webreporter Hackers Ahnentafel


»Kabel-Salat ist gesund« prangt auf der Startseite des »Chaos Computer Club«.

»Kabel-Salat ist gesund« prangt auf der Startseite des »Chaos Computer Club«. Angesichts der jüngsten Attacken von Hackern auf Internetfirmen gelangt man eher zu der Schlussfolgerung, Kabel-Salat sorgte für Aufregung. Kommt eben immer darauf an, auf welcher Seite man steht. Bei den »Lügen-CDUlern« oder »Vielflieger-SPDlern« ist es einfach, da geht es um Wahrheit und Lüge. Ein Politiker, wie verlogen oder rechtschaffen er sein mag, ist ein Mensch wie »du und ich«. Was genau ist aber ein Hacker?

Ein langes Pamphlet, gutwillig könnte man auch Hacker-Katechismus sagen, klärt auf der Seite des »Chaos Computer Club« (CCC) darüber auf. Hacker zu sein, bedeutet, sich eine neue Philosophie zuzulegen, sagen die Altvorderen der Szene. »Hacker sind von Natur aus antiautoritär veranlagt. Jeder, der dir Befehle geben kann, kann dich auch davon abhalten, das Problem zu lösen, das dich gerade fasziniert.« Wichtig ist, dass es, vereinfacht ausgedrückt, gute und böse Hacker gibt. Nicht zu vergessen, die Mythos-ummäntelten toten Hacker wie Karl Koch oder Boris F. alias Tron.

Über die Todesursache des Berliner Computerfreaks Tron haben seine Eltern und Freunde bis heute keine Klarheit. Boris »Tron« F. war am 20. Oktober '98 kurz aus der elterlichen Wohnung gegangen, um Geld vom Automaten zu holen. Von da an war er vier Tage spurlos verschwunden, bis Spaziergänger ihn am Stadtrand Berlins aufgehangen fanden. Viele von Trons Freunden bezweifeln, dass er Selbstmord beging, wie die Polizei vermutet. Bei den Chaos-Computer-Tagen in Berlin 1999 hielt CCC-Sprecher Andy Müller-Maguhn eine bewegende Rede, in der verschiedene Verschwörungstheorien ins schummrige Licht des Tagungssaals gelangten. Selbst, dass statt Boris F. eine Puppe im Sarg vorgeführt worden sei, hielt Müller-Maguhn für möglich. Tron sei von der Mafia entführt worden und werde gezwungen, für die Unterweltbosse seine digitalen Molotov-Cocktails zu mixen. Diesen unbewiesenen Theorien widerspricht Burkhard Schröder (»Tron Tod eines Hacker«) aufs Heftigste.

Den begabten Junghacker Karl Koch ereilte in 1990 ein ähnlich mysteriöses Schicksal. Weil Koch alias Hagbard mitten in die Verwicklungen des Kalten Krieges geriet und zwei seiner Kompagnons im Gefängnis landeten, erregte sein bis heute ungeklärter Tod noch mehr Aufsehen als der von Tron. Kochs Leben wurde, wenn auch nicht authentisch, so doch sehr einfühlsam in »23« verfilmt. Ganz entgegen der sonstigen Digital-RAF-Hysterie zeigt der Film einen Menschen, der seine Zeit mit dem Knacken elektronischer Codes verbrachte. Der Hacker, das fremde Wesen, entpuppt sich als labiler, sehr engagierter, politisch denkender Mensch, der die falschen Leute zur falschen Zeit trifft. Karl Koch starb unter rätselhaften Umständen am 23. Mai 1990.

Was ist los mit den Hackern, die angeblich Firmensites wie die von »Netcologne« attackieren? Haben sie ihren Toten in die Ahnentafel abgeschoben und das Mysterienbuch zugeklappt? Ihr Argument für den entfachten Krieg lautet: Der Kommerz zerstört die Freiheit des Internets. Es ginge um die Vorherrschaft großer Firmen, die sich im Netz benähmen wie Kolonialisten.

Über den Schaden, den Hacker anrichten, wird viel geschrieben. Dass sie aber eine Art Öffentlichkeitsarbeit leisten, übersehen die meisten. »Bild« sprach mit ihrer Warnung, Hacker-Freaks könnten das »ganze Internet sprengen« vielleicht dem Konzernchef bei der West-LB oder einem Luxemburger CDU-Spendenverwalter aus dem Herzen, des Hackers Kern liegt in der Tatsache, dass Kabel-Salat gesund ist, solange jeder seine Gabel voll bekommt.


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