Mobilfunk Wie "gebrandete" Handys zur Gebührenfalle werden


Je dicker der Finger, desto häufiger passiert es: Ein achtloser Tastendruck am modernen Handy und man ist in Sekundenschnelle drin im Internetdienst seines Netzanbieters. Oft ungewollt, schlimmstenfalls unbemerkt.

Je dicker der Finger, desto häufiger passiert es: Ein achtloser Tastendruck am modernen Multi-Media-Handy und man ist in Sekundenschnelle drin im Internetdienst seines Netzanbieters. Oft ungewollt, schlimmstenfalls unbemerkt. Wer die Verbindung rechtzeitig entdeckt und kappt, hat Glück. Auf der Rechnung tauchen einige Cents auf. Steht die Leitung länger, kann das richtig ins Geld gehen. Bei den vier Netzbetreibern in Deutschland - Vodafone, T-Mobile, O2 und E-Plus - klingelt dagegen bei jedem dieser unzähligen "Ausrutscher" die Kasse.

Keine Änderungen möglich

Immer mehr Kunden, die mit den neusten High-Tech-Modellen ihrer Provider telefonieren, seien über diese Gebührenfalle sehr verärgert und genervt, kritisiert Markus Saller, Jurist der Verbraucherzentrale Bayern. Denn an der Voreinstellung der Tastatur, dem so genannten Branding, lasse sich nichts ändern. Wegprogrammieren geht nicht, weiß Saller von vielen Verbraucherbeschwerden. Die modernen Telefone sind fest auf die kostenpflichtigen Datendienste der Betreiberfirmen eingestellt - und bleiben es auch. Zufällig aktivierbar ist nicht nur das Internet, sondern auch das E-Mail-Angebot.

Die einmal belegten Tasten lassen sich nicht mehr frei programmieren. Der Kunde hat nicht die neutrale Original-Software von Handy-Herstellern wie Motorola, Sony Ericsson oder Siemens zur Verfügung, sondern eine beeinflusste Variante. Zum Vergleich: Dasselbe zufällige Vertippen öffnet bei einem neutralen Gerät aus dem Fachhandel erst einmal ein Menü - und nicht den sekundenschnellen Zugang zum kostenpflichtigen Internetportal.

Abzocke mit System?

"Da liegt womöglich System drin", vermutet Peter Knaak, Telekommunikations-Experte der Stiftung Warentest. In Deutschland gibt es rund 63 Millionen Mobilfunkanschlüsse. "Kreuzgefährlich, die Kostenfalle, vor allem für Jugendliche", kritisiert Evelin Voss von der Verbraucherzentrale Sachsen.

Auch Alexander Krug, Handy-Experte der Fachzeitschrift "Connect", zeigt sich besorgt über den neuesten Trend. Vor allem Vodafone setze stark auf die vorkonfigurierten Handys. "Da wird mit aggressivem Marketing geworben", meint Saller. Die Interessenten würden aber nicht ausreichend über die Veränderungen am Gerät informiert. Verlockend seien der niedrige Gerätepreis und günstige Tarife, meint Knaak.

"Aber auch T-Mobile steht dem in nichts nach", betont Krug, der mit seinen Kollegen über 28 Modellvarianten auf dem Markt unter die Lupe nahm. O2 und E-Plus seien ebenfalls schon mit angepassten Geräten auf dem Markt. "Gebrandete" Handys tragen meist auffällige Logos des Netzanbieters auf dem Gehäuse sowie in der Menüführung.

Jens Kürten, Sprecher von Vodafone, räumt ein, dass der falsche Knopfdruck "irrtümlich mal passieren" könne. "Ausgetrickst" werde jedoch kein Kunde. Im Gegenteil: Sein Unternehmen habe sich bemüht, die Nutzung der Vodafone-Datendienste "so einfach wie möglich zu machen". Was früher im dritten, vierten Menüpunkt versteckt gewesen sei, könne jetzt mit einem einzigen Tastendruck aktiviert werden. "Wir sehen keine Notwendigkeit, das abzustellen", betont Kürten.

Die Menüvereinfachung an sich sei auch nicht zu beanstanden, betonen die "Connect"-Experten. Die Anbieter seien dabei aber übers Ziel hinausgeschossen, erklärt Krug. „Viele Nutzer sind jetzt überfordert und genervt.“

Tastensperre, Kaufvertrag widerrufen oder "entbranden"

Der einfachste Weg, die Gebührenfalle einigermaßen in den Griff zu kriegen, führt über die Tastensperre am Handy. Der konsequente Gebrauch könne zufällige Ausrutscher vermeiden, rät Kürten.

Der Münchner Jurist Saller hat weitergehende Tipps parat: "Wer sich das nicht bieten lassen will, kann den Kaufvertrag sowie seine Vertragsverlängerung widerrufen." Entsprechende Ansprüche ließen sich innerhalb von zwei Jahren nach dem Kauf noch geltend machen. Aus den Werbeprospekten ergebe sich nicht, dass das Handy "kein normales Gerät", sondern nur auf den Netzbetreiber zugeschnitten sei. "Wir sind der Ansicht, dass es sich sogar um einen Sachmangel handeln könnte", erklärt er.

Außerdem wird noch folgende Alternative angeboten: Einige Fachhändler wie die Firma "mptelecom.de" haben sich bereits darauf spezialisiert, Handys gegen eine Gebühr wieder zu "entbranden", also in den neutralen Originalzustand zurückzusetzen. Der mögliche Haken: Gebe es danach Probleme, könne die Garantie verwirkt sein, warnt Krug.

Berrit Gräber, AP AP

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