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Kopierschutz: Diese CD ist keine CD

Seit mehr als einem Jahr ist bekannt, dass kopiergeschützte CDs unter Umständen auf dem PC, Autoradio oder Discman nicht abspielbar sind. Seitdem hat sich nicht viel getan, die Industrie spielt das Problem herunter.

Eine CD ist eine Silberscheibe. Mehr nicht. Mit dieser banal klingenden Erkenntnis machen derzeit Kritiker gegen die neuesten Kopierschutzsysteme auf Musik-CDs mobil. Denn diese Scheiben entsprechen nicht mehr den technischen Standards der "Compact Disc Digital Audio" (CD-DA), wie sie die Elektronikkonzerne Philips und Sony in den 80er Jahren patentieren ließen. Dementsprechend ist das vertraute CD-DA-Logo aus dem Hülleninneren verschwunden - stattdessen ist rechts oben und links unten nur noch ein leeres Rechteck zu sehen.

Der Handel ist frustriert

Aber in dem Konflikt geht es um weit mehr als um technische Logos. Viele kopiergeschützte CDs lassen sich auf CD-DA-spezifizierten Playern nicht mehr abspielen. Betroffen sind besonders Laufwerke in PCs und Autoradios, die die auf den Scheiben abgespeicherte "zweite Session" nicht lesen können und die Wiedergabe verweigern. Das Problem besteht schon seit mehr als einem Jahr und ärgert vor allem den Handel. Eine Lösung ist aber laut Bernhard Taubenberger, Pressesprecher der Saturn- und Mediamärkte, nicht in Sicht. "Wir können bei Reklamation die CDs nur zurücknehmen", sagt er.

Die Musikindustrie verspricht zwar, die Inkompatibilitäten abzustellen, getan hat sich aber zumindest in diesem Jahr herzlich wenig. Immerhin wird auf der CD-Hülle nun deutlicher kenntlich gemacht, dass der Inhalt kopiergeschützt ist.

Neue Kopierschutz-Standards im Test

Carl Mahlmann von EMI Deutschland berichtet von Test-CDs zweier Hersteller mit neuen Kopierschutz-Standards, die seit einigen Tagen auf seinem Tisch liegen und bis Frühjahr 2004 marktfähig sein könnten. Dabei seien die zweiten Sessions in verbesserten Windows-Media-lesbaren Formaten abgespeichert, von denen dann eine limitierte Zahl von Kopien gemacht werden können.

Eines der bei EMI liegenden Angebote ist offenbar der Nachfolger des in Deutschland verbreiteten Systems Cactus Data Shield (CDS-200) des US-Herstellers Macrovision. CDS-300 soll auch File-Sharing von der CD ins Internet unterbinden. Solche intelligenten oder "Smart CDs" sollen nun auch in den USA auf den Markt kommen, wo kopiergeschützte Musik bisher praktisch unbekannt war.

Vor allem deutsche Künstler betroffen?

Nach Darstellung der Kritiker ist dies der Marktmacht der US-Verbraucher geschuldet, mit denen sich die Industrie vorerst nicht anlegen wollte. Deshalb, so der Vorwurf, waren bisher vorwiegend deutsche Pop-Produktionen mit geringer internationaler Verbreitung mit den Schutzsystemen ausgestattet. Von der Branche wird das scharf zurückgewiesen. In Deutschland waren CD-Brenner einfach viel früher als anderswo verbreitet, deshalb habe Handlungsbedarf bestanden, erklärt Hartmut Spiesecke vom Bundesverband der Phonoindustrie.

Denn weil immer mehr Menschen Popsongs kostenlos kopieren statt zu kaufen, entgehen der Musikindustrie Millioneneinnahmen. Die Fakten sprechen für sich: 2002 ist der Umsatz mit Tonträgern in Deutschland erneut um 11,3 Prozent zurückgegangen. Daran ist nach Darstellung der Branche die Konjunkturflaute nur zum Teil schuld. Mit 165,7 Millionen CD-Alben gegenüber 259 Millionen CD-Rohlingen ging die Schere zwischen verkaufter Musik und der Basis für Kopien - legal oder illegal - weiter auseinander. Bei zudem 622 Millionen illegal aus dem Internet heruntergeladenen Musikstücken stehen die Verantwortlichen der Branche unter enormem Handlungsdruck: "So wie heute kann es nicht weitergehen", sagt EMI-Manager Mahlmann.

"Abspielprobleme maßlos überbewertet"

Dabei werden die Abspielprobleme nach Ansicht der Industrie maßlos überbewertet: Die Rückmeldungen bewegten sich im Promillebereich aller verkauften CDs, sagt Spiesecke. Wenn die Scheiben in großem Stil nicht spielten, "wäre das ein Horror." Die Debatte um den CD-DA-Standard hält der Verbandssprecher denn auch für vorgeschoben, da das entsprechende Patent zumindest in Deutschland vor wenigen Jahren abgelaufen sei.

Kopierschutz mit Shift-Taste lahm legen

Aber nach den Kompatibilitätsproblemen machen derzeit andere Schwächen der Kopierschutzsysteme Schlagzeilen. So wurde unlängst bekannt, dass der von der Bertelsmann Music Group (BMG) für den US-Markt vorgesehene Standard MediaMax CD-3 einfach durch das Deaktivieren der "Autorun"-Funktion von Windows oder das Drücken der "Shift"-Taste umgangen werden kann. Einen entsprechenden Tipp hatte ein Doktorand der Universität Princeton auf seiner Homepage veröffentlicht. Der MediaMax-CD-3-Hersteller Sunncomm will den Doktoranden nun offenbar verklagen.

Für Phono-Verbandssprecher Spiesecke ist das ganze irrelevant: Der Standard wird dann einfach in der nächsten Version geändert, sagt er. In Zukunft, meint er, werden die silbernen Scheiben neben der Musik vermehrt Videos oder etwa Computerspiele enthalten. So dürfte uns die CD "auf viele Jahre erhalten bleiben".

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