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Tiktok-Verkauf Den Spieß umgedreht: Wie China Trumps Tech-Coup gegen ihn wendet

Donald Trump mit roter Kappe mit Aufschrift USA
Glaubt sich bei vielen Briefwählern im Nachteil: US-Präsident Trump diskreditiert die Briefwahl anhaltend als betrügerisch.
© Alex Brandon / AP / DPA
Am Anfang wirkte es, als wäre Donald Trump ein Coup gelungen: Mit einem drohenden Verbot von Tiktok hatte er die datenhungrige Hype-App quasi in den Verkauf an US-Investoren gezwungen. Doch nun schlägt China zurück - und droht den Megadeal mit gleichen Mitteln zu verhindern. 

Es wirkte alles fast schon in trockenen Tüchern: Die Verhandlungen zum Verkauf von Tiktok sind in vollem Gange, der Betreiber Bytedance musste sich nur noch entscheiden, welcher der US-Konzerne das Geschäft in den USA, Kanada und Australien übernehmen sollte. Präsident Donald Trump hätte dann mit einem Schlag die wichtigste chinesische App auf dem US-Markt quasi eigenhändig unter amerikanische Kontrolle gebracht. Doch jetzt scheint der Deal zu platzen. 

Dabei lief es für Trump zunächst hervorragend. Nachdem es vermehrt Sicherheitsbedenken zu der chinesischen Hype-App gegeben hatte, griff der US-Präsident gewohnt hemdsärmlig durch - und verbot der App kurzerhand per Dekret das Geschäft in den USA ab dem 15. September. Dabei ließ er Betreiber Bytedance eine wohl platzierte Lücke: Sollte ein US-Unternehmen die App übernehmen, darf sie weiter genutzt werden. Trump würde damit zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Der chinesische Einfluss wäre dahin, die am schnellsten wachsende App wäre in US-Hand. Die Deadline erhöhte den Druck auf Bytedance, sollte so einen guten Deal für Interessenten wie Microsoft garantieren. Doch Trump hatte nicht mit der Antwort Chinas gerechnet.

China schlägt zurück

Denn der wichtigste Konkurrent der USA drehte den Spieß um. Am Freitag verkündete das chinesische Wirtschaftsministerium, dass seine Exportbeschränkungen nun auch für bestimmte Technologien mit künstlicher Intelligenz gelten. Und das betrifft auch Tiktoks Algorithmus. Auf die Auswirkung auf den Deal angesprochen, beschuldigte ein Sprecher des chinesischen Außenministeriums die USA des "ökonomischen Herumschubsens und politischer Manipulationstaktiken gegenüber Nicht-US-Firmen". Damit scheint es quasi ausgeschlossen, dass die Regierung den Verkauf des wertvollsten Teils von Tiktok in die USA genehmigt.

Der eigentliche Schatz der App sind nämlich nicht die Hunderte Millionen Nutzer oder die schnellen Clips alleine, sondern die Technologie dahinter. Mithilfe künstlicher Intelligenz wertet die App ständig aus, wie welcher Nutzer auf die einzelnen Clips reagiert. Und schlägt dann auf Grundlage dessen immer neue vor. Dabei berücksichtigt die App per Sprach- und Bilderkennung auch die Inhalte der Clips. Dieses selbstlernende Vorgehen ist der Grund dafür, dass viele Nutzer Tiktok kaum aus der Hand legen können - und immer noch einen weiteren Clip schauen. "Wer Tiktok nur als Unterhaltungs-App für Kinder sieht, verpasst die Komponente mit dem viel bahnbrechenderen Potenzial", sagte der Investor Eugene Wei dem "Wall Street Journal". "Wenn man in die Tiefen von Tiktok starrt, starrt diese Tiefe zurück in einen selbst."

Doch selbst für Unternehmen, die nur an den Nutzern interessiert wären, wäre der Verlust des Algorithmus wohl ein Dealbreaker. Die App würde auf einen Schlag ihren Reiz verlieren, so die Befürchtung. Schließlich fehlt genau das Element, dass die Kunden an den Bildschirm fesselt. Selbst wenn es gelänge, aus den bestehenden Daten einen eigenen Algorithmus nachzubauen, würde das viel Zeit kosten. Zeit, in der die meisten Nutzer vermutlich längst das Interesse verlieren.

Der Deal hängt in der Luft

Kein Wunder, dass bei den Übernahmekandidaten gerade alles andere als Begeisterung herrscht. Die Verhandlungen stünden auf einmal vor einer gigantischen Hürde, berichten gleich mehrere große US-Medien unter Berufung auf interne Quellen bei den beteiligten Unternehmen. Tiktok ohne seine Technologie sei wie ein Luxuswagen mit einem gedrosselten Motor, sagte eine an den Verhandlungen beteiligte Person dem "Wall Street Journal". Ob sich unter diesen Bedingungen ein Käufer für den mit 30 Milliarden Dollar bewerteten Tiktok-Anteil findet, ist aktuell völlig offen.

Donald Trump kann das nicht gefallen. Er dürfte sich durch den Deal viel versprochen haben. Zum einen hätte er sich durch Verkauf in US-Hände als starker Mann gegen China darstellen können, der wichtige Wirtschaftsfaktoren zurück in die USA holt und dabei auch noch potenzielle Sicherheitsrisiken minimiert. Zum anderen hatte er sich auch finanzielle Vorteile erhofft: Der US-Präsident hatte mehrfach betont, dass er einen Teil der Zahlung als Provision für die US-Regierung erwarte. Die höchst ungewöhnliche Forderung hatte er zuletzt am Dienstag gegenüber Reportern wiederholt.

Doch die Wette könnte für Trump nun nach hinten losgehen. Sollte sich tatsächlich bis zum 15. September kein Käufer finden, müsste er eine der beliebtesten sozialen Medien in den USA verbieten. Tiktok verzeichnet dort 100 Millionen regelmäßige Nutzer. So viele verärgerte US-Bürger wird sich der Präsident nur sechs Wochen vor der Wahl kaum erlauben können. Genau darauf dürfte China setzen.

Quelle: Wall Street Journal (Paywall), Bloomberg


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