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Zukunft des Internets: Heitere bis wolkige Web-Aussichten

Die Internetgemeinde strahlt vor Zuversicht - auch wenn sich Zeichen mehren, dass der jüngste Dot-com-Boom Blasen schlägt. Das zeigt sich auch am Rummel um Facebook bei der "Web 2.0"-Konferenz in San Francisco.

Von Karsten Lemm, San Francisco

Der Star kam in Badelatschen. Betont lässig saß Mark Zuckerberg auf dem roten Ledersofa: grünes T-Shirt, schwarze Joppe, ausgewaschene Jeans - am Hosenbein umgeschlagen - und an den sockenlosen Füßen ein Paar Adidas-Sandalen. Cool. So sieht ein 23-jähriger Uni-Abbrecher aus, der von allen großen Namen der Online-Welt umworben wird, weil die Website, die er vor kaum drei Jahren mit ein paar Freunden gestartet hat, heute angeblich 15 Milliarden Dollar wert ist. Mehr oder weniger. So genau nimmt man das in diesen Tagen nicht im Silicon Valley, denn das Internet boomt wieder, junge Firmen schwimmen im Geld, und 15 Milliarden, derzeit knapp 11 Milliarden Euro, klingt irgendwie passend als spekulativer Preis für "Facebook", den aktuellen Superhit unter den "Social Networking"-Seiten.

Diese 15 Milliarden waren die magische Zahl, die am Mittwoch zum Auftakt der "Web 2.0"-Konferenz in San Francisco durch die Luft schwirrte, als Zuckerberg im rappelvollen Ballsaal des alt-ehrwürdigen Palace-Hotels seinen Auftritt hatte. Gut 1200 Augenpaare hingen an seinen Lippen, als er vom Moderator John Battelle ironisch gefragt wurde, ob Facebook sich für das Geld nicht unter Wert verkaufen würde. "Abwarten", antwortete der Harvard-Nichtabsolvent einsilbig-verschmitzt und grinste ins schallende Gelächter hinein. Microsoft, Google, Yahoo - alle haben ihm, so wird gemunkelt, viel, sehr viel Geld für seine Website geboten, die es Menschen erlaubt, via Internet mit ihren Freunden in Kontakt zu bleiben und neue Freunde zu finden.

40 Millionen Nutzer bei Facebook

Vor nicht mal einem Jahr öffneten Zuckerberg & Co. den Service, der ursprünglich nur anderen Harvard-Studenten zugänglich war, der Allgemeinheit. Heute hat Facebook über 40 Millionen Nutzer, 70 Millionen Besucher im Monat und protzt, aufs Jahr gerechnet, mit einem Wachstum von 348 Prozent. Auf der Liste der meistbesuchten Webseiten reicht das bereits für Platz sieben - gleich hinter MySpace. Und während Facebook täglich neue Freunde gewinnt, hat sich das Wachstum bei MySpace merklich abgeschwächt. Plötzlich sieht der bisherige Star unter den "Social Networking"-Diensten ganz alt aus. Fast so alt wie Rupert Murdoch, der 76-jährige australische Medienmogul, zu dessen Imperium MySpace gehört. Er sitzt ein paar Stunden nach Zuckerberg auf der Bühne und tut so, als gäbe es gar keine Gefahr, dass sich die beiden Rivalen in die Quere kommen könnten. Facebook sei "ziemlich cool", lobt Murdoch sogar. Nur: "Ich glaube, sie haben einen anderen Ansatz als wir. Wir bringen Menschen rund um die Welt miteinander in Kontakt, es geht nicht nur um den eigenen Freundeskreis."

Anschließend kann man ihn auf der Party, die MySpace im "Museum of Modern Art" schmeißt, dabei beobachten, wie er angeregt mit Chad Hurley plaudert, einem der beiden YouTube-Gründer. Auch der ist mittlerweile fast schon von gestern. Die Aufmerksamkeitsspanne der Dot-com-Gemeinde, der Gründer wie der Investoren, ist ähnlich lang wie die der meisten YouTube-Nutzer - sie lässt sich in Minuten messen. Oder wahlweise auch in Klicks und Besucherzahlen. So versucht es jedenfalls der Marktforscher Hitwise, der eine Methode entwickelt haben will, mit Hilfe von Statistik vorherzusagen, welcher Internet-Neuling als nächstes vor dem großen Durchbruch steht. Wenn die Zahlen etwas zu bedeuten haben, dürfen sich Wikimedia, die Videodienste Keepvid und Veoh sowie Stickam und Bix freuen: Um sie herum tobt der "Buzz", das aufgeregte Geschnatter jener kleinen Gruppe von Internetnutzern, die der großen Masse immer ein paar Schritte voraus eilen.

Die nächsten Konkurrenten warten schon

Bix gehört zum großen Reich von Yahoo - einer Firma, die früher, zur Urzeit des Internets, mal so umschnattert war wie Facebook oder MySpace und heute gegen den allgemeinen Eindruck kämpft, ähnlich hoffnungslos zum alten Eisen zu gehören wie Microsoft. Deshalb schießen immer wieder Gerüchte ins Kraut, die beiden lahmenden Riesen könnten sich zusammentun, um besser mit Google und den vielen agilen jungen Dot-com-Konkurrenten mitzuhalten. "Yahoo ist eine großartige Firma", lobt Microsoft-Chef Steve Ballmer bei seinem Auftritt am Donnerstag pflichtschuldig, ehe er abwiegelt, von Fusionsplänen könne keine Rede sein. "Wir sind entschlossen, unseren eigenen Weg zu verfolgen, und wir glauben an die Richtung, die wir eingeschlagen haben."

Sicher, die MSN-Suche mag sich schwer tun, gegen Google und Yahoo anzukommen - aber immerhin darf Microsoft sich rühmen, mit Facebook ins Geschäft gekommen zu sein: Microsoft vermittelt die Werbeanzeigen, mit denen Facebook in diesem Jahr schätzungsweise 150 Millionen Dollar einnehmen wird, und angeblich ist der Software-Riese bereit, noch 500 Millionen oben draufzulegen, um im Gegenzug einen Anteil von fünf Prozent an der Firma zu bekommen. Dieses Gerücht ist schon ein paar Wochen alt - was man daran sieht, dass Facebook nach dieser Kalkulation nur 10 Milliarden Dollar wert wäre.

Wann platzt die Dot-com-Blase?

"Es werden gerade wieder viele Wetten abgeschlossen, die mit rationalem Denken nicht zu erklären sind", räumte Tim O'Reilly am Montag in der New York Times ein. Zwei Tage später, am Mittwoch, steht der Organisator der "Web 2.0"-Konferenz auf der Bühne und fragt in die Runde: "Wie viele Leute hier glauben, dass wir es schon wieder mit einer Spekulationsblase zu tun haben?" Kaum einer hebt die Hand - sie alle hoffen, dass der Boom noch eine Weile weitergeht, den der Erfolg von Google, Flickr, YouTube und so vielen anderen ausgelöst hat.

Dabei mehren sich die Zeichen, dass das Silicon Valley überhitzen könnte, ähnlich wie zu Zeiten des ersten Dot-com-Booms, der vor sechs Jahren mit viel Ach und Weh zu Ende ging. Risiko-Investoren stecken wieder Millionen in Jungunternehmen, die kaum Einnahmen, aber seltsame Namen haben: ZocDoc, Orgoo, Whrrl, Zipidee - die Liste ist lang und wird täglich länger. Wer ansatzweise Erfolg vorweisen kann, darf hoffen, für aberwitzige Summen gekauft zu werden. Es reicht das wolkige Versprechen auf eine noch bessere Zukunft, in der alle Dienste aus dem Internet kommen und irgendwie Geld bringen.

Lukrative Angebote für Anfänger

Vielleicht durch Abogebühren, vielleicht durch Werbung. Auch das weiß noch keiner so genau. Dennoch zahlte der US-Medienriese CBS 280 Millionen Dollar für das winzige Online-Radio Last.fm, Yahoo ließ sich die Softwarefirma Zimbra 350 Millionen kosten, und Microsoft legte sechs Milliarden für den digitalen Marketingspezialisten aQuantive auf den Tisch. Derart lukrative Aussichten für Jungfirmen reichen vielen Besitzern von Bürogebäuden im Silicon Valley schon wieder aus, um Aktien statt Bargeld als Miete zu akzeptieren.

Da wirkt es geradezu beruhigend, Mark Zuckerberg dabei zu beobachten, wie er auf dem Sofa sitzt und den ganzen Facebook-Rummel zumindest äußerlich gelassen an sich abprallen lässt. Ob er sich Gedanken über die Nutzerzahlen mache, wird er gefragt. "Nö", antwortet der 23-Jährige gelassen. Wozu auch? "Sie sind ja so gut." Wann denn wohl der Börsengang anstehe? "Das kann noch Jahre dauern." Wie es dann mit dem Geldverdienen aussehe? "Wir haben immer versucht, ungefähr so viel einzunehmen, wie wir ausgeben", antwortet Zuckerberg. Anfangs, als er in seinem Wohnheim in Harvard saß, waren das mal 85 Dollar im Monat, die er und seine Kumpel sich über Werbung zurückgeholt haben, und heute ist es eben etwas mehr. "Aber wir liegen immer noch am Break-even", sagt Zuckerberg. "Wir wollten nie eine Firma sein, die viel Geld verbrennt, nur um schnell zu wachsen." Schau an. Das ist tatsächlich ein Unterschied zu vielen Firmen aus dem ersten Dot-com-Boom. "Web 2.0" eben.