Starke Konkurrenz Enzyklopädien kommen nicht gegen das Internet an


Im Zeitalter des Internets staubt sie ein: die gute alte Enzyklopädie, einstiges Juwel bürgerlicher Bildung. Immer mehr Wissbegierige nutzen das Internet auf der Suche nach der Erkenntnis.

Sie müssen sich einsam fühlen in diesen Tagen, die Enzyklopädien. In Bibliotheken führen sie ein Schattendasein. Wer etwas sucht, sitzt vor einem Computer und hackt eifrig in die Tasten. Selbst in Haushalten, die dem guten alten Lexikon wohlgesonnen sind, wird dem einstigen Juwel bürgerlicher Bildung immer häufiger die kalte Schulter gezeigt.

Im Internet-Zeitalter legen die dicken Bände Staub an. Selbst Familien mit kleinen Kindern, früher eine wichtige Käuferklientel, denken oft noch nicht einmal darüber nach, ob sie sich ein mehrbändiges Nachschlagewerk anschaffen sollen. Aber auch ihren digitalen Nachfahren geht es nicht viel besser. Auf dem Computer des kalifornischen Siebtklässlers Michael Gray war Encarta von Microsoft schon vorinstalliert - er hat sie noch nie benutzt. Stattdessen sucht er sich im Internet aus einer Vielzahl von Quellen das heraus, was er braucht. Wie bei den meisten Usern heißt bei ihm die Internet-Suche Google. "In fünf bis zehn Minuten finde ich immer eine gute Site", lacht Gray.

Wie Rechnen mit dem Rechenschieber

Lehrer, die ihren Schülern die Bedeutung einer guten Enzyklopädie nahe bringen wollen, stellen ihnen manchmal die Aufgabe, eine Arbeit mit Hilfe der dicken Bücher zu lösen. Aber in Zeiten, in denen die Kinder oft schon mit dem Computer umgehen können, bevor sie überhaupt lesen können, wirkt das anachronistisch. So, als ob Schüler Rechnen mit dem Rechenschieber lernen sollen, während der Taschenrechner daneben liegt.

"Die Schüler rühren sie gar nicht an", sagt die Bibliothekarin Sanra Kajiwara in der Dr.-Martin-Luther-King-Bibliothek in San Jose und zeigt auf die Regale neben sich. "Keiner bemerkt sie."

Lieber Computer als Enzyklopädie

Die Boomzeiten der gedruckten Enzyklopädie, früher ein wichtiges Statussymbol, sind vorbei - spätestens seit den 90er Jahren, als Computer in Bibliotheken und Haushalte vordrangen. Wer da schulpflichtige Kinder hatte, dachte nicht an die Anschaffung einer Enzyklopädie, sondern an einen Computer. Das Internet gab den Wälzern dann den Rest.

"Das Internet war der letzte Nagel im Sarg", bestätigt Joe Esposito, früherer Chef der Encyclopaedia Britannica, der jetzt als unabhängiger Medienberater arbeitet. 1996 wurden die Haustürverkäufe eingestellt. Die Britannica setzte dann darauf, Inhalte im Internet kostenlos anzubieten und das Geld über die Werbung zu verdienen. Aber auch diese Rechnung ging nicht auf. Jetzt ist der Zugriff auf britannica.com kostenpflichtig. Wie hoch die Druckauflage der 32-bändigen Ausgabe ist, wollte der Verlag nicht mitteilten. Es seien aber deutlich weniger als die 100.000 verkauften Exemplare 1980.

Problem der Aktualität

Die riesigen gedruckten Werke haben mit einem grundsätzlichen Problem zu kämpfen. Selbst wenn sie jedes Jahr aktualisiert werden, heißt das immer noch, dass einige Informationen schon mehr als ein Jahr alt sind, wenn sie gedruckt werden, während sie im Internet sofort abrufbar sind. Die Verlage konzentrieren sich inzwischen deshalb auf den Ausbau ihrer Online-Angebote und Digitalausgaben, die auch Ton- und Bilddokumente bieten. Britannica.com, Encarta und die unterschiedlichen Software-Titel des Mannheimer Brockhaus-Verlags bieten ihren Kunden regelmäßige Updates. Aber auch für die elektronischen Nachschlagewerke sind die Zeiten nicht einfach. Weltweit ging der Absatz der Lexikon-Software nach Erhebungen von Marktforschern der amerikanischen NPD Group von 2002 auf 2003 um 7,3 Prozent zurück.

Auch wenn viele Schüler nur noch Computer und Internet benutzen wollen, verweisen Bibliothekare weiter auf die grundsächliche Bedeutung der Enzyklopädien. Sie bieten einen Anker in der Informationsflut und die Gewähr für verlässliche Information.

May Wong/AP AP DPA

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