China "Techno-Nationalismus"


Aus Angst vor einer technologischen Abhängigkeit entwickelt China eigene Produkte: EVD statt DVD, WAPI statt WLAN-Verschlüsselung und "Red Flag Linux" statt Windows

EVD statt DVD, WAPI statt WLAN-Verschlüsselung und "Red Flag Linux" statt Windows - China geht in der Computertechnik zunehmend eigene Wege. Die Botschaft lautet: Wir öffnen uns der Welt - aber zu unseren eigenen Bedingungen.

Unter dem Druck der Regierung zeigen chinesische High-Tech-Firmen international üblichen Standards die kalte Schulter und entwickeln ihre eigenen Protokolle. Auf diese Weise sollen chinesische Video-Disks nur auf chinesischen Abspielgeräten laufen, und das chinesische Mobilfunknetz soll vor allem von Handys genutzt werden, die im Land selbst hergestellt werden. Das einst so große China soll nicht noch einmal wie im 19. Jahrhundert von fremden Mächten bestimmt werden.

Aufholjagd hat begonnen

"Die Abhängigkeit von ausländischer Technologie und die Möglichkeiten, diese zu überwinden, sind sehr wichtige Themen für die chinesische Zeitgeschichte", sagt der China-Experte Richard Suttmeier von der Universität des US-Staates Oregon. Vom Buchdruck bis zum Schießpulver wurde in der Geschichte Chinas fast alles erfunden. Aber zuletzt musste China den technischen Fortschritten Japans und des Westens lange zuschauen. Inzwischen hat die Aufholjagd begonnen. Bei Mobiltelefonen oder in der Computersicherheit will China zum Weltmarktführer werden.

Suttmeier spricht von einem "Techno-Nationalismus", der von dem Gefühl gespeist wird, dass China über Jahrhunderte hinweg bei der Entwicklung neuer Techniken nur die zweite Geige spielte. Das Ministerium für Wissenschaft und Technologie will in diesem Jahr 1,3 Milliarden Dollar investieren, um vor allem "die Hochtechnologie anzuheizen".

Kostengünstige Produktion

Neben nationalen Motiven sind es aber auch Kostengründe, die chinesische Hersteller zu eigenen Entwicklungen antreiben. Für jeden DVD-Player müssen 4,50 Dollar an sechs japanische Firmen gezahlt werden, die die DVD-Technik entwickelt haben. So wurde dafür einfach eine Ersatztechnik entwickelt: EVD oder "Enhanced Versatile Disc".

Bei Betriebssystemen ist es ähnlich, zudem kommen hier noch Sicherheitserwägungen hinzu. Die stets auf Geheimhaltung bedachte kommunistische Regierung will sich nicht auf das Microsoft-Betriebssystem Windows verlassen. Stattdessen fördert sie eine eigene Linux-Umsetzung, das "Red Flag Linux", und wirbt vor allem mit erhöhter Sicherheit.

High-Tech-Firmen und Investoren in der ganzen Welt verfolgen die Entwicklung in China sehr aufmerksam. Schließlich will niemand die Chance verpassen, auf dem Markt der 1,3 Milliarden Chinesen Fuß zu fassen. Alarmiert reagierten amerikanische Hersteller im Dezember vergangenen Jahres, als Peking die Verwendung einer chinesischen Verschlüsselungstechnik für den drahtlosen Datenverkehr, WAPI genannt, für alle Funktechnikgeräte verbindlich machen wollte. Weil die US-Regierung darin eine Benachteiligung von Chip-Herstellern wie Intel sah, intervenierte sie in Peking, und China fand sich bereit, die geforderte WAPI-Umsetzung auszusetzen.

Marktvolumen von 2,9 Billionen Dollar

Ähnliche Konflikte zeichnen sich beim Mobilfunk der dritten Generation, 3G, ab. Bisher sei die Mobilfunktechnik in China völlig von Firmen aus dem Ausland dominiert worden, sagt der Präsident der chinesischen Datang Telecom, Zhou Huan. "Angesichts der bevorstehenden 3G-Herausforderung kann unsere nationale IT-Industrie eine Wiederholung dieser Art nicht hinnehmen." Datang, dessen Mehrheitsaktionär enge Beziehungen zur Regierung hat, treibt daher die chinesische Technik TD-SCDMA voran - in Konkurrenz zu dem in den USA entwickelten CDMA und WCDMA, das in Europa als UMTS zum Einsatz kommt. Zhou schätzt das Marktvolumen für 3G in China auf 2,9 Billionen Dollar - und er will, dass dieses Geld an chinesische Firmen fließt.

In Anbetracht der Größe des chinesischen Marktes könnte bereits die Drohung mit einem eigenen Standard ausländische Anbieter dazu bringen, ihre Lizenzgebühren zu senken. Möglicherweise sei dies auch die Hauptabsicht Chinas, sagt der Geschäftsführer des Beratungsunternehmens BDA China, Duncan Clark. Denn das Festhalten an eigenen Standards bedeutet auch eine Isolierung von der übrigen Welt. Das chinesische DVD-Format EVD leidet darunter, dass es nur wenige Filme dafür gibt. Selbst die KP-Zeitung "Renmin Ribao" hat in ihrer Online-Ausgabe berichtet, dass viele Verbraucher verärgert sind, weil ihr neuer EVD-Player keine DVDs abspielen kann. "Das ist eine riskante Strategie", sagt Suttmeier. "Es kann leicht nach hinten losgehen."

Stephanie Hoo/AP AP

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