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Privatsphäre Will Apple nicht Daten schützen, sondern Kohle scheffeln? Der Kampf gegen Facebook geht in die nächste Runde

Privatsphäre: Facebook-Dienste wie Instagram und Whatsapp finden sich auf fast jedem iPhone
Facebook-Dienste wie Instagram und Whatsapp finden sich auf fast jedem iPhone
© Ridofranz / Getty Images
Seit Monaten schwelt der Konflikt: Weil Apple die Tracking-Möglichkeiten von Werbediensten einschränken will, läuft Facebook dagegen Sturm. Mit einer Kampagne will der Internetgigant die Maßnahme verhindern. Apples Reaktion ließ nicht lange auf sich warten.

Es ist ein schwerer Vorwurf: Apple würde bewusst kleinen Unternehmen schaden, um selbst mehr Gewinn zu machen. So erklärte Facebook gestern eine seit Sommer angekündigte und lange verschobene Änderung in Apples iPhone-System iOS 14. Um bei dem Thema Druck zu machen, hat der Social-Media-Riese gestern eine eigene Webseite und mehrere großformatige Anzeigen in großen Tageszeitungen gebucht. Aus Apples Sicht sieht die Situation indes komplett anders aus. Der Kampf um die Nutzerdaten geht in die nächste Runde.

Der Konflikt ist alles andere als neu. Schon bei der Präsentation von iOS 12 im Juni 2018 machte der iPhone-Konzern eine klare Ansage: "Wir schalten das ab", sagte Apple Software-Chef Craig Federighi damals auf der Bühne der exzessiven Datensammlung den Kampf an. Und lies dabei wenig Zweifel, an wen sich die Drohung richtete: Statt einer generischen App hatte er währenddessen die Startseite von Facebook geöffnet. Dieses Jahr wollte Apple dann ernst machen: Mit iOS 14 sollte jeder Nutzer die Möglichkeit bekommen, das Tracking über mehrere Apps hinweg zu genehmigen - oder abzulehnen. Seitdem ist bei der Werbeindustrie Angst angesagt.

Angriff auf das Schnüffel-Netz

Denn die Änderung droht, die stillschweigende Vereinbarung zwischen den Anbietern und den Nutzern zum kostenlosen Internet zu untergraben: Man darf die Dienste gratis nutzen, bekommt dafür aber Werbung angezeigt. Und damit die effektiver - und somit wertvoller - ist, sammeln die Dienste die Daten der Nutzer und werten sie aus. Erst in den letzten Jahren wächst bei den Nutzer ein langsamer Unmut über das Ausmaß der Datensammlung. Und auch Apple erkannte Handlungsbedarf.

Was als eine Speicherung der zuletzt angeschauten Artikel begann, ist mit dem Aufkommen der sozialen Medien und des Smartphones regelrecht explodiert. Neben den persönlichsten Interessen, lassen sich über den Zugriff auf andere Apps und die Tools auch längst sämtliche Kontakte, Gespräche, der Standort und sogar die Daten von Kamera und Mikrofon abrufen - und das auch über mehrere Apps hinweg. Genau diese Option will Apple nun einschränken. Der Zugriff auf das Werbeprofil IDFA soll nur noch nach expliziter Erlaubnis des Nutzers möglich sein.

Angst um die Einnahmen

Die Werbeindustrie reagierte im Sommer alles andere als begeistert. "Selbst im allerbesten Fall wird es für App-Entwickler und andere schwerer, über Werbung bei Facebook und an anderen Orten zu wachsen", erklärte ein Facebook-Sprecher im Sommer gegenüber "CNBC". Der Konzern versuchte entsprechend  bereits kurz nach der Ankündigung, Druck zu machen: Vor allem für kleinere Unternehmen würde der kurze Zeitraum zwischen der Ankündigung Ende Juni und der Veröffentlichung von iOS 14 im September nicht ausreichen, um die Änderung umzusetzen. Damit würde Apple ihnen stärker schaden, argumentierte der Konzern. Apple gab letztlich nach - und verschob die Einführung der Maßnahme auf das Ende des Jahres.

Facebook reicht das nicht aus. Mit der aktuellen Kampagne versucht man, Apple die Argumentationsgrundlage zu nehmen. Die Maßnahme diene nicht dem Schutz der Kunden, sondern solle Apple Geld in die Kassen spülen, behauptet Facebook in seiner Anzeige. Die Argumentation: Wenn Anbieter kleiner Apps ihre Daten nicht mehr mit Facebook und anderen Diensten teilen dürften, könnten sie weniger Geld mit Werbung verdienen. Dann wären sie aber darauf angewiesen, vermehrt auf In-App-Käufe zu setzen - von denen wiederum Apple einen Anteil kassiert. So würde Apple den durch Corona ohnehin gebeutelten Unternehmen schaden, so Facebook. Hinzu käme, dass Apple sich nicht an die eigenen Regeln halten würde: Apples eigene Werbeplattform würde nicht den neuen Regeln unterliegen, so der Konzern.

Schneller Konter

Apples Antwort ließ nicht lange auf sich warten. "Nutzer sollten wissen, welche ihrer Daten gesammelt und über Webseiten und Dienste geteilt werden", erklärte der Konzern in einem Statement wenige Stunden später. "Und sie sollten die Wahl haben, es zu erlauben oder nicht." Die neue Transparenz halte Facebook nicht davon ab, die Nutzer zu tracken. "Es erfordert nur, ihnen die Wahl zu lassen." Der Konzern betonte zudem, dass man Werbung weiterhin für eine gute und erlaubte Art der App-Monetarisierung halte. Aber eben nur, wenn die Nutzer darüber entscheiden könnten. Dabei dürften die Entwickler sogar einen Teil der Freigabebitte selbst ausfüllen, könnten den Nutzern also erklären, wozu sie die Daten brauchen.

Den Vorwurf der Geldmacherei will Apple nicht stehen lassen: Die neuen Regeln würden durchaus auch für Apples eigene Dienste gelten, hielt der Konzern Facebooks Vorwurf entgegen. Und: Man weite im Rahmen der Maßnahme auch das eigene Werbenetzwerk aus. Das erlaube, die Daten ohne Rückschluss auf den Nutzer zu sammeln und auszuwerten. Apple selbst verdiene nichts daran.

Das Ende des Wilden Werbens

Facebooks Kritik dürfte vor allem einen Grund haben: Das Netzwerk befürchtet, weniger Daten von iOS-Nutzern sammeln zu können. Nachdem der Zugriff auf Daten jahrelang weitgehend unproblematisch zu bekommen war, begonnen zuerst Apple und dann auch der Android-Anbieter Google, den Zugang zu den Daten zu erschweren. So wies iOS 13 darauf hin, wenn Apps im Hintergrund auf den Standort zugriffen und fragte den Nutzer, ob er das wollte. Das Feature schien großen Anklang zu finden, denn mit iOS 14 erweiterte Apple die Warnungen weitreichend. Auch die Kamera und das Mikrofon warnen nun, wenn sie eingeschaltet werden. Das alles deutet darauf hin, dass nur wenige Nutzer das Tracking für Werbung erlauben werden.

Dass vor allem Apple in diesem Bereich vorprischt, überrascht indes nicht. Anders als die großen Internetkonzerne wie Google oder Facebook ist Apple nicht auf Werbung - und damit auf Datensammlung - als Hauptgeschäft angewiesen. Zwar versucht auch Apple seine Service-Sparte auszubauen, zu der unter anderem das Cloud-Geschäft aber auch die Streamingdienste Apple Music und Apple Plus gehören. Die meisten Einnahmen spülen aber nach wie vor die Hardware-Verkäufe in die Kasse. Und der Schutz der Privatsphäre wertet die Premium-Produkte in den Augen der Kunden weiter auf.

Was Facebook mit seiner Kampagne erreichen will, ist indes nicht ganz klar. Apple wird sich durch die Anzeigen kaum unter Druck setzen lassen, die wenigsten Kunden dürften auf die Straße zu gehen bereit sein, um sich tracken zu lassen. Eventuell will Facebook so einfach die Zahl der Nutzer erhöhen, die doch dem Tracking zustimmen. Letztlich ist der Spielraum für die Rebellion aber begrenzt: Auf die iPhone-Nutzer ganz zu verzichten, dürfte für den Betreiber von Instagram, Whatsapp und Facebook letztlich ausgeschlossen sein.

Quellen: Facebook, Macrumors, CNBC


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