zone Initiative gibt es auch in anderen asiatischen Ländern wie Bangladesch, Vietnam, Malaysia oder den Philippinen. Handys stehen vor allem bei der Jugend in den südostasiatischen Entwicklungs- und Schwellenländern hoch im Kurs, wie das unabhängige Markforschungsunternehmen "Indochina Research" herausgefunden hat. Zwischen 10 und 13 Dollar geben Studenten in Laos, Kambodscha und Vietnam monatlich für Kommunikation aus, wie die Untersuchung "Studies, Love and Mobile Phones" des in Phnom Penh ansässigen Unternehmens ergeben hat.

Für die Mobiltelefonhersteller sind die wirtschaftlich aufstrebenden Entwicklungsländer ein lukrativer Markt. Kambodschas Hauptstadt Phnom Penh ist zugepflastert mit Nokia-Werbung, obwohl 77 Prozent der Kambodschaner von weniger als zwei Dollar am Tag leben müssen. "In den reichen Ländern sind die Märkte gesättigt, und die Unternehmen können kaum noch nennenswerte Zuwächse verzeichnen", sagt Tassilo Brinzer, Herausgeber des in Phnom Penh erscheinenden Magazins "South East Globe", und fügt hinzu: "Aber hier in Südostasien sind noch große Wachstumsmargen möglich."

In Kuala Lumpur oder Ho Chi Minh City hat Nokia seine Wifi-Zonen in Shopping Malls oder Cafés installiert. Rollende Bus-Hotspots wie im wohlhabenden und verwöhnten Singapur aber gibt es nirgendwo sonst in Asien. Lim betont: "Hier in Singapur gibt es so viele Hotspots, da mussten wir was Besonderes bieten."