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Schnellzug: TGV schafft neuen Schienen-Weltrekord

Der französische Superzug TGV hat mit mehr als 570 km/h einen neuen Geschwindigkeitsweltrekord aufgestellt. Der Zug brach damit die alte Bestmarke, den 1990 ebenfalls ein TGV aufgestellt hatte. Im Alltag wird der Rekordraser allerdings nicht unterwegs sein.

Genau um 13.13 Uhr und 41 Sekunden war es geschafft: Mit 574,8 Stundenkilometern katapultierte ein französischer TGV den Weltrekord für Schienenfahrzeuge in eine bisher nur Magnetbahnen vorbehaltene Dimension. Der Hochgeschwindigkeitszug überbot dabei den alten TGV-Rekord um fast 60 Kilometer pro Stunde. "Ich bin wirklich glücklich und stolz auf alles, was hier passiert ist", sagte der Lok-Testpilot Eric Pieczac bei der Ankunft in Reims- Bezannes in der Champagne. "Der Druck war gewaltig. Wir hatten kein Recht auf Fehler. Doch alles lief glatt: Kein Vogel hat uns gestört, selbst das Wetter war gut."

Staatspräsident Jacques Chirac beglückwünschte die Erbauer zu der "wunderbaren Demonstration der großartigen Kapazitäten Frankreichs im Bereich der Forschung und Entwicklung". Die Leistung sei fantastisch. "Mit seiner wirtschaftlichen Leistungskraft und Umweltfreundlichkeit ist der TGV ein wesentliches Faustpfand, um die Herausforderung einer nachhaltigen Entwicklung des Verkehrs anzunehmen", sagte Chirac.

Zweieinhalb Stunden vor dem Rekordzug war ein normaler TGV die Strecke abgefahren, um alle Risiken auszuschließen. Brücken waren gesperrt worden und 100 Gendarmen überwachten den Abschnitt. Denn Zwischenfälle durfte es nicht geben: Jede Notbremsung wäre hoch riskant gewesen, und der normale Bremsweg nach Erreichen der Spitzengeschwindigkeit war länger als 15 Kilometer. Wo man an die Strecke herankam, hatten sich Schaulustige versammelt. Doch zum Klatschen blieb kaum Zeit, so schnell jagte der TGV vorbei.

Es geht um Milliardenaufträge

Gut 30 Millionen Euro hatten der Hersteller Alstom, die Staatsbahn SNCF und der Netzbetreiber RFF in die Rekordfahrt investiert. Der Leistungsbeweis soll dem TGV gegen Konkurrenten wie den deutschen ICE einen Vorsprung auf dem heiß umkämpften Weltmarkt für Schnellbahnen verschaffen. Es geht um Milliardenaufträge für 6000 Züge in den kommenden 20 Jahren. Alstom-Chef Patrick Kron hatte Vertreter aus China, Brasilien und andere Kaufinteressenten zu der Rekordfahrt eingeladen. "Ich bin erleichtert", sagte Kron. "Hochgeschwindigkeit hat überall Chancen. Doch man brauche einen langen Atem." Der ICE- Rekord liegt bei 406,9 Kilometern in der Stunde. Allerdings hält der ICE mit 403,7 Kilometern den Weltrekord für Serienzüge.

Die Alstom-Experten hatten 14 Monate an dem Rekordzug "V150" (für zunächst angepeilte 150 Meter pro Sekunde oder 540 Km/h) gebaut. Sie verkleideten Ober- und Unterseiten und spannten Gummischürzen zwischen die Waggons, um den Luftwiderstand um 15 Prozent zu senken. Sie erhöhten den Durchmesser der Räder von 92 Zentimeter auf 1,092 Meter, um mehr Strecke pro Umdrehung zu schaffen. Und sie bauten zusätzliche Motoren ein: sechs Antriebs-Drehgestelle sorgten für 19,6 Megawatt (26.650 PS) Leistung. Ein "normaler" TGV kommt auf 9,3 MW.

Rollendes Testlabor

Der 106 Meter lange und 268 Tonnen schwere V150 wurde für die Rekordfahrt mit 600 Sonden ausgestattet. 40 Techniker an Bord überwachten mit ihnen Daten von der Stromabnahme und Haftreibung über die dynamische Stabilität bis zu den Vibrationen. Damit sammelten sie wertvolle Erkenntnisse für die Entwicklung der künftigen TGV- Generationen. Insgesamt umfasste der Zug zwei Triebköpfe sowie drei Duplex-Waggons. Einer war für die mitreisenden Gäste reserviert. Die beiden anderen waren als rollendes Testlabor konzipiert beziehungsweise mit Technik für künftige Zuggenerationen versehen.

DPA / DPA