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Schweiz Vollautomatische Gas-Kapsel – Sterbehilfe durch den Sarco-Pod legal zugelassen

Die Maschine erinnert an die Tiefschlafkaspel aus einem Science-Fiction-Film.
Die Maschine erinnert an die Tiefschlafkaspel aus einem Science-Fiction-Film.
© PR
Selbstbestimmt und ohne fremde Hilfe aus dem Leben zu scheiden – das bietet Sarco an. Die mobile Kapsel soll 2022 Sterbewilligen helfen. Ganz legal, zumindest in der Schweiz.

Selbsttötung mit Hilfe einer Roboter-Maschine. Das ist die Idee der Sarco-Kapsel. Nun bescheinigt ein Gutachten dem System, dass es in der Schweiz legal betrieben werden kann. In Staaten wie der Schweiz, Belgien und den Niederlanden ist es gesetzlich erlaubt, dem eigenen Leben ein Ende zu setzen. Auch in Deutschland, hier kippten die obersten Richter die restriktive Gesetzgebung des Parlaments. Der Unterschied zur Schweiz besteht darin, dass es dort kaum normierende Gesetze gibt, da die Schweizer den Suizid sehr weitgehend als grundsätzliches Freiheitsrecht auffassen. Genau genommen muss Sarco nicht vom Staat zugelassen werden, das Gutachten muss ihm nur bescheinigen, gesetzeskonform zu sein.

Ohne Beteiligung eines Mediziners

Im Jahr 2020 starben in der Schweiz rund 1300 Menschen durch assistierten Suizid. Meistens wird ein tödlich wirkender Giftstoff verwandt wie flüssiges Natrium-Pentobarbital. Natrium-Pentobarbital ist ein Beruhigungsmittel, das von einem Arzt verschrieben werden muss. Sarco vereinfacht das Verfahren. Die Kapsel kommt ohne ein tödliches Medikament aus. Damit umgeht man die Gesetzgebung für gefährliche Stoffe, was Beschaffung, Lagerung und Anwendung angeht. Der Suizid kann komplett allein durchgeführt werden, es muss kein Mediziner assistieren.

Wer darf über meinen Tod entscheiden? DISKUTHEK zu Sterbehilfe

Die Kapsel wird in den Niederlanden in einem 3-D-Drucker herstellt. Dort ist die Herstellerfirma ansässig, doch die Gesetzeslage der Schweiz begünstigt die Sterbehilfe durch eine Maschine. In anderen Ländern ist die Beteiligung eines Mediziners teilweise zwingend vorgeschrieben. Die Maschine arbeitet autonom, sie kann überall hin transportiert werden. Das Ableben kann daher in einem Hospiz, dem eigenen Schlafzimmer oder auf einer Wiese stattfinden. Die Wahl des Ortes ist in der Schweiz ein Problem, weil Todestouristen immer wieder Hotelräume für ihr Ableben genutzt haben.

Schmerzfreies Ableben 

Der Vorgang selbst ist denkbar einfach. Dem Patienten werden zunächst eine Reihe von Fragen gestellt, die prüfen, ob die Person zu einer freien Willensentscheidung fähig ist. Nach diesem Online-Test erhält sie dann einen Code für den Zugang und kann in die Kapsel steigen. Dort kann sie einen Hebel umlegen. Es gibt aber keinen Automatismus, wer will kann den Prozess einfach abbrechen. Nach Betätigung des Hebels wird der luftdichte Innenraum mit Stickstoff geflutet, der Sauerstoff wird verdrängt. Anderes als etwa beim Ertrinken löst der Austausch des Gases keine Panik oder Abwehrreaktionen des Körpers aus. Der Patient fühlt sich nur ein wenig "beduselt" und euphorisch, bevor er in weniger als 30 Sekunden in eine Bewusstlosigkeit versinkt. Der Tod tritt dann durch Sauerstoff- bzw. Kohlendioxidmangel ein.

Bislang gibt es zwei Prototypen, eine dritte Maschine soll 2022 in der Schweiz einsatzbereit sein. Um die gesetzlichen Vorgaben zu erfüllen, muss noch eine Kamera im Inneren platziert werden. Der erste Prototyp wird derzeit im Museum für Sepulkralkultur in Kassel ausgestellt.

Letztlich nur ein Werkzeug

Ziel der Firma ist es, dem Sterbewilligen eine autonome Entscheidung anzubieten, bei der sie nicht länger auf die Bereitschaft von Gutachtern und Medizinern angewiesen sind. Und natürlich ist auch kein Mediziner mehr unmittelbar am Geschehen beteiligt. Auch für Ärzte, die eine freie Entscheidung über das Leben bejahen, kann es belastend sein, regelmäßig als "Todesengel" tätig zu werden. Nur ein Problem löst Sarco nicht. Alle Formen gesetzlicher erlaubter Sterbehilfe setzen eine freie und klare Willensentscheidung voraus. Demenz- oder Alzheimerkranke erfüllen diese Voraussetzung nicht.

"Tod durch Maschine" hört sich spektakulär an. Letztlich ist Sarco nur ein Werkzeug, wenn auch ein komplexes. Doch im Gegensatz zu Hilfsmitteln wie Strick, Messer oder Schusswaffe, die schon immer für die Selbsttötung benutzt wurden, bietet Sarco einen schmerzfreien und sicheren Sterbeprozess. Auch wenn das nicht beabsichtigt sein mag, dürfte Sarco dem Selbstmordtourismus weiter Auftrieb geben. Schon heute ist "Going to Switzerland" in britischen Kliniken ein geflügeltes Wort.

Quelle: Swissinfo

Sie haben suizidale Gedanken? Hilfe bietet die Telefonseelsorge. Sie ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr unter 0 800 / 111 0 111 und 0 800 / 111 0 222 erreichbar. Auch eine Beratung über E-Mail ist möglich. Eine Liste mit bundesweiten Hilfsstellen findet sich auf der Seite der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention.

Für Kinder und Jugendliche steht auch die Nummer gegen Kummer von Montag bis Samstag jeweils von 14 bis 20 Uhr zur Verfügung - die Nummer lautet 116 111.


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