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Design-Klassiker: Groß, stark, schwarz

Viele Handybesitzer freuen sich, wenn ihr Mobilgerät mit dem Ton klingelt, den früher Opas Bakelittelefon hatte. Das Original hat eine wachsende Fangemeinde: Es wird sogar noch gebaut.

Telefonieren ist definitiv nicht mehr das, was es einmal war: Erst verschwand das Fräulein vom Amt. Dann wurde die Wählscheibe von zwölf Tasten abgelöst. Etwa zur gleichen Zeit ging das traditionelle Klingeln zugunsten von diversen Elektronik-Piepsereien verloren. Und schließlich wanderte das Telefon als Handy in jede Jackentasche - und damit das Gepiepse an alle möglichen Orte, denen vornehme Stille besser steht. Doch noch ist nicht alles verloren. Das Ur-Telefon wird immer noch gebaut! Der klassische schwarze Bakelit-Fernsprecher, Typenbezeichnung W48, ist begehrt auf Flohmärkten, er wird als Neubau von Versandhäusern angeboten - als Kultobjekt des deutschen Industriedesigns.

Der Hörer - so schwer wie vier Handys

Nimmt man den Hörer ab, spürt man gleich das satte Gewicht von rund 380 Gramm - so viel wiegen fast vier moderne Handys! Der gehobene Versandhandel wirbt ausdrücklich damit, dass man bei diesem Telefon noch richtig den Hörer aufknallen kann. Beim Wählen erlebt man traditionelle mechanische Technik. Während bei den Konkurrenten nur digital erzeugte Tastentöne nervig piepen, rattert im W48 ein Siemens-Nummernschalter, der die Wählimpulse allein durch Federspannung, Rotation und Fliehkraft erzeugt.

Das echte Klingeln hebt sich wohltuend vom heute üblichen digitalen Gedudel ab. Ja, liebe Kinder, hier hämmert tatsächlich ein Klöppel auf zwei sorgsam abgestimmte, glockenförmige Metallschalen - wie bei der Fahrradklingel. Im Zweiten Weltkrieg (und in der DDR) waren diese Glocken wegen Metallmangels sogar aus Glas. Für Liebhaber ist das Geräusch wie Musik, es ist unprätenziös, angenehm - und erinnert an die alte Fernsehserie "Detektiv Rockford". Daher wird es auch auf immer mehr Mobilgeräte als Klingelton unter dem Namen "Old Phone" geladen - als "Sounddatei", was nicht ganz das Gleiche ist.

Zeitlos schön

Wählscheibe, Gabel und Hörer haben bei dem Bakelit-Boliden eine sachliche, ganz auf den Gebrauch abgestimmte Form, die zeitlos schön ist. Dieses Telefon für "nostalgisch" zu halten gilt bei Puristen als Irrglaube: Seine Technik und seine Form finden sie ebenso modern wie die eines VW-Käfers oder einer Leica-Kleinbildkamera. Wer den Apparat nur der Nostalgie wegen kauft, merkt oft erst hinterher, dass ihm das Wählen ohne Wiederholtaste doch zu umständlich ist. Es gibt auch keine Lautstärkeregelung, kein Makeln, normalerweise keine Rufumleitung und schon gar keine Tipptasten.

Wer aber bereit ist, diese Einschränkungen hinzunehmen, erlebt Telefonie mit Gewicht: Das verschafft dem Anrufer beim Fernsprechen eine bessere Position. Denn ein Wählvorgang von 15 Sekunden bietet gute Gelegenheit, sich auf sein wesentliches Anliegen zu konzentrieren und seine Gedanken ein letztes Mal zu ordnen. Und der fast 24 Zentimeter große Hörer ist auch bei schwierigen Gesprächen stets der Griff, der festen Halt gibt.

"W" wie "Wählfernsprecher"

Das legendäre W38 ("W" steht übrigens für Wählfernsprecher) gehört mit seiner bekannteren Neuauflage W48 einer Gruppe verwandter Geräte an, die ab 1928 gebaut wurden. Das W48 wurde das Telefon der Wirtschaftswunderzeit: Die Bundespost bot 1989 eine Sonderauflage an, die schnell ausverkauft war. Bis heute wird es noch als Neugerät angeboten. Auf Flohmärkten und im Internet findet ein reger Handel mit den noch sehr zahlreich erhaltenen Altgeräten statt. Neben der schwarzen Standardausführung gibt es eine elfenbeinfarbene Variante mit grünen Ziffern sowie spezielle Modelle, die sowohl auf den Tisch gestellt als auch an die Wand montiert werden können.

Zwischen dem Urahn W28 und dem DDR-Modell W55 liegen 27 Jahre Entwicklungsarbeit, in denen sich die Technik kaum änderte. Allen gemeinsam ist der unerschütterliche Korpus aus Bakelit und die solide Elektromechanik innen drin. Die Unterschiede zwischen den verschiedenen Baureihen sind bei flüchtigem Hinsehen kaum zu bemerken. Der Klassiker der Nachkriegszeit steht in voller Kontinuität des deutschen Einheitstelefons, wie es von 1936 bis 1938 entwickelt und damals auch in allen Ämtern, Behörden und Firmen verwendet wurde.

Die vielen Sammler und Benutzer, die ein Gerät aus der Wirtschaftswunderzeit zu kaufen glauben, tragen also ein waschechtes Stück deutschen Industriedesigns aus dem Dritten Reich nach Hause. Das W48, der Telefonklassiker der Wirtschaftswunderzeit, ist im Grunde genau das Gerät, das auf der Leipziger Messe des Jahres 1936 präsentiert und seither hergestellt wurde - bis heute.

Unschlagbar zuverlässig

Dabei erwies sich der schwarze Klassiker hüben wie drüben als echter Dauerbrenner. In der DDR wurde er noch während der fünfziger Jahre gebaut - benutzt wurde er sogar noch bis zum Ende des Arbeiter-und-Bauern-Staats. Die alten Stücke waren weitaus zuverlässiger als alle späteren Modelle. Im Westen schuf man im Jahre 1948 einen praktisch baugleichen Nachfolger - im Jahr der Währungsreform nahm man die deutsche Teilung auch in Sachen Telefon vorweg. Noch in den siebziger Jahren wurde der Klassiker an die Deutsche Bundespost geliefert. Die Tisch-/Wand-Kombination W49 aus dem Gründungsjahr der Bundesrepublik wurde bis 1970 hergestellt.

Diese Dauerhaftigkeit ist im deutschen Produktdesign des frühen vergangenen Jahrhunderts nicht ungewöhnlich. Viele Gestaltungselemente, die man spontan mit der Nachkriegszeit verbindet, entstammen den zwanziger bis vierziger Jahren und waren von genau der funktionalen Sachlichkeit geprägt, die von den Designern der Bauhaus-Bewegung gefordert wurde: Die Form folgt der Funktion.

Bakelittelefonierer mag man als verschroben oder fortschrittsfeindlich belächeln, stilsicher sind sie auf jeden Fall.

Alexander Glück / print
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