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Luftfahrtgeschichte: "In welcher Tragfläche möchten Sie sitzen?"

Vor 75 Jahre absolvierte der Urahn moderner Passagier-Großflugzeuge seinen Jungfernflug: An der Junkers G 38, dem damals größten Verkehrsflugzeug war alles ungewöhnlich und eindrucksvoll.

Hugo Junkers war immer Visionär und Pragmatiker zugleich. Es gibt kaum einen Zweiten unter den großen Flugzeugkonstrukteuren des 20. Jahrhunderts, der seine kühnen Ideen so zielstrebig verwirklichte wie dieser deutsche Pionier. Der schon 1919 gebaute Ganzmetall-Tiefdecker F13 gilt bis heute als der Vorfahr aller modernen Verkehrsflugzeuge. Sein größter Erfolg, der ihn zur Legende machte, war die dreimotorige Ju 52. Hugo Junkers’ vielleicht genialster Entwurf war jedoch die mit vier 750 PS starken Junkers-Jumo-204-Dieselmotoren bestückte G 38, die am 6. November 1929 - vor 75 Jahren - zum Jungfernflug abhob.

Alles an diesem damals größten und bequemsten Verkehrsflugzeug der Welt war ungewöhnlich und eindrucksvoll: Bei einer Spannweite von 44 Metern war die G 38 nur 23,20 Meter lang, hatte aber die überdimensionale Flügelfläche von 290 Quadratmetern. Sie kam auf ein Abfluggewicht von maximal 24 Tonnen und war für sechs bis sieben Besatzungsmitglieder und 34 Passagiere ausgerüstet. Erstmals sprach man von einem "fliegenden Riesen". Die Leistungsdaten entsprachen der Zeit: Bei einer Gipfelhöhe von 3100 Metern hatte die G 38 eine Reichweite von 2600 Kilometern. Die Reisegeschwindigkeit lag bei biederen 185, die Spitzengeschwindigkeit bei 210 Stundenkilometern.

Junkers wusste früh, was er bauen würde

Die Genialität eines Hugo Junkers wird vielleicht dadurch am deutlichsten erkennbar, dass er schon 1909 im Prinzip wusste, was er eines Tages bauen würde. 20 Jahre vor dem Erstflug der G 38 schwebte ihm ein sicheres, wirtschaftliches und großes Verkehrsflugzeug vor. In seinem "Gleitflieger-Patent" aus dem Jahre 1910 waren die drei wichtigsten Voraussetzungen bereits formuliert: verbesserte aerodynamische Eigenschaften, niedriges Baugewicht und erhöhte Betriebssicherheit. Es bedurfte allerdings des Zusammenwirkens zweier kongenialer Männer: Der eigentliche Konstrukteur der G 38 war Ernst Zindel. Hugo Junkers wird deshalb bis heute als einer der beiden Konstrukteure genannt, weil in der G 38 sein Flügelkonzept weitgehend verwirklicht wurde und weil er das epochale Projekt durchzusetzen vermochte.

In jedem Flügel arbeitete ein Monteur

Bei der G 38 mit ihren riesigen Tragflächen wurde seine Idee erstmals rigoros umgesetzt. Die beiden "Flächenmonteure", die auf der Backbord- beziehungsweise Steuerbordseite die Motoren kontrollierten und überwachten, konnten während des Fluges aufrecht in den Flügeln zu den Motoren gelangen. Junkers, der fest an das "Nurflügelflugzeug" glaubte, das bis in die jüngste Gegenwart hinein die Konstrukteure aus aller Welt immer wieder zu visionären Entwürfen animiert, war seinem Ziel schon erstaunlich nahe gekommen. Schließlich waren der größte Teil der Nutzlast und des Treibstoffs innerhalb der Tragflächen untergebracht. Der schöne Vorteil für ein halbes Dutzend Passagiere: Sie saßen im Flügelmittelstück, konnten durch die in der Flügelnase befindlichen Fenster hinausschauen und genossen einen hervorragenden Panoramablick.

Salonfähig

Dass es an Bord der G 38 schon vor sieben Jahrzehnten einen vorzüglichen Service mit einer Bar und einem exquisiten Salon gab, war selbstverständlich. Die G 38 war seinerzeit das größte Landflugzeug der Welt. Sie wurde schnell das populäre und attraktive Flaggschiff der Deutschen Lufthansa und bewährte sich im Streckeneinsatz hervorragend.

Doch die großen Erwartungen und Hoffnungen der Lufthanseaten erfüllten sich nicht. Die "Deutschland" legte am 26. Mai 1936 bei einem Werkstattflug in der Junkers-Heimat Dessau eine Bruchlandung hin. Die "Generalfeldmarschall von Hindenburg", später von der Luftwaffe als Transportflugzeug eingesetzt, wurde am 17. Mai 1941 in Athen von britischen Jagdbombern zerstört. Über diese zweite G 38 urteilte der 1976 gestorbene Lufthansa-Flugkapitän Otto Brauer, der auf diesem Flugzeug 7000 Flugstunden und 1,4 Millionen Flugkilometer unfallfrei zurückgelegt hat, später einmal: "Ich habe noch niemals ein Verkehrs- oder Militärflugzeug geflogen, welches derart ausgezeichnete Flugeigenschaften aufzuweisen hat."

Karl Morgenstern, DPA / DPA
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