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Technikgeschichte: Ein Vorbild wird 80

Ihr Krach ist ein wesentlicher Teil des Sounds der Hauptstadt, ihre gelb-roten Waggons prägen das Stadtbild: Mit der Berliner S-Bahn wird ein wichtiges Vorbild für Stadtbahnen in ganz Deutschland 80 Jahre alt.

Ihr Rumpeln gehört zu den vertrauten Hauptstadt-Geräuschen, und für viele Berliner verkörpert sie ein Stück Heimat-Gefühl: An diesem Sonntag wird die Berliner S-Bahn 80 Jahre alt. Sie gilt damit als Vorbild für andere städtische Schnellbahn-Systeme in Deutschland und ist untrennbar mit der Stadtgeschichte verknüpft. Die wilden 20er Jahre, der Krieg, die Teilung Berlins und das Zusammenwachsen der Stadt seit 1989 - all das hat sich immer sichtbar im S-Bahn-System gespiegelt. Die gelb-roten Züge blieben durch die Zeiten hindurch eine Klammer in einer Stadt voller Brüche.

Für manche Berliner ist die S-Bahn mehr als ein Verkehrsmittel. Sie sei ein Stück Lebensgefühl, bekennt der Schriftsteller Horst Bosetzky. Selbst der dunkle Dreiklang des Abfahrtsignals ist Musik in seinen Ohren. Die vielen Berlin-Filme mögen ihm Recht geben: Kaum ein Streifen, in dem kein S-Bahn-Zug durchs Bild schnurrt.

"S-Bahn" - eine Berliner Wortschöpfung?

Die Berliner reklamieren für sich, das Wort S-Bahn in den 20er Jahren erfunden zu haben. Eine Abkürzung für den sperrigen Begriff Stadtschnellbahn, den die Reichsbahn 1924 erdacht hatte: Am 8. August jenes Jahres ratterte die S-Bahn zum ersten Mal zwischen dem heutigen Nordbahnhof und Bernau an einer Gleichstrom-Schiene entlang. "Das war ein Quantensprung in Komfort und Schnelligkeit", sagt S-Bahn-Sprecher Ingo Priegnitz.

Die U-Bahn gab es schon

Innerhalb weniger Jahre war die "Große Elektrisierung" des Systems abgeschlossen und schnaufende Dampfloks gehörten der Vergangenheit an. Damit holte die S-Bahn an Tempo und Bequemlichkeit gegenüber der U-Bahn auf, die bereits seit 1902 mit Strom betrieben auf eigenen Strecken durch Berlin rollte.

Die Berliner schlossen ihre neue S-Bahn schnell ins Herz. In den 40er Jahren nutzten 700 Millionen Fahrgäste die Züge. Das Leben in der Haupstadt pulsierte, und die S-Bahn gab einen eigenen Takt dazu vor. Mit ihrem großen Schienennetz bewahrte sie die wachsende Metropole vor einem Verkehrskollaps. Das System wurde ständig erweitert, inklusive eines langen Tunnels, der die östliche Innenstadt in Nord-Südrichtung unterquerte.

Schwere Schäden im Krieg

Erst die Bombenangriffe des Zweiten Weltkriegs schlugen große Lücken in das S-Bahn-Netz. Doch bereits im August 1945 wurde der provisorische Betrieb aufgenommen, die Züge fuhren wieder. Die S-Bahn war eines der wenigen Verkehrsmittel, das ungehindert durch alle vier Sektoren Berlins rumpelte - und den Osten mit dem Westen verband. Nicht unbedingt zur Freude der späteren DDR: Unzählige Fahrgäste lösten bis 1961 in Ost-Berlin ein Ticket "ohne Rückfahrt" - und blieben im Westen.

Ost-S-Bahn vs. West-U-Bahn

Erst nach dem Mauerbau wurde die S-Bahn zum Zankapfel Berlins. Weiter von der DDR-Reichsbahn betrieben, galt sie den West-Berlinern als Stachel im Fleisch. Boykotte ließen die Fahrgastzahlen rapide schrumpfen, das "Freie Berlin" baute die U-Bahn als Konkurrenz aus. Mit der S-Bahn verbanden Fahrgäste bald Geisterbahnhöfe und skurrile Konstruktionen wie den geteilten Bahnhof Friedrichstraße. Nur Ost-Berlin investierte weiter in das Schnellbahn-System und verband seine jungen Plattenbau-Vorstädte mit dem Zentrum.

Erst nach dem 9. November 1989 kam die S-Bahn wieder voll in Fahrt. Im Juli 1990 wuchsen die Gleise im Bahnhof Friedrichstraße zusammen, später wurde jeder große Lückenschluss der nunmehrigen Bahn-Tochter euphorisch gefeiert. Im Sommer 2003 fand ein letztes Kuriosum ein Ende: Die S-Bahn musterte ihre "Rumpelkisten" aus, Waggons, die mehr als 60 Jahre lang durch Berlin gezuckelt waren. Die modernen Züge rattern nicht mehr ganz so laut, sie surren.

Mehr als zwei Milliarden Euro flossen seit der Wende in die Sanierung des S-Bahn-Systems, das Netz ist heute 328 Kilometer lang und hat 164 Bahnhöfe. Die Berliner entdecken ihre S-Bahn neu. 315 Millionen Fahrgäste zählte die S-Bahn im Jahr 2003 und hofft in diesem Jahr auf 5 Millionen weitere Passagiere.

Das Jubiläum feiert das Unternehmen an diesem Sonntag mit Sonderfahrten in historischen Zügen und einem großen Fest im Bahnhof Friedrichstraße. Die Geburtstags-Torte soll natürlich die Form einer S-Bahn haben.

Ulrike von Leszczynski, DPA / DPA