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Apples Verkaufsschlager: Eine Nacht für ein iPhone

Die Apple-Welt ist eine andere geworden. Nicht die Liebe zum Produkt, sondern Geldgier treibt die Massen vor den Apple Store. Das Erlebnis in der Appleschlange.

Von Thilo Mischke

iPhone-6-Verkaufsstart: Meine Nacht in der Warteschlange

"Ich muss so nötig", höre ich von irgendwo weiter hinten. Die Verlierer, die zu spät gekommenen sind, die Trödler stehen dort. Weiter hinten, so weit, dass sie das Schild Hotel Kempinski erst gar nicht lesen können. Dort stehe ich nämlich, direkt vor dem Eingang des Hotels und ich warte. An mir laufen Geschäftsmänner vorbei, sie sehen mich verächtlich an und schütteln den Kopf. Betrunkene Westberlinerinnen, die immer noch aussehen, als würden sie gleich in einem HipHop Video mitspielen, lachen laut und tippen mit dem Finger an ihre Stirn.

Ich stehe hier, weil ich wissen wollte, warum Menschen sich für ein Produkt anstellen. Nicht für eine Tablette gegen Krebs oder Bananen, sondern für ein Telefon. Ich wollte wissen, was Menschen dazu antreibt, nachts bei herbstlicher Kühle in einer Seitenstraße des Kudamms herumzulungern, nur um am nächsten Morgen der Erste zu sein, der ein Telefon bekommt.

Es sind nicht die Nerds in der Appleschlange

Ich habe lange gestanden, gemeinsam mit meinem Bruder habe ich über 30 Stunden Zeit in Westberlin verbracht. Am Stück. So lange am Stück war ich in diesem Teil von Berlin noch nie. Er, von zehn Uhr morgens bis 18 Uhr. Einfach nur stehen. Mehr nicht. Ich dann von 18 Uhr, bis elf Uhr am nächsten Morgen. Um ehrlich zu sein, es hat etwas meditatives, etwas entschleunigendes, wann stand ich schon das letzte Mal auf der Stelle, für mehrere Stunden. Doch ich wurde enttäuscht. Appleschlangen , ich dachte dort stehen Nerds, die sich ihre Offenbarungen mit diesem Konzern erzählen, die sagen, wie sehr sie die schönen Produkte lieben. Wann sie zum ersten Mal den ersten iPod benutzt haben. Ihr erstes Powerbook. Ein bisschen hatte ich mich darauf gefreut.

Nicht im Jahre 2014, nicht beim Launch des iPhone 6. Vor mir, ungefähr 300 Menschen. Alle sprechen Russisch. Sie sehen nicht aus, wie die Russen, die normalerweise mit halb getönten Brillen auf dem Kudamm teure Anziehsachen kaufen. Es sind die armen Russen, die abgerissenen Osteuropäer, vor denen sich die AfD so fürchtet. Mit offenen Wunden am Bein, mit getrocknetem Schnaps im Mundwinkel. Mit schmutzstarrenden Hosen. Später am Abend, einige schlafen schon, rennt ein Apple Mitarbeiter nervös herum. Er kommt auf mich zu.

Vor Thilo keine echten Apple-Bewunderer, sondern Russen. Sie wollen das teure Telefon weiterverkaufen

Vor Thilo keine echten Apple-Bewunderer, sondern Russen. Sie wollen das teure Telefon weiterverkaufen

Ukrainer und Russen nebeneinander

"Sag mal, hast du Lust morgen vor der Kamera mit dem iPhone zu Jubeln, wir wollen einen Launch-Trailer schneiden", ich wundere mich, dass sie mich fragen. Vor mir 300 andere Freiwillige. "Sind euch die Russen zu wenig Apple", frage ich gemein zurück. Der Kameramann lacht. "Gut erkannt", sagt er. Und ich schäme mich sehr. Dieser Konzern, der eine heile Welt verspricht, mag die Realität nicht sonderlich.

Ich frage einen hustenden Russen neben mir, was er hier macht. Er erklärt, er ist im Auftrag da. Er kauft iPhones und bringt sie nach Russland. Ein anderer erklärt mir, er kauft hier die Telefone und verkauft sie in der Ukraine für das doppelte.

Ukrainer und Russen, in einer Schlange. Wir reden plötzlich nicht mehr über Telefone sondern über Politik. Essen dabei belegte Brote und trinken Bier aus Flaschen, manche machen Bäuerchen. Erkenntnis des Abends: Selbst Ukrainer und Russen wissen nicht genau, wer der "Böse" ist. "Blöd ist eigentlich nur Klitschko", sagt ein Kiewer. "Warum?", will ich wissen. "Weil er blöd ist, er ist ein Boxer!".

All die Strapazen für ein Telefon?

Die Nacht vergeht, ich friere wenig, der Herbst ist milde. Liege in einem Liegestuhl und döse vor mich hin. Die Euphorie will sich nicht einstellen, auch wenn mich dieser Fetisch iPhone6 nicht übermäßig interessiert. Dafür ist die Gesamtsituation zu traurig.

Gegen fünf Uhr beginnt eine neue Unruhe. Apple Mitarbeiter sagen, es geht gleich los. Alle stehen auf. Der Tross, der aussieht, jetzt übernächtigt, wie ein Flüchtlingsstrom, schüttelt sich. Es wird noch mehr gehustet und geschnaubt. Geruch von Hose in der Luft. Das alles hat nichts mit der von Apple gewünschten Wirklichkeit zu tun.

Die Sicherheitsleute verbieten wieder das Urinieren, im vorderen Teil der Schlange soll jemand eingepinkelt haben. Vor Verzweiflung. Und ich frage mich immer: Warum? Für ein Telefon? Natürlich nicht, die wenigsten hier, in dieser Schlange, haben ein echtes Interesse an dem Produkt, für sie ist es ein Job. Ob sie nun morgens um fünf Fische über den Markt schleppen, oder in einem kleinen Auto nach Deutschland fahren um ein Telefon für einen Oligarchen zu kaufen - das macht keinen Unterschied. "Wollt ihr denn das neue iPhone", will ich von zwei deutschen Jugendlichen wissen, die hinter mir stehen. Sie schütteln mit dem Kopf. "Wir kaufen es, und verkaufen es gleich weiter", sagen sie. "Bessert unser Taschengeld auf".

Er ist noch ein echter Fan: Sechs Tage hat er vor dem Apple Store campiert. Am Ende wurde er belohnt. Er war der erste mit dem neuen Telefon

Er ist noch ein echter Fan: Sechs Tage hat er vor dem Apple Store campiert. Am Ende wurde er belohnt. Er war der erste mit dem neuen Telefon

Die Fans sind nicht mehr da

Das was Apple mal war, ein Unternehmen für wenige, für Menschen, die zu viel Geld für gute, aber doch teure Produkte ausgeben wollten, ist es nicht mehr. Leider nicht mehr. Und zuerst bemerkt man es an seinen Fans. Jene Fans, die in den letzten zehn Jahren geduldig vor den Stores herumlungerten, wenn ein neues Produkt veröffentlicht wurde. Jene Fans, die es in diesen Schlangen vor dem Apple Store nicht mehr gibt. Und deswegen gehe ich. Verlasse die Schlange, entsetzte Blicke. Aber um elf Uhr, am nächsten Morgen, habe ich keine Lust mehr. Auch wenn ich bestimmt eins dieser Telefone abbekommen hätte.