HOME

Bestseller von Stefanie Stahl: Warum wir viel beziehungsfähiger sind, als wir glauben

Die Psychotherapeutin Stefanie Stahl schreibt Bestseller zum Thema Beziehung – Hunderttausende feiern sie für ihre wissenschaftliche Schärfe, ihr konstruktive Art und ihren Optimismus. Ihre Idee: Wer sich selbst gut kennt, der kann sich auch seinem Partner verständlich machen.

Stefanie Stahl, Autorin von "Jeder ist beziehungsunfähig - Der goldene Weg zwischen Freiheit und Nähe" (320 Seiten, Kailash, 14,99 Euro)

Stefanie Stahl, Autorin von "Jeder ist beziehungsunfähig - Der goldene Weg zwischen Freiheit und Nähe" (320 Seiten, Kailash, 14,99 Euro)

Kürzlich wurde den 20- bis 50-Jährigen das Label "Generation beziehungsunfähig" angeheftet: Der Blogger Michael Nast wurde für diese Diagnose gefeiert. Jetzt behaupten Sie: "Jeder ist beziehungsfähig" – und sind mit Ihrem Buch sofort auf einem Spitzenplatz auf der Bestsellerliste eingestiegen.

Michael Nast hat einen Nerv getroffen. Gleichwohl waren die früheren Generationen nicht beziehungsfähiger. Schlechte Ehen hat es schon immer gegeben. Heute erscheinen Trennungen jedoch viel legitimer. Vor allem Frauen sind nicht mehr gewillt, in einer unglücklichen Versorgungsehe auszuharren. Die aktuelle Studienlage besagt, dass die Ansprüche an die Beziehungsqualität gestiegen sind. Nach meiner Beobachtung binden sich junge Leute sogar sehr früh und bleiben ewig zusammen – das hat es zu meiner Zeit nicht gegeben.

Allerdings gibt es in Deutschland so viele wie nie zuvor. 41 Prozent der Haushalte werden von Einzelpersonen bewohnt – Berlin toppt alles: Da sind es sogar 50 Prozent. Und da sollen die Menschen nicht beziehungsärmer sein als früher?

Ach, ! Berlin hat doch immer schon Individualisten angezogen. Berlin ist sicher nicht typisch für das ganze Land. Aber davon abgesehen: Menschen, die alleine in einer Wohnung leben und vielleicht schon die zehnte Trennung hinter sich haben, können sehr wohl das Potenzial zu einer wunderbaren Liebesbeziehung in sich tragen.

Tatsächlich leben heute Hunderttausende alleine, sie halten es in einer Beziehung nicht aus oder finden keinen Partner – und das, obwohl sich diversen Befragungen zufolge über 80 Prozent aller Singles einen Partner wünschen. Irritiert es sie nicht, dass diese Sehnsucht unerfüllt bleibt?

Was die Beziehungsfähigkeit der Menschen angeht, hat sich dennoch nicht viel verändert. Vor 50 Jahren war vieles nur nicht so offensichtlich. Es war viel schwerer als heute, aus einer Beziehung auszubrechen. Was es damals jedoch innerhalb der Ehen an Fremdgehen, an Depressionen, an Gewalt gab – das will man vielleicht gar nicht so genau wissen.

Die Vereinzelung der Singles ist aus Ihrer Sicht der Preis unserer heutigen Freiheit?

Studien, aber auch meine Erfahrungen bei Seminaren und in Einzelsitzungen belegen: Wir dürften es in etwa mit der selben Quote Beziehungs-Begabter wie früher zu tun haben: Etwa 50 Prozent der Menschen tun sich leicht, stabile Bindungen einzugehen, die andere Hälfte jedoch weniger.

Was entscheidet aus Ihrer Sicht darüber, welcher der beiden Gruppen ich mich zurechnen darf?

Die einen hatten das so aufzuwachsen, dass sie sich stets sicher gebunden fühlten – in der prägenden Zeit als Kleinkinder wurden ihre Bedürfnisse befriedigt. Bei diesen Bedürfnissen geht es immer um zwei Pole: Bindung, also Liebe und Zuwendung, ist der eine. Und auf der anderen Seite steht die Möglichkeit, den ganz individuellen Weg zu finden und sich selbst behaupten zu können, also Autonomie. Die Balance zwischen Autonomie und Bindung zu finden, ist elementar wichtig. Es ist eine wesentliche Grundlage für Zufriedenheit im Leben. Bei der zweiten Gruppe, jenen, die keine so guten Bindungserfahrungen gemacht haben, gibt es mit dieser Balance zwischen Bindung und Autonomie Probleme – und das kann sich auch sehr störend in Liebesbeziehungen auswirken.

Was steht der Ausgeglichenheit beider Pole im Weg?

Frühere Erfahrungen. Alte Glaubenssätze, die im Gehirn gespeichert sind. Wer damit aufwuchs, um Zuneigung kämpfen zu müssen, hat das im Programm. Entweder er strengt sich also wahnsinnig an, um geliebt zu werden - seine innere Balance ist dann also zu Gunsten der Bindung aus dem Gleichgewicht. Oder das Gegenteil passiert: er investiert kaum etwas, trotzt gegen die Erwartungen und denkt sich: "Einen Scheiß muss ich" – seine innere Balance ist also zu Gunsten der Autonomie verschoben.

Gibt es auch zu viel des Guten, gibt es Bindungsprobleme des einstmals überbehüteten Kindes?

Wer quasi erdrückt und überkontrolliert wurde, der lebt auch später oft mit der Angst, seine Autonomie unbedingt schützen zu müssen. Beides kann in Beziehungen zum Problem werden: Der eine klammert möglicherweise so sehr, dass es dem Partner zu viel wird. Der andere zieht sich panisch zurück, wenn seine Freundin nur eine Idee für eine gemeinsame Reise entwickelt, weil das sofort den Alarm auslöst: Ich soll wieder fremdbestimmt werden. Es kommt in beiden Fällen also eine Bindungsangst zum Vorschein, die ihre Wurzeln in der Vergangenheit hat und die, wenn die Zusammenhänge nicht verstanden werden, zerstörerisch sein kann. Werden sie verstanden, dann können sich die Blockaden aber sehr gut lösen, dann kann bei fast allen die Liebe fließen.

Moderne Eltern geben ihren Kindern gern das Gefühl, sie seien klüger, toller, spezieller als alle anderen. Forscher der Universität Amsterdam haben die Theorie entwickelt, dies seien ideale Voraussetzungen, um narzisstische Züge auszuprägen. Haben solche Kinder später auch in Partnerschaften das Gefühl, etwas ganz besonderes zu verdienen – sodass kaum jemand ihren großen Ansprüchen gerecht werden kann?

Ich halte das Problem des Narzissmus, von dem zurzeit allerorten die Rede ist, für übertrieben. Verglichen mit der Zeit, in der Kinder brutal autoritär erzogen wurden, sind die Verhältnisse doch eindeutig besser geworden – selbst dann, wenn manche Menschen nun mit einem überhöhten Selbstbild herumlaufen, das ihre Eltern ihnen vermittelt haben. Immerhin: Da steckte viel Wohlwollen dahinter und das ist schon mal keine schlechte Grundlage.

Das Internet präsentiert uns in den Partnerschaftsforen Lebensgefährten in spe in ungeheurer Fülle und herrlichst herausgeputzt: Da liegt es doch nahe, dass sich gerade jemand mit besonders hohen Ansprüchen nie festlegen kann – er immer weitersucht.

Bei Menschen, die nicht sehr bindungssicher sind, also grundsätzlich wenig Vertrauen in Beziehungen haben, ist es ein typisches Verhaltensmuster, dass sie sich zwar verlieben – dann aber, um bloß die Kontrolle zu behalten, ganz schnell nach den Schwächen des anderen suchen, ihn also demontieren. Daran ist aber nicht das Internet mit seinen vielen Angeboten schuld. Das Internet bietet einfach nur die Möglichkeit, schnell weiter zu suchen oder Ersatz zu finden.

Eben!

Schauen Sie, eine Zwangsbeziehung, die allein deshalb weiter besteht, weil keine Alternative in Sicht oder das Tabu einer Scheidung zu mächtig ist, ändert doch nichts daran, dass jemand sich nicht wirklich einlassen kann. Er zieht sich dann eben innerlich zurück oder bekämpft den Partner, statt einen Schlussstrich zu ziehen. Da bleibt dann die Beziehung bestehen, aber ihre Qualität ist mies. Das einzige, was hilft, ist zu durchschauen, welches innere Programm einen leitet. Das bedeutet Arbeit. Aber die ist sinnvoll. Denn wer sich selbst in seinen Grundzügen kennt, der kann rechtzeitig unterscheiden, ob sein Rückzug oder seine übermäßige Verlustangst mit der Vergangenheit zu tun hat oder mit der aktuellen Situation. Von Viktor Frankl stammt dieses schöne Zitat: Zwischen Reiz und Reaktion liegt die Freiheit. Wir können frei entscheiden, das setzt aber auch voraus, dass wir die Verantwortung für unser Denken, Fühlen und Handeln übernehmen.

Wenn Ihnen ein Mensch begegnet, der sagt: Ich habe genug schlechte Erfahrungen gemacht. Ich habe die Schnauze voll und lebe ab jetzt alleine – was sagen Sie dem?

"Schön, dass Sie eine Entscheidung getroffen haben." Und dann: "Noch besser wäre es aus meiner Sicht, Sie würden nicht die Umstände ändern, sondern ihr Problem verstehen. Dann haben Sie nämlich die Wahl, ob Sie lieber alleine leben oder sich eben doch in eine Beziehung begeben." Die meisten überzeugten Singles können nämlich nur single, aber nicht Beziehung. Ich plädiere immer für die Wahlfreiheit. Denn eines ist sicher: Eigentlich alle Menschen sehnen sich nach verlässlicher Bindung. Bindung ist eines unserer Grundbedürfnisse – und einsam zu sein ist etwas Schreckliches. Der Wunsch nach Verbundenheit muss übrigens nicht immer von einem Liebespartner abgedeckt werden. Innige Freundschaften können das auch. Das ist eine wichtige Nachricht, denn manchmal ist es einfach nicht möglich, den passenden Partner zu finden. Allerdings konfrontieren uns auch Freunde mit unserem mehr oder weniger gestörten Bindungsprogramm. Es lohnt sich also in jedem Fall, sich damit auseinanderzusetzen.

Wissenscommunity