HOME

Seeräuber-Schutz: Mit Höllenlärm gegen Piraten

Die Reeder rüsten auf: Wegen der immer häufigeren Piratenangriffe auf Handelsschiffe soll High-Tech den schwerfälligen Tankern und Frachtern ermöglichen, sich selbst besser zu verteidigen. Als Ersatz für Stacheldraht und Wasserschläuche werden elektrische Zäune, neue Radargeräte und Schallkanonen erprobt.

Von Ralf Sander

Die Kaperung des saudi-arabischen Riesentankers "Sirius Star" vor der Ostküste Somalias ist der spektakulärste Fall von Piraterie. Doch er ist nur einer von vielen. Derzeit sind nach Angaben des Internationale Schifffahrtsbüros (IMB) in der Region 17 Schiffe und 340 Besatzungsmitglieder in der Gewalt von Seeräubern. Bisher kam ein Besatzungsmitglied bei den Attacken ums Leben. Abgesehen von der Gefahr für Leib und Leben der Besatzungen geht es auch um viele, viele Millionen Dollar. Allein das Öl an Bord der entführten "Sirius Star" hat einen Wert von mehr als 100 Millionen US-Dollar.

Piraterie ist für die zivile Schifffahrt zumindest in einigen Teilen der Weltmeere zu einem gravierenden Problem geworden. Ein Problem, zu dessen Lösung zum Schutz auf den wichtigsten Wasserstraßen patrouillierende Kriegsschiffe nur einen Teil beitragen können. Daher werden viele Containerschiffe und Tanker selbst zu schwimmenden Festungen aufgerüstet und mit Technik zur Selbstverteidigung versorgt. Doch wie bringt man einem Frachter das Kämpfen bei, ohne ihn in ein Kriegsschiff zu verwandeln?

Besonders gefährdet sind Schiffe mit langsamer Reisegeschwindigkeit und einer geringen Distanz zwischen Wasserlinie und Schiffwand-Oberkante. Je flacher das Deck, desto einfacher können die Piraten von ihren kleinen Schnellbooten aus das Schiff entern.

Hauptwaffe: der Wasserschlauch

Ohne High-Tech sieht ein Schutz vor Piratenangriffen zurzeit so aus: "Wenn ein Schiff gefährliche Gewässer befährt, wird um das Deck herum Stacheldraht verlegt", berichtet Nick Davis der BBC. Seine Firma Anti-Piracy Maritime Security Solutions bietet Piratenschutz für zivile Schiffe und schickt Teams von drei Spezialisten an Bord. "Dann werden die Ballasttanks gefüllt, und die Feuerlöschschläuche auf vollen Druck gestellt." Permanente Wachen an Deck sollen eventuelle Angriffe rechtzeitig entdecken und das Schiff gegebenenfalls verteidigen. Dabei ist die Waffe der Wahl der harte Wasserstrahl aus den Löschschläuchen, mit dem Angreifer vom Entern abgehalten oder über Bord gespült werden sollen. Reeder und auch das IMB sind sich einig, dass die Crews auf keinen Fall mit Feuerwaffen ausgestattet werden sollen. Um das Schiff besser zu schützen, sollen andere Maßnahmen ergriffen werden.

Modernere Abwehrsysteme, die bereits im Einsatz sind, heißen Long-Range Audio Device (L-RAD) und Magnet Acoustic Device (MAD). Ihnen ist gemeinsam, dass sie Schall über sehr weite Strecken übertragen können. Vahan Simidian, Chef der MAD-Entwicklers HPV Technologies, erklärte gegenüber der BBC, wie die Extremlautsprecher ein Schiff schützen können: "Wenn der Kapitän Sorge wegen eines sich nähernden Schiffs hat, aktiviert er die Sirene, die das andere Schiff auf jeden Fall hören wird. Und er macht eine Durchsage, dass die anderen entdeckt wurden und es kein Überraschungsmoment mehr gebe." Das Signal der Schallstrahler ist über eine Strecke von mehr als einem Kilometer zu hören, Durchsagen seien laut Wikipedia noch über 500 Meter verständlich.

Sollten durch den Krach und die direkte Ansprache potenzielle Angreifer nicht abgeschreckt werden, ließen sich L-RAD und MAD auch als Waffe einsetzen. "Unsere Technologie ist absolut geeignet, jemandem weh zu tun", betont HPV-Boss Simidian. Sehr sogar. Beide Systeme zählen zu den so genannten "nicht-tödlichen Waffen" und werden auch von Militär und Polizei vor allem in den USA erprobt. Die Emitter sind nämlich auch in der Lage, einen Schalldruck von mehr als 145 Dezibel zu erzeugen. Die menschliche Schmerzgrenze liegt bei 130 Dezibel, ein Düsentriebwerk in 25 Metern Entfernung erzeugt rund 140 Dezibel. Trifft diese Lautstärke ein ungeschütztes Ohr, ist der Lärm für die betreffende Person unerträglich, auch ein Hörschaden ist wahrscheinlich. "Nicht-tödliche" Waffen generell werden unter ethischen Gesichtspunkten kontrovers diskutiert, unter anderem weil das Problem möglicher todbringender Spätschäden nicht gelöst ist. Aus diesem Grund setzt sich langsam auch die Bezeichnung "weniger-tödliche" Waffen durch. Die zurzeit auf Schiffen eingesetzten Schallwerfer könnten laut Simidian nicht als Waffe, sondern nur als Sirene und Kommunikationsgerät eingesetzt werden. Technisch sind die Akustikkanonen aber bereit für härteres Vorgehen.

Stromzäune wie in Guantanamo

Um Piraten das Entern unmöglich zu machen, bietet eine niederländische Firma eine simple Lösung an: "Secure Ship" ist ein elektrischer Zaun mit einer Spannung von 9000 Volt, vergleichbar mit denen, die militärische Einrichtungen umgeben. An Deck installiert, kann die spannungsgeladene Konstruktion unter Umständen gute Dienste leisten, gibt Cyrus Moudi vom Internationalen Schifffahrtsbüro zu. Allerdings sei der Zaun für die Crew nicht absolut sicher. Und bestimmte Schiffstypen ließen sich auf diese Weise gar nicht schützen: "Problematisch sind Schiffe mit entflammbarer Ladung. Elektrizität und explosive Dämpfe sind eine schlechte Mischung", so Moudi.

IMB-Mann Moudi ist sowieso nicht begeistert von der Aufrüstung auf den zivilen Schiffen: "Der beste Schutz ist ein guter Ausguck", sagt er. Diesen Job übernehmen auf Schiffen Radar und bei Bedarf menschliche Wachen. Doch bei schlechtem Wetter, Dunkelheit oder bewegtem Wasser sind angreifende Schnellboote kaum bis gar nicht auszumachen, weder per Auge, noch per Radar.

Die britische Firma Cambridge Consultants hofft, den Blick von der Brücke in absehbarer Zeit schärfen zu können. Sie bastelt an einem "holografischen Radar". Wie das System genau funktioniert, wird nicht verraten. Die Entwickler versprechen ein "3D-Radar", dass die Umgebung eines Schiffes beständig überwachen könne. Die Bewegungsrichtung und die Geschwindigkeit eines Objekts würden detailliert erfasst, heißt es. Ein angebliches Feature ist besonders interessant: Es soll Bilder der erfassten Objekte erzeugen können, die so genau sind, dass die Crew erkennen kann, um was für ein Wasserfahrzeug es sich handelt.

Themen in diesem Artikel