Roboter-Guru David Hanson Technologie menschlich machen


David Hanson entwickelte zahlreiche Kunstmenschen für Disney-Vergnügungsparks. Jetzt will er Roboter noch menschlicher machen und deren Aussehen unseren Sehgewohnheiten anpassen. Der rennomierte Tüftler sprach mit stern.de über künstliche Intelligenz und die Zukunft von Robotern.

Es war eine beeindruckende Performance. Gerade dirigierte in den Vereinigten Staaten ein kleines Kerlchen ein gesamtes Symphonieorchester. Der 1,30 Meter große Asimo. Doch das einzig Kindliche an Asimo war die Stimme. "Es ist absolut aufregend, mit dem Detroit Symphony Orchestra aufzutreten", meinte die Entwicklung des japanischen Autokonzerns Honda.

Richtig: Asimo ist ein Roboter. Und zwar der am weitesten entwickelte Robo, der einem Menschen nachempfunden ist. Dabei sieht der weiße Androide gar nicht besonders menschlich aus. Genau das ist laut einem amerikanischen Roboterentwickler aber der Schlüssel für eine dauerhafte Akzeptanz der künstlichen Helferlein. Das Credo von David Hanson: Je menschenähnlicher, desto besser.

Mr. Hanson, Sie wollen die Zukunft zu einem "besseren Ort" machen - mit der Hilfe von Androiden, also menschlich aussehenden Robotern. Hört sich sehr optimistisch an.

Roboter können, wie die meisten neuen und leistungsstarken Technologien, das Leben sowohl besser als auch schlechter machen. Ich glaube, sie können es besser machen, wenn sie irgendwann einmal Therapiefunktionen wahrnehmen. Also für ältere Menschen sorgen oder mit kranken Menschen, zum Beispiel Autisten, arbeiten. Die wirkliche Kraft von Robotern liegt in ihren kreativen Kapazitäten. Je kreativer sie werden, desto flexibler sind sie als Werkzeuge einsetzbar. Meine Hoffnung ist, dass sie Probleme lösen werden und zum Intellekt der Zivilisation beitragen. In Science-Fiction-Filmen geraten sie ja oft außer Kontrolle und machen irgend etwas Unvorhergesehenes, vielleicht sogar Zerstörerisches. Ich beschäftige mich lieber mit der Frage: Was macht freundliche Intelligenz aus? Ich denke, zunächst einmal müssen wir Roboter freundlich, sprich menschlich, gestalten.

Es gibt allerdings das Phänomen des "uncanny valley", des unheimlichen Tals. Ein japanischer Robotiker entdeckte in den siebziger Jahren, dass Roboter beim Betrachter ein umso unangenehmeres Gefühl verursachen, je menschlicher sie wirken. Das "uncanny valley" ist eine Hypothese. Es sorgt bis heute für viele Diskussionen, obwohl es nie richtig getestet wurde. Manche Menschen sagten damals: Sehr realistische Roboter funktionieren nicht, viel mehr haben sie etwas Unheimliches. Also sagten die Roboter Designer, die These stimmt. Aber das ist kein Beweis. Ich habe Tests gemacht, um herauszufinden, wie Menschen reagieren. Auf die realistischsten Androiden reagierten die Testpersonen am positivsten. Die Reaktionen waren völlig anders, als das, was Masahiro Mori gesagt hatte. Es war das exakte Gegenteil.

Was ist denn der Vorteil von Androiden?

Wenn wir menschliche Roboter entwickeln, ist eine Beziehung zu ihnen möglich. Und wenn wir die zu Grunde liegenden Prinzipien der menschlichen Zusammenarbeit erkennen, können wir das nach und nach in diese Entertainment-Roboter implementieren. Das wird ihren Nutzen steigen. Zunächst wird es so wirken, als ob sie sich um uns sorgen. Irgendwann sorgen sie sich wirklich. Und wenn sie wirklich intelligent sind, können wir eine echte Zusammenarbeit beginnen, um eine bessere Zukunft zu gestalten. Nicht nur dahingehend, dass uns Roboter als Butler oder Sklaven dienen. Ich denke viel mehr, dass sie gleichberechtigt an unserer Seite wirken könnten. Dass sie vielleicht auf eine kreative Weise Probleme lösen, die zu lösen wir nicht im Stande sind.

Wann wird das Ihrer Meinung nach der Fall sein?

Es ist schwierig zu sagen, wann Roboter wirklich intelligent sein werden. Es gibt ja keine genaue Definition von Intelligenz, sondern sehr viele Spielarten. Es hat jedenfalls in den letzten Jahren große Fortschritte gegeben, was die kognitiven Fähigkeiten von Robotern angeht - und das ist erst der Anfang. Es könnte sein, dass wir schon in zehn Jahren Roboter haben, die auf eine wirklich tiefgehende Weise intelligent sind. Und in fünfzehn Jahren machen sie vielleicht Dinge, die wir als eine Art Bewusstsein beschreiben würden.

15 Jahre - das ist in nicht allzu ferner Zukunft. Ist das nicht utopisch?

Manche Leute glauben, dass es nicht machbar ist. Andere sagen: Falls es machbar sein sollte, wird es hunderte Jahre dauern. Ich glaube, es könnte schon in fünfzehn bis zwanzig Jahren der Fall sein - und ich hoffe, dass ich mit meiner Schätzung richtig liege. Wenn man es nicht versucht, wird man es auch nicht erleben.

2005 haben Sie ein Roboter-Abbild des verstorbenen Science-Fiction-Autoren Philipp K. Dick erschaffen, später einen Androiden mit dem Gesicht von Albert Einstein. Sein Körper allerdings erinnerte mich eher an Robocop.

Ansatzweise vielleicht. Es hatte schon viele laufende Roboter gegeben, aber noch keinen einzigen mit einem Gesicht. Also habe ich mit Professor O Kontakt aufgenommen, einem Koreaner. Er hat einen raumanzugartigen Körper hergestellt. Und wir wollten eine Hommage an Einstein machen, weil er einen so großen Einfluß auf die Wissenschaft hatte. "Albert Hubo" war batteriebetrieben, hatte Mimik im Gesicht und komplett bewegliche Finger. Der Vorgänger Philipp K. Dick war noch hydraulisch angetrieben und saß nur da, die Bühne war eine Reproduktion seines Appartments der frühen Siebziger.

Auch wenn es das "uncanny valley" nicht geben sollte - auf mich wirkt Ihr Dick-Roboter schon unheimlich.

Ein bißchen vielleicht. Aber nicht so unheimlich, wie Sie einen Horrorfilm finden würden. Es mag einen unheimlichen Effekt geben. Aber es gibt kein Tal.

Was denken Sie, was hätte Dick zu Ihrem Roboter gesagt?

Ich denke, es hätte ihm sehr gut gefallen. Seine Familie dachte das auch, sie unterstützten das Projekt. Der Dick-Roboter konnte Gesichter erkennen, Augenkontakt aufnehmen, emotionale Reaktionen zeigen. Und er konnte Konversation betreiben. Das war kein Sprecher, der das sprach. Es war eine total künstliche Intelligenz, die von zwei Computern kam. Der Roboter hörte einem zu und meistens hatte er die korrekte Antwort parat. Dank einer Chatbot-Funktion. Die ermöglicht zwar kein echtes Gespräch, simuliert es aber zumindest. Was noch dazu kam: Wir hatten dem Roboter eine Fülle von Zitaten und Büchern von Philipp K. Dick einprogrammiert. Das baute er in seine Antworten ein.

Und das war seiner Familie nicht unheimlich?

Doch, absolut. Sie hatten gemischte Gefühle bei der Idee, ihren Vater zurück ins Leben zu holen. Weil auf eine gewisse Art und Weise war der Roboter wie ein Geist, wie ein Echo.

Am Anfang unseres Gesprächs meinten Sie, dass Roboter vielleicht irgendwann für alte Menschen sorgen könnten. Besteht hier nicht die Gefahr eine Dehumanisierung der Gesellschaft?

Es ist vielmehr sehr wichtig, die Technologie zu humanisieren. Wir müssen ihr den Atem des Lebens einhauchen, damit sie wirklich lebendig wird. Wir fürchten uns vor Technologie, weil sie so unmenschlich wirkt. Aber wenn wir sie menschlich genug machen, wird sie zu einem Teil unserer Gesellschaft.

Menschliche Roboter schön und gut - es gibt aber auch Pläne, Kriegsroboter zu entwickeln.

Ich glaube, wir müssen sehr beunruhigt darüber sein, dass eine Menge Forschung im Bereich der künstlichen Intelligenz nur deshalb betrieben wird, um Kriegsroboter zu erschaffen. Wenn Roboter in ihrem Intellekt wachsen, gleichzeitig aber kein Mitgefühl empfinden und keine kreative Möglichkeiten haben, um Probleme auf die bestmögliche Weise zu lösen, dann wäre das furchtbar.

Aber kann diese Entwicklung überhaupt gestoppt werden?

Nein, das nicht. Aber war wir machen können, ist weise künstliche Intelligenz schaffen. Das werden Diplomatenroboter sein. Wenn deren Intelligenz mit Maschinen vereint wird, die zur Verteidigung gedacht sind, dann wären diese neuen Roboter in der Lage, Konflikte zu lösen, bevor es überhaupt zu Kriegen kommen kann. Es geht also darum, den Samen rechtzeitig zu säen, für eine bessere Zukunft. Dann könnten Kriegsmaschinen nur dazu genutzt werden, um Konflikte zu vermeiden, also beispielsweise Menschen entwaffnen, die etwas zerstören wollen.

Woran arbeiten Sie gerade?

Gerade designe ich einen Roboter mit David Burns von den Talking Heads, der in ein Kunstmuseum nach Spanien gehen wird. Dieser Roboter heißt Julio. Eine ganz normal aussehende Person, der einfach nur singt und Augenkontakt mit den Leuten herstellt. Es geht darum, die emotionale Kraft von künstlerischen Medien in die Robotik zu bringen.

Auf der deutschen Digitalkonferenz FMX haben Sie zudem kürzlich einen Roboter für jedermann vorgestellt, den Sie 2010 in den Handel bringen möchten.

Ja, Zeno. Er wird etwa 300 Dollar kosten. Und er wird machen, was auch unsere teureren Roboter tun. Verdutzt schauen, lächeln, Augen und Augenbrauen bewegen, den Kopf drehen, gestikulieren. Er hat eine Kamera im Auge und ist fähig, das Gesicht seines Besitzers zu erkennen und dessen Namen zu lernen. Er wird Gespräche mit seinen Besitzern führen.

Mal ehrlich: Wie sieht es bei Ihnen zu Hause aus? Leben Sie mit Robotern?

Nein, nur mit meinem Sohn und meiner Frau. Mein Sohn heißt übrigens auch Zeno. Er hat den Namen ausgewählt. Er reagierte nur darauf. Als wir eine Liste von Namen vorlasen, hat er bei allen anderen geschrien und geweint. Nur bei Zeno hat er völlig entspannt reagiert. Vielleicht weil er den Namen sehr oft hörte, als meine Frau schwanger war, in dieser Zeit habe ich Zeno entwickelt. Ach ja: Mein nächster Roboter wird wie meine Frau aussehen. Roboterwelt und menschliche Welt mischen sich. (lacht)

Sie haben einst bei den Disney-Imagineers gearbeitet. Stammt daher Ihre Faszination für Roboter?

Disneys Idee war, mit Animatronics irgendwann komplett autonome intellegente Charaktere zu schaffen - die also lebendig sind. Die Technologie der sechziger Jahre war aber nicht fähig, seine Pläne umzusetzen. Wir realisieren Disneys Traum.

Herr Hanson, vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Jörg Isert


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