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Windows Phone 7: Microsofts letzter Griff nach der Hosentasche

iPhone und Google-Handy bestimmen die mobile Kommunikation. Und Microsoft? Mit dem Windows Phone 7 will der Konzern zeigen, dass er das Rennen um die Hoheit in den Hosentaschen noch nicht aufgegeben hat. Ein Ortsbesuch.

Von Gerd Blank, Redmond

Redmond, Hauptsitz des weltgrößten Softwarekonzerns. Besucht man das erste Mal den Microsoft-Campus, ist man gleichzeitig überrascht und enttäuscht. Keine Spur von moderner Architektur, sondern unzählige Zweckbauten. Eine Fläche, so groß wie eine durchschnittliche deutsche Kleinstadt. Man braucht ein Auto, um von einem Gebäude zum nächsten zu kommen. Der Ort wirkt wie ein zu Stein gewordenes Windows, und man versteht sofort, warum Microsoft-Produkte so kompliziert sind. Und doch nutzt der Konzern den Ort, um etwas neues, ja, für Microsoft sogar Revolutionäres zu zeigen: ein Smartphone-Betriebssystem, das man einfach benutzen kann.

Unübersichtlich und unattraktiv sind die Attribute, die sowohl für den Campus, als auch für die Software von Microsoft gelten. Technik von und für Techniker und nicht für Menschen wie du und ich. Man nutzt Windows und Office nicht, immerhin die beiden erfolgreichsten Microsoft-Produkte, weil es Spaß bringt. Es ist Gebrauchssoftware und kein Unterhaltungsprogramm. Doch die Unterhaltung zählt im Jahr 2010. So erzielt Konkurrent Apple mit seinen Lifestyle-Produkten inzwischen einen höheren Börsenwert als Microsoft - was vor wenigen Jahren noch undenkbar war.

Auch bei den Smartphones liegt Apple vorn. Während Microsoft laut dem Marktforschungsinstitut Gartner weltweit gerade einmal auf einem Anteil von rund fünf Prozent kommt, steckt das iPhone bei etwa 15 Prozent in den Hosentaschen. Online-Primus Google hat mit Android sogar einen Anteil von 17 Prozent am Smartephone-Kuchen. Mit Windows Phone 7 soll alles anders werden, denn die Prognosen sehen für Microsoft nicht rosig aus. Laut Gartner verliert der Konzern in den kommenden Jahren weitere Anteile.

Microsoft will ein großes Stück vom Smartphone-Markt erobern. Dabei besinnt sich das Unternehmen auf seine Stärken: Microsoft versteht etwas von Software und lässt die Hardware lieber von anderen Herstellern wie HTC, LG und Samsung fertigen. Ein gute Entscheidung, denn das selbst gefertigte Smartphone Kin wurde bereits nach drei Monaten wegen Erfolglosigkeit eingestellt. Es scheint, dass Microsoft aus Schaden klug geworden ist.

Auslaufmodell Schreibtisch-Computer

Künftig ersetzen Handys immer häufiger den Computer. Smartphones verknüpfen Daten mit dem aktuellen Standort, wodurch ganz neue Geschäftsfelder entstehen. Das hat auch Microsoft erkannt und versucht alles, um mit seinem neuen Smartphone-System eine bunte, coole Welt vorzugaukeln - ohne dabei die Geschäftskunden zu vergrätzen.

Der Kopf hinter Windows Phone 7 ist Joe Belfiore, ein drahtiger Mann mit längeren Haaren, der nicht so Recht ins Bild eines typischen Microsoft-Managers passen will. Belfiores Augen glänzen, als er von dem Betriebssystem spricht. Er führt begeistert einige Funktionen vor, zeigt Fotos, springt von einem Punkt zum nächsten. Man merkt ihm an, dass er stolz auf "sein Baby" ist. "Es war manchmal frustrierend, dass Microsoft keine Produkte hatte, die alle guten Dienste, Programme und Services auf eine einfache Art zusammenzuführen", sagt Belfiore. Windows Phone 7 soll nun das fehlende Glied in der Microsoft-Kette werden. Für die Musikliebhaber wurde Zune integriert, Xbox-Nutzer können einige Spiele auf dem Smartphone daddeln, und wer einen Text erstellen oder eine Präsentation verändern will, kann auf eine mobile Office-Version zugreifen. Auch mit Facebook lassen sich die Windows-Geräte verknüpfen.

Doch Microsoft will viel, vielleicht zu viel mit dem neuen System. Es soll allen anderen Smartphones überlegen sein. Es soll gleichzeitig Anwendungen mit dem System verschmelzen, sodass sie fast unsichtbar werden - und dennoch einen eigenen Marktplatz für Apps etablieren. Windows Phone 7 soll aber vor allem ein Neustart sein, ohne mit alten Traditionen zu brechen. Das System ist ein Spagat zwischen Privatnutzern auf der einen und Geschäftskunden auf der anderen Seite. Möglicherweise landet das Unternehmen damit zwischen den Stühlen - und will viel zu viel.

Fernbedienung für die Datenwolke

Statt alle Daten auf dem Gerät zu speichern, sind die Windows-Smartphones eine Fernbedienung für die Datenwolke, die Schnittstelle für alle Online-Aktivitäten. Und statt Apple nachzueifern und den Bildschirm mit vielen Symbolen und Apps zu überfrachten, setzt Microsoft bei der Nutzeroberfläche auf eine strenge Kacheloptik. Anwendungen sind mehr mit dem System verzahnt als bei anderen Herstellern. Dennoch handelt es sich dabei nicht um eine Abkehr von Apps, denn das Geschäftsmodell will sich Microsoft nicht entgehen lassen. Per Marktplatz sollen Spiele und andere Anwendungen verkauft werden. Denn nur durch Software wird wiederum Hardware verkauft.

Achim Berg, ehemals Deutschland-Chef von Microsoft, ist seit ein paar Monaten Leiter der Smartphone-Sparte. Laut Berg geht es nicht darum, iPhone- und Android-Nutzer von einem neuen System zu überzeugen, sondern neue Gruppen zu erreichen. Doch welche Gruppen sollen es sein? Joe Belfiore sagt zwar, dass Windows Phone 7 nicht für junge Leute entwickelt wurde, "es wird aber sicher die junge Zielgruppe ansprechen". Trotz der engen Verbindung mit Xbox-Services handelt es sich beim dem Windows-Smartphone auch nicht um eine mobile Spielkonsole.

Microsoft weiß also, was Windows Phone 7 alles nicht ist. Aber es ist klar, was es ist: die letzte Chance für Microsoft im Smartphone-Markt. Eine Chance allerdings, die Microsoft unbedingt ergreifen will. Achim Berg bestätigt das mit Nachdruck: "Ein Misserfolg ist keine Option!"

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