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Tierquälerei für Klicks Youtuber inszenieren Tierrettungen – dazu quälen sie Tiere. Doch jeder kann etwas dagegen tun

Schlange auf steinigem Boden
Viele Schlangen leiden sehr unter den inszenierten Tierrettungs-Videos: Sie leben in Käfigen, ziehen sich Verletzungen zu und werden immer schwäche (Symbolbild)
© KristianBell / Getty Images
Eine Schlange greift ein hilfloses Tier an und kämpft. "Zufällig" kommt ein Mensch vorbei und rettet das Opfer. Eine inszenierte Rettung, bei der die Tiere gequält werden. Eine Rettung, gegen die Nutzer etwas unternehmen können.

Auf Youtube wimmelt es von falschen oder gestellten Videos. Besonders abartig: Videos, die Tierrettungen inszenieren. Für die kurzen Clips werden die Tiere unnatürlichen und potenziell tödlichen Kämpfen ausgesetzt. Das Ausmaß der Quälerei ist gigantisch. Schon länger versuchen Tierschützer:innen und -expert:innen dem Ganzen ein Ende zu setzen.

Minütlich werden etwa 500 Stunden Videomaterial auf der Plattform hochgeladen. Eine unfassbare Menge an Material, dass die Mitarbeitenden von Youtube plus künstlicher Intelligenz auf Einhaltung der Community-Richtlinien prüfen sollen. Und obwohl Youtube diese Regeln gerade angepasst hat – nun ist Tierquälerei auf der Videoplattform explizit verboten – kursieren dort immer noch Videos von vermutlich gestellten Tierrettungen.

Wie die Tiere für die gestellten Videos leiden müssen

Es ist immer wieder die gleiche Situation: Ein vermeintlich bösartiges Tier – meist fleischfressende Tiere wie Adler oder Schlangen – greifen hilflose Opfer an – meist niedliche Tiere wie Katzen und Hunde, aber auch Affen oder Eidechsen. Die Opfer kämpfen erbittert ums Überleben in einem schlammigen Loch oder auf ausgetrocknetem Sandboden umgeben von Pflanzen. Es schreitet ein; der menschliche Retter – oft unterlegt mit dramatischer Musik, kommt jemand scheinbar zufällig – kurz vor der tödlichen Wendung des Kampfes – ins Bild, befreit das Opfer vom Angreifer und trägt eines der beiden Tiere weg.

Was sich scheinbar in der Realität abgespielt haben soll, ist oft gestellt und mit großer Qual für die Tiere verbunden. Um die vermeintliche Rettungsszene zu drehen, werden die Tiere extra gezüchtet oder eingefangen. Wie "National Geographic" beschreibt, könnte man beispielsweise an Abschürfungen der Schuppen und Narben an den Schnauzen von Schlangen erkennen, dass die Tiere in Käfigen gehalten worden sind.

Die künstlich verursachten Kämpfe stressen die Tiere und fügen ihnen Verletzungen zu, die sie in freier Wildbahn wohl nie erlitten hätten. Viele der Tiere sind schwach und wehren sich, laut Expert:innen, mit denen "National Geographic" gesprochen hat, nicht mehr gegen das, was passiert. Ebenso würden oft die gleichen Tiere für verschiedene Kampf-Videos eingesetzt, was sich beispielsweise an der individuellen Färbung von Schlangenschuppen oder Fellfarben erkennen ließe.

Was bringt Menschen dazu, Tieren so etwas anzutun?

Diese Frage ist leicht zu beantworten: Grund für das Leid der Tiere ist Geld. Sich einen Youtube-Kanal anzulegen und Videos zu veröffentlichen, ist kostenfrei und schnell getan. Was es dann noch braucht, um Geld mit den Videos auf der Plattform zu verdienen, ist entweder ein Sponsor – bei solchen Inhalten sehr unrealistisch – oder sind sehr, sehr viele Zuschauer:innen. Wer in ein Youtube-Partnerprogramm aufgenommen werden will, bei dem man durch Werbeanzeigen Geld verdienen kann, muss mehrere tausend Abonnent:innen und im vergangenen Jahr laut "National Geographic" mindestens 4000 Stunden Betrachtungsdauer zur Verfügung gestellt haben. Laut dem Social-Media-Experten Jason Urgo, mit dem "National Geographic" gesprochen hat, hat "ein Beitrag, der auf Youtube Millionen Mal aufgerufen wird, das Potenzial, dem Urheber tausende Dollar einzubringen".

Die gefälschten Tierrettungsvideos werden oft angeklickt. Viele haben mehrere Millionen Aufrufe – und die Zahlen steigen. Tim Kasser, Professor für Psychologie am Knox College in Illinois, erläutert im "National Geographic", welche zwei Arten von Menschen sich die qualvollen Videos ansehen: Das seien zum einen diejenigen, die durch die rührenden Szenen angezogen würden, in denen niedlichen Tieren das Leben gerettet würde. Zum anderen solche, die Spaß daran hätten, dabei zuzusehen, wenn Tiere in Kämpfe verwickelt würden und in Not geräten.

Den Urheber:innen der Videos das Handwerk zu legen, ist leider nicht einfach. Der Ursprung vieler Videos lässt sich laut Recherchen in Asien, etwa in Kambodscha oder Vietnam, verorten. Den genauen Standort zu bestimmen, ist jedoch schwierig, was es den Tierrechtsorganisationen erschwert, die Täter zu finden.

Wie man die falschen Videos erkennen kann

Die inszenierten Rettungsvideos gleichen laut "National Geographic" oft einem ähnlichen Schema: Sie sind im Schnitt fünf Minuten lang und zeigen ein angreifendes Tier und dessen Opfer, deren Kampf von einem Menschen beendet wird. Die Videos sind oft mit dramatischer Musik unterlegt. Der Kampfszene gehen oft lange Beobachtungssequenzen voraus. Wie DJ Schubert, Wildtierbiologe am Animal Welfare Institute in Washington D.C., gegenüber "National Geographic" mutmaßt, solle damit der Stil von Naturdokumentationen imitiert werden.

Ein weiteres Indiz seien laut Schubert die verschiedenen Kameraeinstellungen in den Videos und die große Masse ähnlicher Videos auf einem einzigen Kanal. Kampfszenen in der freien Wildbahn aufzunehmen, dauert bei Naturfotograf:innen und -filmemacher:innen unzählige Stunden. Videos, die tierbewusst gefilmt worden wären, würden nicht in dieser Masse in kurzen Abständen entstehen.

Wer genau hinsieht, kann am Körper mancher Tiere schon vor dem Kampf Verletzungen erkennen, was davon zeugen könnte, dass das Tier bereits mehrere Videoaufnahmen hinter sich hat. Oft machen die Tiere in den Videos einen kränklichen Eindruck und sind schwach. Viele Raubvögel haben gestutzte Flügel, was von ihrem Leben in Gefangenschaft zeugt und dafür sorgt, dass sie nicht wegfliegen können. Anhand von individuellen Gesichtsmustern von Schlangen oder eventuellen Verletzungen und Narben kann man versuchen festzustellen, ob ein Tier noch in anderen Videos zum Einsatz kommt.

Laut "National Geographic" solle man außerdem aufmerksam werden, wenn das angreifende Tier sich nicht wehren würde oder nicht zu entkommen versuche, wenn es am Ende des Videos von dem menschlichen Retter hochgehoben und weggetragen werde. Ein Python liege laut Expert:innen nicht einfach so am Boden herum, nachdem sie gerade versucht hat, ein Tier anzugreifen. Findet die Kampfszene in einer Umgebung statt, in der das Tier normalerweise gar nicht lebt, könnte das auch darauf hindeuten, dass es inszeniert ist. Gleiches gilt für eigentlich nachtaktive Tiere, die nun am helllichten Tag vor einer Videokamera jagen.

Vertrocknetes Laub

Was man als Nutzer:in gegen falsche Tierrettungsvideos tun kann

Es gibt nicht viele Möglichkeiten als Nutzer:in von Youtube gegen die inszenierten Tierrettungsvideos vorzugehen. Das hier kann man trotzdem versuchen:

  • Videos und Profile melden und auf den Verstoß gegen die Community-Richtlinien aufmerksam machen –wenn nötig mehrfach
  • Videos nicht teilen
  • Videos, die einem von Freund:innen oder Bekannten weitergeleitet wurden, nicht öffnen und die anderen Personen über die Tierquälerei aufklären – gemeinsam das Video melden
  • in anderen sozialen Netzwerken verbreitete Videos melden
  • Profile, die inszenierte Tierrettungsvideos hochgeladen haben, blockieren
  • andere Menschen über die Problematik aufklären

Der stern hat sich nach dem Vorbild von "National Geographic" dagegen entschieden, Namen der Kanäle zu nennen, Videos zu verlinken oder Screenshots zu teilen, um zu vermeiden, dass sich die Klickzahlen der Videos weiter erhöhen.

Quelle: "National Geographic"


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